Saúl Álvarez Der Boxer, der am "Tag der Toten" unsterblich werden will

Der Mexikaner Saúl "Canelo" Álvarez will als einer der größten Boxer seines Landes in die Geschichte eingehen. Dafür tritt er zwei Gewichtsklassen höher an als bisher. Kann das gutgehen?

Ethan Miller / AFP

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Man muss das Profiboxen nicht mögen, um anzuerkennen, dass es immer wieder besondere Geschichten schreibt. Manchmal auch besonders makabere. Nach einer Häufung von Todesfällen infolge zu vieler harter Schläge steht der Sport international in der Kritik. Und gerade in dieser Phase findet der größte Kampf des Jahres am "Día de los muertos" statt, dem in Mexiko traditionell groß gefeierten "Tag der Toten".

Mexikanische Feiertage sind beliebte Termine für große Box-Events, weil sich dann besonders viele Fans in den Hallen oder vor dem Fernseher versammeln - erst recht, wenn Mexikaner kämpfen. In der Nacht zu Sonntag (4 Uhr deutscher Zeit, Livestream DAZN) will Saúl "Canelo" Álvarez in Las Vegas Geschichte schreiben. Álvarez ist der mit Abstand bekannteste und erfolgreichste mexikanische Boxer seiner Generation. Doch damit allein will er sich nicht zufriedengeben. Er möchte in einem Atemzug mit den größten Legenden seines Landes genannt werden.

Érik Morales, Juan Manuel Márquez und Jorge Arce wurden Weltmeister in vier verschiedenen Gewichtsklassen. Álvarez hat bislang WM-Titel im Halbmittel-, Mittel- und Supermittelgewicht gewonnen. Nun steigt er ins Halbschwergewicht auf, um den russischen Weltmeister Sergey Kovalev zu entthronen und mit seinen Vorbildern gleichzuziehen. Doch die Risiken dieses Unterfangens sind enorm.

Der gefährliche "Krusher"

Im Mai kämpfte Álvarez noch im Mittelgewicht, also mit einem offiziellen Limit von 72,5 Kilogramm. Ein halbes Jahr später steigt er mit 79,3 Kilogramm in den Ring - und das gegen einen Mann, der fast einen Kopf größer ist als er, seit Jahren zu den besten Halbschwergewichtlern der Welt gehört und zudem als besonders schlagstark gilt.

Kovalev trägt nicht umsonst den Kampfnamen "Krusher". 29 Gegner schlug er K.o. - bei insgesamt 34 Siegen eine starke Quote. Auch gegen Álvarez, der die meisten seiner Kämpfe in Las Vegas bestreitet, deswegen praktisch ein Heimspiel hat und als Liebling der Punktrichter gilt, wird der Russe eine vorzeitige Entscheidung anstreben.

Diese Vorzeichen machen das Duell so interessant - und gefährlich, wenn man die tragischen Unfälle der vergangenen Monate bedenkt. Muss sich ein körperlich scheinbar deutlich unterlegener Boxer wirklich mit einem so erfahrenen und schlagstarken Gegner anlegen?

Meister des Rehydrierens

Tatsächlich ist der körperliche Unterschied zwischen Álvarez und Kovalev nicht so groß, dass man sich ernsthafte Sorgen machen müsste. Denn der Mexikaner boxte auch früher schon mal mit 78 Kilogramm und mehr, als er offiziell noch Weltmeister im Halbmittelgewichtslimit bis 69,8 Kilogramm war.

Möglich ist dies, weil das offizielle Wiegen einen Tag vor dem eigentlichen Kampf stattfindet. Danach haben Boxer die Gelegenheit, zu "rehydrieren", also ihre Wasser- und Energiespeicher wieder aufzuladen. Kaum ein Boxer legt dabei innerhalb von 24 Stunden so viel Gewicht zu, wie es Álvarez zu seinen leichteren Zeiten getan hat.

Er hat seinen Körper oft extrem ausgetrocknet, um auf das festgeschriebene Kampfgewicht zu kommen, war dann im Ring aber eigentlich ein Supermittel- oder Halbschwergewichtler, der gegen deutlich leichtere Gegner angetreten ist. Diesen Vorteil wird der Mexikaner nun nicht mehr haben, aber er wird auch nicht viel weniger Masse in den Ring bringen als Kovalev.

Muskelzuwachs dank Rindermastmittel?

Dass Boxer ihre Körper derart modifizieren können und im Laufe ihrer Karriere im Gewicht aufsteigen, ist nicht ungewöhnlich. Vielen jungen Sportlern fällt es leicht, auf ein bestimmtes Limit abzukochen. Doch mit dem Alter wird der Stoffwechsel schwerfälliger. Zudem entwickeln sich Profis körperlich weiter und bauen Muskulatur auf.

