Schachweltmeister Magnus Carlsen Der Bauernopferer

Schachweltmeister Magnus Carlsen hat sich neu erfunden. Nach dem zähen WM-Kampf gegen Fabiano Caruana änderte der Norweger sein Spiel, seine Muse heißt AlphaZero.

Magnus Carlsen hat seinen Spielstil verändert
Paul Childs / REUTERS

Magnus Carlsen hat seinen Spielstil verändert

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Magnus Carlsen hatte gerade das Schachturnier in Stavanger in seiner norwegischen Heimat gewonnen. Bei der anschließenden Pressekonferenz Mitte Juni blickte der Superstar zu Boden, als sei es ihm unangenehm, über sein Schachspiel zu sprechen. Auf die Bemerkung, dass er immer häufiger dazu tendiere, Bauern zu opfern, antwortete er mit einem langgezogenen "Jaaa". Es klang, als habe man einen kleinen Jungen bei einem Streich ertappt.

Nun war es aber kein Streich, sondern die neue Taktik des vielleicht besten Schachspielers der Geschichte. Carlsens Triumph in Stavanger war sein siebter Turniersieg in Serie. Seit dem Weltmeistertitel im Blitzschach Ende Dezember 2018 hat der Norweger alle Turniere gewonnen, bei denen er angetreten ist, darunter das renommierte Turnier in Baden-Baden. Seit rund 70 klassischen Partien in Serie ist er ungeschlagen.

Magnus Carlsen verteidigte seinen WM-Titel gegen Fabiano Caruana mit Mühe
DPA

Magnus Carlsen verteidigte seinen WM-Titel gegen Fabiano Caruana mit Mühe

Diese Dominanz ist angesichts Carlsens Vita nicht überraschend. Und doch ist sie beeindruckend, hält man sich den vergangenen WM-Kampf vor Augen: Gegen Herausforderer Fabiano Caruana spielte Carlsen im November zwölfmal Remis, bevor er seinen Titel im Tiebreak verteidigte. Carlsen wirkte müde, ausgelaugt, erschöpft. Nicht auszuschließen, dass er bei einer Niederlage über sein Karriereende nachgedacht hätte.

Das alles ist nun vergessen. Aktuell sieht man - den Zahlen nach - den zweitbesten Magnus Carlsen der Geschichte. Der 28-Jährige liegt nur knapp zehn Elopunkte hinter seinem eigenen Weltrekord von 2882 Punkten aus dem Jahr 2014.

Aber was hat sich verändert, dass Carlsen wieder so erfolgreich spielt?

Beim Turnier in Stavanger verriet Carlsen, was ihn im Moment so stark macht. "Ich wurde in letzter Zeit von meinen Idolen beeinflusst, nämlich von AlphaZero und auch von einem meiner Sekundanten von der Weltmeisterschaft: Dubow. Er hat viele dieser Ideen mit Opfern in der Eröffnung", sagte Carlsen: "Ich bin ein ganz anderer Spieler geworden."

Künstler haben ihre Musen: Claude Monet hatte Camille Doncieux. Pablo Picasso hatte Dora Maar. Und Magnus Carlsen hat AlphaZero und Daniil Dubow, eine Maschine und einen Sekundanten.

AlphaZero ist ein neuartiges Schachprogramm, das die Szene 2017 in Aufruhr versetzte - und das immer noch tut. Anders als bisher bekannte Programme ist AlphaZero eine selbst lernende Software. Durch Millionen von Partien gegen sich selbst entwickelte das Programm eine tiefsinnige Strategie und wurde zur stärksten Schachsoftware. Und sie lernt immer weiter. Allerdings ist AlphaZero für die Spieler nicht zugänglich, noch nicht mal für Magnus Carlsen. Aber ein Teil ihrer durch offensive Taktik gewonnenen Partien gegen eine andere Software namens Stockfish wurden veröffentlicht.

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"Ich glaube, dass das eine Inspiration war für ihn, riskanter zu spielen und neue Wege zu gehen in der Eröffnung", sagte Jan Gustafsson dem SPIEGEL. Der 40 Jahre alte Hamburger war selbst Sekundant von Carlsen bei den WM-Spielen 2016 und 2018. Daher kennt er auch Daniil Dubow. Gemeinsam mit dem 23 Jahre alten Russen und drei weiteren Sekundanten erarbeitete Gustafsson Strategien für Carlsens Match gegen Caruana, von denen der Norweger auch bei seinen späteren Turniersiegen profitierte.

