Schnellschachweltmeister Daniil Dubow Freigeist, Blitzdenker, Champion

Daniil Dubow liebt das Risiko. Die Kreativität und Aggressivität des 23-Jährigen beeindruckten Schach-Superstar Magnus Carlsen so sehr, dass er den Russen in sein Team holte. Nun spielen beide um den Titel bei der Blitz-WM.
Schnellschachweltmeister Daniil Dubow: "Es war smart, um glücklich zu werden"

Schnellschachweltmeister Daniil Dubow: "Es war smart, um glücklich zu werden"

Foto: Anton Vaganov/ REUTERS

Die Damen rauschen ins Spiel, Königsfestungen fliegen auseinander und am Ende entscheidet ein Patzer über Sieg oder Niederlage. Zeit zum Nachdenken bleibt beim Blitzschach nicht. Die Großmeister spielen anhand ihres Erinnerungsvermögens und nach Intuition. Das ist genau das, was Daniil Dubow liebt.

Blitzschach ist Dubows Lieblingsspiel, Weltmeister wurde er vor einem Jahr allerdings in der etwas langsameren Variante Schnellschach. Hier hat jeder Spieler 15 Minuten Zeit für seine Züge. Wenn nun die nächste Schnell- und Blitzschach-WM am 26. Dezember in Moskau beginnt, zählt auch der 23 Jahre alte Russe in seiner Heimatstadt zu den Mitfavoriten auf die Titel in beiden Disziplinen.

Das Ziel Titelverteidigung hat er sich aber nicht gesetzt, sagt Dubow im Gespräch mit dem SPIEGEL. Er ist kein Typ, der sich Ziele setzt. "Das ist, wie wenn du ins Casino gehst: Du kannst dir das Ziel setzen, ein paar Tausend Dollar zu gewinnen, vielleicht gewinnst du, wahrscheinlich wirst du aber verlieren." Dubow, Hobbypokerspieler, ist ein Freigeist, ein kreativer Spieler, kein Theoriepauker. Das war schon früher so.

Der Einfluss des Großvaters

In seiner Jugend war Dubow eines dieser vielen Wunderkinder, die es im Schach immer wieder gibt. Mit 14 Jahren wurde er Großmeister. Einen gewissen Anteil daran hatte auch sein Großvater, Eduard Dubow, ein in Russland berühmter Schachschiedsrichter. Der Opa kannte Spieler wie die ewigen WM-Gegner Garri Kasparow und Anatolij Karpow persönlich. Mit solchen Kontakten war es nicht schwer, gute Trainer für seinen Enkel zu finden. "Dank meines Großvaters hatte ich Chancen, die die anderen Jungs nicht hatten", sagt Dubow. Die anderen Jungs, damit meint er insbesondere junge Spieler, die, anders als er, aus Kleinstädten Russlands kamen und nicht für die Schachschule nach Moskau ziehen konnten. Viele verloren den Anschluss.

2016 gewann Dubow Bronze bei der Blitz-WM, hinter Magnus Carlsen und Sieger Sergei Karjakin

2016 gewann Dubow Bronze bei der Blitz-WM, hinter Magnus Carlsen und Sieger Sergei Karjakin

Foto: Karim Jaafar/ AFP

Bei Teenager Daniil lief es dagegen immer besser. "Das alles ergab sich recht leicht", sagt Dubow heute: "Ich habe nicht wirklich an mir gearbeitet und wurde Großmeister." Als er sich dann nach seinem Schulabschluss entscheiden musste, was er machen wollte, fiel der Entschluss, Schachprofi zu werden. "Ich bin mir nicht sicher, ob das smart war. Aber es war smart, um glücklich zu werden", sagt Dubow. "Ich wollte nicht in einer Firma arbeiten, einen Chef haben und das alles."

Dubow schaffte es in die Top-50 der Weltrangliste. Doch seine Leistung stagnierte. Fortan musste er härter trainieren. Er habe mal mit Magnus Carlsen, Weltmeister im klassischen und Blitzschach, darüber gesprochen, erzählt Dubow. Er habe zu Carlsen gesagt: "Du bist der beste Spieler der Welt, aber du verbringst nicht viel Zeit mit deinem Schach." Carlsen habe ihm zwar Recht gegeben, aber auch gesagt, er habe als Teenager wie verrückt an sich gearbeitet.

Carlsens Sekundant

Carlsen und Dubow haben eine besondere Beziehung. Bei der klassischen Schach-WM 2018 arbeitete der Russe als Sekundant für den Weltmeister, als Helfer bei der Analyse der Partien. Bei einem Turnier in Georgien hatten sich die beiden kennengelernt, sie spielten ein paar Partien gegeneinander und bald fragte Carlsen an, ob Dubow nicht während der WM für ihn arbeiten wolle. Er hatte dessen Talent für kreative Eröffnungen erkannt.

Dubow erarbeitete für die WM neue Eröffnungswege für Carlsen, mutige Varianten mit frühen Figurenopfern. Noch in diesem Sommer erklärte der Weltmeister, dass Dubow ihn inspiriert habe. Sekundanten-Kollege Jan Gustafsson sagte dem SPIEGEL: "Dubow ist ein sehr, sehr kreativer, sehr junger, sehr aggressiver, sehr selbstbewusster Spieler, der auch mal nicht so ausgetretene Wege betritt und bereit ist, mehr Risiko zu gehen." Das kommt ihm beim Blitzschach entgegen, so bringt er seine Kontrahenten gerne aus der Fassung.

Dubow blieb der WM 2017 fern - aus Protest, wie er heute sagt

Dubow blieb der WM 2017 fern - aus Protest, wie er heute sagt

Foto: Anton Vaganov/ REUTERS

Wenige Monate nach Carlsens Titelverteidigung wurde Dubow Weltmeister im Schnellschach. Ob das Training mit Carlsen der entscheidende Faktor für den Titel war, weiß Dubow nicht: "Es war natürlich nützlich, aber es fühlte sich für mich nicht richtungsweisend an."

Protest gegen Saudi-Arabien

Auch ohne das Training mit Carlsen hatte Dubow 2016 in Katar bereits Bronze bei der Blitz-WM gewonnen, seinem Lieblingsturnier. Nachlegen konnte er 2017 aber nicht, weil er nicht teilnahm. Heute erklärt Dubow, er habe verzichtet, um damit gegen die Vergabe der WM an Saudi-Arabien zu protestieren. In Riad durften keine israelischen Spieler antreten, sie erhielten keine Visa. "Einfach lächerlich", findet Dubow. Die WM wird immer noch von Saudi-Arabien finanziert, das Turnier findet seit 2018 aber in Russland statt.

Für ihn sei es sehr schmerzhaft gewesen, sein Lieblingsturnier nur von zu Hause aus verfolgen zu können, sagt Dubow. Da er ein Jahr später aber Weltmeister wurde, bereut er die Entscheidung heute nicht. Wenige Tage vor der WM war sein Großvater Eduard gestorben, den Sieg widmete er ihm.

Dieses Jahr könnten etwa 20 Spieler Weltmeister werden, meint Dubow - allen voran natürlich Magnus Carlsen. "Es hängt von deiner Stimmung ab und davon, wie du geschlafen hast", sagt Dubow. Einen schlauen Plan zur Vorbereitung habe er nicht. "Ich bereite ein paar Eröffnungen vor, die zu risikoreich für das klassische Spiel sind." Dann wird nach Intuition gespielt. So mag er es am liebsten.

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