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Saúl "Canelo" Álvarez: Meister vieler Klassen

Der philippinische Superstar Manny Pacquiao gewann Weltmeistertitel in acht Gewichtklassen vom Fliegen- (50,8 Kilogramm) bis zum Weltergewicht (66,6 Kilogramm). Auch Álvarez hat im Laufe seiner Karriere 16 Kilo zugelegt. Sein Profidebüt gab der Mexikaner 2005 im Alter von gerade mal 15 Jahren mit 63 Kilogramm. Im Vergleich zum dürren Jungen von damals wirkt "Canelo" heute wie ein Bodybuilder.

Ob der enorme Muskelzuwachs ausschließlich auf hartes Training zurückzuführen ist, wissen nur Álvarez und sein Team. Fakt ist, dass der Mexikaner 2018 zweimal positiv auf die verbotene Substanz Clenbuterol getestet wurde. Weil der Stoff unter anderem in der Rindermast zum Einsatz kommt, behauptete Álvarez, er habe kontaminiertes Fleisch gegessen. Dadurch blieb ihm eine lange Sperre erspart. Nur deshalb ist das Duell mit Kovalev überhaupt möglich.

"Nicht nur der größere, sondern der bessere Mann"

Für die meisten US-Experten steigt Álvarez als Favorit in den Ring, weil Kovalev mit 36 Jahren seine beste Zeit schon hinter sich hat und in den vergangenen beiden Jahren vorzeitige Niederlagen gegen Andre Ward und den Kolumbianer Eleider Álvarez hinnehmen musste.

"Canelo" dürfte Geschwindigkeitsvorteile haben, wird den deutlich größeren Kovalev aber nicht so einfach durch den Ring prügeln können wie frühere Gegner. Für den Russen wird es darum gehen, seine Reichweitenvorteile auszuspielen und sich Álvarez mit langen Führhänden vom Leib zu halten. Sollte es der Mexikaner in den Infight schaffen, wird er Kovalev mit seinen Körper- und Aufwärtshaken zermürben. Durch die zusätzliche Masse bringt Álvarez genug Schlagkraft mit, um auch einem größeren Gegner wehtun zu können.

Kovalevs Trainer Buddy McGirt sagte vor dem Kampf, sein Schützling wolle beweisen, dass er "nicht nur der größere, sondern der bessere Mann" sei. In erster Linie dürfte McGirt aber hoffen, dass es auf der größtmöglichen Bühne nicht zu einem weiteren tragischen Unfall kommt. Im Juli betreute der Trainer Kovalevs russischen Landsmann Maxim Dadaschew in dessen Kampf gegen den Puerto Ricaner Subriel Matías. Nach der elften Runde nahm McGirt seinen Schützling aus dem Kampf. Vier Tage später war Dadaschew tot.



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Wigritz 02.11.2019
1. Kann das gutgehen?
Nur gegen "Fallobst".
GyrosPita 02.11.2019
2.
"Tag der Toten" ist doch eine Erfindung aus dem letzten Bond-Film, oder irre ich mich da?
Der_Müller 02.11.2019
3. Ich sehe die Chancen ausgeglichen
Ja, Kovalev ist 36. Aber er ist auf dem Zenit seiner Leistungsfähigkeit. Ausserdem hat er keine Pause gehabt, sondern konnte direkt durchtrainieren. Schließlich hat er nichts zu verlieren, was auch alle öffentliche Auftritte zeigen, dass er deutlich entspannter wirkt, als Canelo. Entscheidend wird sein, ob Canelo die Distanz verkürzen kann, um mit seinen Paradeschlägen, den Körperhacken, seine Trümpfe ausspielen kann. Gerade hier ist es von Vorteil, das Canelo kleiner ist, aber auch, das Kovalev hier immer wieder schlecht gedeckt ist. Ich sehe die Chancen insgesamt ausgeglichen und habe auf nur auf Grund der Wettquote Kovalev gewettet, die bei 1 : 3,5 liegt. Auf jeden Fall stelle ich mir den Wecker und stehe auf - das ist mal wieder ein Kampf, der es wert ist!
napoleonwilson 02.11.2019
4. Boxen...
Wer den Kampf gewinnt steht doch schon vorher fest. Deswegen sehe ich Profi Boxen gar nicht mehr. Börsen bis 400 Mio Dollar ect. Alles nur Werbung und Schiebung.
murun 02.11.2019
5. Unsinn.
Zitat von napoleonwilsonWer den Kampf gewinnt steht doch schon vorher fest. Deswegen sehe ich Profi Boxen gar nicht mehr. Börsen bis 400 Mio Dollar ect. Alles nur Werbung und Schiebung.
Das ist Boxen, kein Wrestling. Eklatante Fehlurteile sind glücklicherweise im Profiboxen zurückgegangen (im Gegensatz zu den Amateuren). Trotzdem sehe ich den Kampf fragwürdig, wenn auch spektakulär von außen betrachtet. Alvarez ist nun mal kein Floyd Mayweather jr. oder Manny Pacquiao, die zwischen den Geichtsklassen tingelten und dort jeweils fast alle Großen schlugen. Er wird Kovalev unterschätzen...
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