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Schachweltmeister Anand: Herausforderung für den Tiger

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Schach-Champion Anand Der Nette will sein Meisterwerk

Dreimal hat Viswanathan Anand seinen Titel als Schachweltmeister verteidigt, jetzt steht dem 43-Jährigen die größte Herausforderung bevor: das Duell mit dem jungen Magnus Carlsen, der Nummer eins der Weltrangliste. Mit einem Triumph würde Anand zu den ganz Großen seines Sports aufsteigen.

Den Inder Viswanathan Anand darf jeder der Einfachheit halber "Vishy" nennen, er hat kein Problem damit, dass ihn Fremde mit seinem Spitznamen ansprechen, und das sagt schon viel über ihn aus. Vishy Anand ist vielleicht nicht der beste Schachspieler, der jemals Weltmeister war. Aber ganz sicher der netteste.

Er besitzt nicht diese grüblerische Arroganz, die Gary Kasparow auszeichnete, er ist auch kein Nerd wie Anatoli Karpow, der ständig imaginäre Haare vom Brett wischte, er wittert keine Weltverschwörung, so wie das Bobby Fischer tat. Und er ist auch nicht so einsilbig, so distanziert wie Magnus Carlsen, sein norwegischer Herausforderer im Kampf um den Titel, der am Freitag in Chennai beginnt, in Anands indischer Heimatstadt.

In einem Sport, in dem der Intellekt eines Spielers für gewöhnlich nur mit der Größe seines Egos konkurriert, ist Vishy Anand, 43 Jahre alt, Weltmeister seit 2007, das Anti-Klischee.

Er weiß auch über Rammstein und Tiki-Taka Bescheid

Er redet ungefähr so schnell, wie er Stellungen kalkulieren kann, er macht sich gern über sich selbst lustig, weiß über die Musik von Rammstein Bescheid, über die amerikanische Innenpolitik und Tiki-Taka-Fußball. Anand ist ein Fan von Ali G, dem Gangsta-Rapper, den Sascha Baron Cohen darstellt: An der Tür zu seinem Arbeitszimmer hängt ein Schild mit der Aufschrift "Vishy is indahouse". Für Anand gibt es ein Leben abseits des Schachs.

Auf seine vierte Titelverteidigung aber hat er sich drei Monate lang in Bad Soden vorbereitet, seit zehn Jahren gehört ihm dort eine Wohnung im Ziegelei-Viertel. Anand hatte eine Saisonkarte fürs Freibad, schwamm jeden Morgen 1000 Meter, joggte zehn Kilometer durch den Eichenwald, rannte Treppenstufen hoch. Sechs Kilo hat er abgenommen.

Anand muss körperlich fit sein, weil er fast doppelt so alt ist wie Carlsen: Wer müde wird, konzentriert sich schlechter, und wer sich schlecht konzentriert, macht Fehler. Den Rest des Tages studierte Anand mit seinem acht Mann starken Team eine Datenbank, in der 1960 Partien seines Gegners gespeichert waren.

Er sagt, er habe sich vorbereitet, als plane er einen Hinterhalt in einem riesigen Wald. "Du kannst das ganze Gelände nicht überblicken, daher musst du einige Stellen besser kennen als dein Kontrahent. Und dort überfällst du ihn dann." Soweit die Theorie.

Herausforderer Carlsen gilt als der Favorit

Tatsächlich hat Anand gegen Carlsen öfter gewonnen als verloren, trotzdem geht er als Außenseiter in die Begegnung. Carlsen ist aktuell die Nummer eins der Weltrangliste, Anand nur die Nummer acht. Er sagt, Carlsen sei das größte Talent, das er je gesehen habe. Schon vor fünf Jahren meinte er, der Norweger müsse endlich ein Mädchen kennenlernen, das ihn vom Schach ablenke, damit man in Zukunft noch mithalten könne. Carlsen ist immer noch Single.

Anand ist Brahmane, er gehört der höchsten Kaste an, ist verheiratet mit Aruna, sie haben einen zweijährigen Sohn, Akhil. Sie wohnen in Chennai in einem Apartment, in einer ruhigen Straße, die von Bäumen gesäumt ist. Ein paar Hindu-Figuren im Wohnzimmer, verzierte Schachbretter in der Vitrine. Relativ bescheiden für einen Mann, der in Indien als Nationalheiliger gilt.

Mit dem Schach hat er angefangen, da war er sechs; seine Mutter brachte ihm die Regeln bei. Systematisch ausgebildet wurde er nicht, er ist Autodidakt, und die Erlaubnis zum Schachspielen musste er sich durch gute Noten in der Schule verdienen. 1987 siegte er als erster Asiate bei der Junioren-WM, und im selben Jahr, mit 19, wurde er auch als erster Inder in den Kreis der Großmeister aufgenommen. Er war sich aber nicht sicher, ob er in diesem Zirkel wirklich glücklich würde. Nach dem Abitur studierte Anand Betriebswirtschaft, weil er Angst hatte, ein Schachverrückter zu werden.

In seiner Heimat gehört Schach jetzt zum Unterricht

Zum ersten Mal spielte er 1995 um die Weltmeisterschaft, verlor aber gegen Kasparow. Vor sechs Jahren dann löste er Wladimir Kramnik ab und wurde der 15. Schachweltmeister in Kontinuität seit Wilhelm Steinitz. Den Titel hat er seitdem dreimal verteidigt. Anand ist Träger der drei höchsten indischen Orden, er wurde dreimal zum Sportler des Jahres gewählt, und in Tamil Nadu, dem Bundesland, in dem Chennai liegt, gehört Schach mittlerweile zum Unterricht. In den Wochen vor der Weltmeisterschaft haben die Leute dort täglich für seinen Sieg gebetet.

Anand selbst setzt auf seine Erfahrung, er gilt als Experte des Duells über zwölf Partien, ein Turniermodus, der Carlsen nicht vertraut ist. "Generell hast du das Gefühl, was auf dem Brett passiert, passiert auch mit dir. Wenn du verlierst, meinst du, du selbst wirst auseinandergerissen, nicht nur deine Figuren." Bei einer WM sei dieses Gefühl noch wesentlich intensiver, "weil dich derselbe Kerl immer wieder und wieder angreift. Wenn du ständig gegen denselben Gegner spielst, bist du so auf ihn fokussiert, dass du die Attacken viel persönlicher nimmst."

Ihm könnte helfen, dass er ein ausgeglichener Mensch ist, der mit zunehmendem Alter ruhiger spielt. Anand stellt seine Intuitionen stärker in Frage, arbeitet gewissenhafter an seinen Schwächen. "Carlsen wird bestimmte Dinge tun, weil er 22 ist. Und ich kann bestimmte Dinge tun, weil ich 43 bin."

Vishy Anand hat nichts zu verlieren. Gewinnt Magnus Carlsen, hätte sich der Favorit durchgesetzt, dann hätte die Jugend das Alter besiegt. Gewinnt Anand, wäre das sein Meisterwerk. Dann wäre er mehr als einfach nur nett. Dann würde er endgültig als einer der besten Schachspieler der Geschichte gelten.