"Dubow ist ein sehr, sehr kreativer, sehr junger, sehr aggressiver, sehr selbstbewusster Spieler, der auch mal nicht so ausgetretene Wege betritt und bereit ist, mehr Risiko zu gehen", so Gustafsson: "Aber er hat immer eine Basis dahinter und spielt nicht Risiko des Risikos willen. Er ist ein sehr interessanter Spieler, der in letzter Zeit viel für die Eröffnungstheorie getan hat."

Den konkreten Einfluss auf Carlsens Spiel sieht man im Vergleich zu früheren Partien. "Gerade zu Anfang seiner Karriere und seiner Dominanz als bester Spieler der Welt hat Carlsen viele Partien durch reine Technik gewonnen, also solide spielen, die Gegner aussitzen und die Partie dadurch gewinnen, dass er konstant keine Fehler macht und den Druck aufrecht hält", sagte Gustafsson.

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Mit der Zeit gewöhnten sich Carlsens Gegner an seinen Stil und entwickelten neue Verteidigungstechniken. Zwischen 2016 und 2018 ließ Carlsens Dominanz deswegen nach. Nun hat der Weltmeister aber eine Antwort gefunden: Er spielt verschiedene unbekanntere Eröffnungsvarianten mit Weiß und opfert schon früh im Spiel Figuren, um sich Stellungsvorteile zu verschaffen. Mit Schwarz wählt er häufig die moderne Sweschnikow-Variante der Sizilianischen Verteidigung. "Durch dieses aggressivere Spiel sind auch die Ergebnisse zurückgekommen, weil er die Gegner jetzt vor neue Probleme stellt als mit dem eher technisch geprägten Stil", sagte Gustafsson.

Carlsen und seine Vielseitigkeit

Der Großmeister betont aber auch, dass Carlsen immer ein sehr universeller Spieler war. Deswegen fällt es ihm leichter, seinen Stil anzupassen. Festgelegt auf Risiko und frühe Opfer ist Carlsen nicht. "Es kann sicher wieder zurückschwappen, sodass er wieder mehr Spaß am technischen Schach und an Endspielen hat", sagte Gustafsson. "Ich glaube, dass er pragmatisch genug ist, dass er das macht, wo er sieht, dass es funktioniert."

Sollte Carlsen also noch mal eine Schwächephase haben, könnte er aus seinem großen Repertoire eine andere taktische Facette hervorheben und die Konkurrenz wieder vor neue Probleme stellen.

So lange lässt er sich aber noch von AlphaZero und Daniil Dubov inspirieren.

insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
transalp96 26.06.2019
1. wie denn
Dubow oder Dubov?
dont_think 26.06.2019
2.
"vielleicht der beste Schachspieler der Geschichte" - damit sollte man vorsichtig sein! wenn man es aufgrund der ELO-Inflation behauptet - dann "ja". wenn man andere Komponenten im (Nah-)Schach berücksichtigt - dann eher "nein".
cs01 26.06.2019
3.
Zitat von transalp96Dubow oder Dubov?
Kommt ein bischen darauf an, welcher Transkiption sie folgen. Ich glaube mit "w" wäre es nach deutschem Duden korrekt, mit "v" steht er in der FIDE-Datenbank und ist die international übliche Variante. Ich mag seine partien, egal wie man ihn schreibt. Bringt ein wenig Abwechslung in das Remisgeschiebe der immer gleichen Leute auf den Superturnieren.
blogvormkopf 26.06.2019
4. Gerade aufgrund der Elo-Inflation ...
... ist er eher nicht der beste aller Zeiten. Die Elo-Zahlen sind insgesamt im Niveau angestiegen, aus mathematischen Gründen. Die Zahlen von heute lassen sich daher nicht eins zu eins mit jenen der 90er oder gar der 70er Jahre vergleichen. Andere Parameter schon eher. Carlsen ist stark. Aber würde er jemals gegen einen anderen Super-Großmeister (Elo > 2750) ein Match 6 zu 0 gewinnen. Wohl kaum. Bobby Fischer gelang genau das vor seinem WM-Kampf 1972 gleich zwei Mal in den Kandidatenkämpfen.
Phil2302 26.06.2019
5. An Nummer 2
Wie kommen Sie darauf? Ein Spieler von früher, sei es Fischer oder sonst wer, hätte schon deswegen kaum eine Chance, weil das Spiel sich so unglaublich viel weiter entwickelt hat. Durch den Einsatz von Computern sind viele neue Wege beschritten und alte verlassen worden. Die gesamte Weltspitze ist in Summe viel stärker geworden. Schauen Sie sich mal die Bewertungen von Stockfish für aktuelle und für damalige Partien an - heutzutage sind die Züge näher an den Computervorschlägen als damals.
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