Schach Speck für den Knecht

Weltmeister Wladimir Kramnik tritt gegen einen Computer an ­ und das Ergebnis ist völlig offen: Das Superhirn der neuesten Generation wird mit jeder Partie schlauer.

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Wladimir Kramnik fordert Deep Fritz heraus
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Wladimir Kramnik fordert Deep Fritz heraus

Selbst Jahre nach dem spektakulären Match erwies sich Garri Kasparow noch als schlechter Verlierer. Er habe die "schädliche Macht eines multinationalen Konzerns" unterschätzt, der glauben machen wollte, "dass nur der Rechner spielte und künstliche Intelligenz den Homo sapiens bezwang". In Wahrheit, schäumte der Russe, sei seinem Gegenspieler "durch menschliche Eingriffe" geholfen worden.

Sensation durch Deep Blue


Es ist die Schmach von Manhattan, die bei Kasparow zu einer Art Trauma geführt hat. Als Favorit war er 1997 angetreten zum Kampf des Menschen gegen die Maschine, stellvertretend am Schachbrett geführt. Der damalige Weltmeister spielte in New York sechs Partien gegen den IBM-Superrechner Deep Blue und bekam die Übermacht des Computers zu spüren: Er unterlag mit 2,5:3,5. Eine Sensation, mit der selbst Technik-Freaks nicht ernsthaft gerechnet hatten.

Der Wettstreit des Elektronengehirns gegen sein menschliches Pendant verströmte damals eine unglaubliche Faszination und war eines der größten Internet-Ereignisse aller Zeiten. Die Veranstalter verzeichneten stundenweise über 22 Millionen Zugriffe auf die Homepage des Turniers.

Kramnik fordert Deep Fritz heraus


Jetzt, vier Jahre nach Kasparows demütigender Niederlage, tritt der nächste Champion an, um die Ehre der Menschheit zu retten und die Schach-Welt gegen den Computer zu verteidigen. Im Herbst bittet Weltmeister Wladimir Kramnik zum Duell mit Deep Fritz, einem Programm der Hamburger Firma Chessbase. Das prestigeträchtige Match im Emirat Bahrein geht über acht Partien und ist mit einer Million Dollar dotiert.

Brisant ist die Begegnung im Persischen Golf, weil Fritz, anders als das Unikat Deep Blue, die überarbeitete Version einer handelsüblichen Software ist ­ also in jeder besseren Buchhandlung zu kaufen und selbst auf einem Discount-Computer einsetzbar. Die Spielstärke des Programms, das von dem Holländer Frans Morsch und dem Deutschen Mathias Feist geschrieben wurde, erreicht leicht großmeisterliches Niveau; seine Leistung entspricht 2650 Elo-Punkten. Verteidigungskünstler Kramnik, 25, der vergangenen November in London seinem Landsmann Kasparow den WM-Titel abnahm, steht mit 2802 Elo-Punkten in der Spieler-Weltrangliste auf Platz zwei.

Neuntägiger Zweikampf in Arabien


Das Recht, Kramnik überhaupt herausfordern zu dürfen, hat sich Fritz im April im spanischen Cadaqués erstritten. Dort besiegte die Nummer eins der Schachcomputer-Weltrangliste in einer Hotelsuite, in der Tag und Nacht lediglich zwei identische Dualprozessor-Rechner per Kabel miteinander verbunden waren, das israelische Programm Junior.

Seither bereiten die Chessbase-Tüftler ihren Fritz intensiv auf den neuntägigen Zweikampf im arabischen Inselreich vor. Zusammen mit dem britischen Großmeister und Mathematiker John Nunn und dem Erfurter Großmeister Thomas Luther grübeln sie über mögliche Eröffnungsvarianten und bimsen ihrem Programm Kramniks frühere Partien ein.

Seine Chance sieht das Team vor allem darin, dass ihr Spieler emotionslos zu Werke geht. Fritz zeigt keine Nerven und ist niemals niedergeschlagen. Die Maschine lässt sich von ihrem Gegenüber nicht verunsichern und wird nie müde. "Je länger ein Spiel dauert, desto besser für uns", sagt Matthias Wüllenweber von Chessbase. "Wenn Kramnik sich mental nicht im Griff hat, kann er niemals gewinnen."

Trial-and-Error-Prinzip


Denn anders als Deep Blue ist Fritz ein Schachspieler, der mit jeder Partie schlauer wird. Das Programm merkt sich, wenn bestimmte Züge nicht zum Erfolg führen und wendet in einer vergleichbaren Situation dann eine andere Variante an. Mit diesem Trial-and-Error-Prinzip zwang Fritz auch die israelische Junior-Software in die Knie. Nach fünf Partien stand es 0:5 gegen die Hamburger ­ die Frage, wer hier das bessere Programm entwickelt hatte, schien beantwortet. Doch Fritz lernte aus jeder Niederlage und entdeckte beispielsweise, dass die Sizilianische Verteidigung die beste Taktik gegen die Angriffswut von Junior ist. Am Ende siegte Fritz 14:12.

Ob die Lernfähigkeit des dynamischen Programms allerdings ausreicht, um den Weltmeister zu bezwingen, vermögen nicht mal dessen Erfinder einzuschätzen. Denn Kramnik wird sich besser auf Fritz vorbereiten können als Kasparow seinerzeit auf die Partie mit Deep Blue. Kramnik, der die Schachschule von Michail Botwinnik besucht hat, wird verhindern wollen, dass der Computer seine Rechenkraft entfaltet. Dazu will er Stellungen provozieren, die das Programm nicht versteht. Etwa indem er einen langfristigen Königsangriff plant, bei dem er dem Rechner seine Bauern anbietet wie einer Maus den Speck.

Grabschen nach Figuren


"Computer grabschen sofort nach Figuren, wenn es möglich ist", sagt Wüllenweber. Sie seien nicht fähig, wie der Mensch Wissen in einen Kontext zu stellen. Sie könnten einen kreativen und kniffligen Spielaufbau nicht entschlüsseln und tappten deshalb leichter in die Falle. Da können die Programmierer ihre Software mit Daten füttern, so viel sie wollen.

Für Kramnik ist Fritz zudem kein Unbekannter, sondern ein ziemlich konditionsstarker Herausforderer: Mindestens 3000 Fritz-Partien gegen andere Schachprogramme sind dokumentiert. Der Großmeister aus Tuapse am Schwarzen Meer ist entsprechend gut gerüstet für die bevorstehende Schlacht. Computer, sagt er, seien nur elektronische Knechte, die die Schönheit des Schachs nie kapieren würden. "Sie können sich ja nicht einmal über Siege freuen."



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