"Detektiv" ermittelt Schachbetrüger mit dem Handy auf der Toilette erwischt

Der Schach-Weltverband hat einen Großmeister auf der Toilette beim Betrügen erwischt. Geholfen hat dem Verband Ken Regan, der sogenannte "Schachdetektiv".

Auch im Schach wird betrogen
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Auch im Schach wird betrogen

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Igor Rausis galt als Spätentwickler, als Hoffnungsträger für ältere Schachspieler. Im hohen Schachalter von 58 Jahren stürmte er die Weltrangliste empor - bis er in der vergangenen Woche stürzte. Der Schachweltverband Fide hat den tschechischen Großmeister offenbar des Betrugs überführt. Bei den Straßburg Open, einem mittelgroßen Turnier, fanden Ermittler der Fide ein Smartphone auf der Toilette und machten Rausis als Besitzer aus.

Der Beschuldigte unterschrieb mittlerweile eine offizielle Erklärung, das Handy während des Turniers benutzt zu haben. Das ist im Schach strikt verboten, schließlich könnten sich die Spieler Hilfe bei einem Schachcomputer holen: Was ist mein bester Zug? Wie reagiere ich am intelligentesten auf diese Eröffnung meines Gegners?

Rausis gab gegenüber der britischen "Times" zu, eine Schachsoftware benutzt zu haben. Welche App genau, wollte er aber nicht verraten. Der Großmeister sagte, er erwarte nun eine lebenslange Sperre und habe seinen "Schachtod" begangen. Der Weltverband Fide hat Ermittlungen eingeleitet.

Vor den Partien auf technische Hilfen durchsucht

Was Doping für Bewegungssportler darstellt, ist die Computerhilfe für Schachspieler. Schließlich ist die künstliche Intelligenz, wie beispielsweise AlphaZero, deutlich stärker im Schach als menschliche Spieler. Eine Engine, die die richtigen Züge verrät, verhilft jedem Amateur und Großmeister zu Siegen - und ist deswegen während der Partien verboten. Bei großen Turnieren wie der WM werden die Spieler auf technische Hilfen wie Handys oder Mikrowanzen im Ohr durchsucht. Doch bei kleineren Turnieren ist der Betrug aufgrund mangelnder Kontrollen einfacher.

In der Vergangenheit wurden Fälle bekannt, in denen sich Schachspieler mit technischen Hilfsmitteln Siege erschlichen. Die vermeintlichen Genies ließen sich die besten Züge von Kollegen per SMS schicken oder per Funk ins Ohr sprechen. Doch es sind wenige Ausnahmen, wie hoch die Dunkelziffer der unerlaubten technischen Hilfe ist, bleibt unklar. Der bislang letzte bekanntere Betrugsfall wurde 2015 aufgeklärt, als der Georgier Gajos Nigalidse bei den Dubai Open mit einem Handy auf der Toilette erwischt wurde.

Die zu laschen Kontrollen könnte sich auch Rausis zunutze gemacht haben. Der tschechische Großmeister hatte bis 2013 eine stabile Elo-Wertungszahl von rund 2500. Innerhalb von sechs Jahren schoss die Zahl aber um knapp 200 Punkte in die Höhe. Dabei war Rausis mit 58 Jahren eigentlich über den Zenit eines Topspielers hinaus. Er war der älteste Spieler in den Top 100 der Weltrangliste. Rausis Leistungssprung ist vergleichbar mit einem Sprinter, der erst mit 40 Jahren anfängt, die 100 Meter regelmäßig in elf Sekunden zu laufen.

Algorithmus kann Betrüger überführen

Die Strategie des Tschechen sah laut den Expertenseiten "ChessBase" und "Chess24" so aus: Er spielte mittelgroße Turniere wie in Straßburg, in denen er als Großmeister auf deutlich schlechtere Spieler traf. Meist gewann er die Spiele und legte pro Sieg den Mindestwert von 0,8 Elo zu. So entwickelte er sich langsam aber stetig zum vermeintlichen Weltklassespieler. Beweise, dass er dabei Computerhilfe hatte, gibt es nicht.

Laut Yuri Garrett, dem Chef der Fairplaykommission, profitierte die Fide bei ihrer Beobachtung Rausis' von Partieanalysen des US-amerikanischen Professors Ken Regan. Der Informatiker, der schon als "Schachdetektiv" beschrieben wurde, hat einen Algorithmus entwickelt, mit dem er Partien auf computergestützte Hilfe untersuchen kann. Der Algorithmus sucht nach Korrelationen zwischen Zügen auf dem Brett und dem von der Schachengine empfohlenen Zug. Wählt ein Spieler häufig den Computerzug, ist er zu nah an der Perfektion und macht sich des Betrugs verdächtig - so wie Rausis.

Wenn Regan Partien analysiert, fragt er seinen Algorithmus: "Waren es erzwungene Züge? Waren die meisten Züge solche, die die meisten Menschen gefunden hätten?" Das erklärte er vor Jahren im Interview mit dem "National Public Radio": "Mein Modell spuckt dann eine Zahl aus, die sagt: Ja, deswegen gibt es keine große Abweichung. In anderen Fällen heißt es: Whoa, warte eine Sekunde, das ist eine viel höhere Korrelation, als diese Stellung zulassen würde."

"Erst der Anfang"

Aufgrund dieser Analysen beobachtete die Fide Rausis offenbar schon länger. Beim Turnier in Straßburg entdeckten die Mitarbeiter schließlich das Handy auf der Toilette und fanden heraus, dass es dem Großmeister gehört. Im Internet kursiert sogar ein Bild von Rausis, wie er mit einem Handy in der Hand auf der Toilette sitzt. Wer das Foto über die Kabinenwand hinweg geschossen hat, ist nicht bekannt. Die Fide erklärte, dass das Foto nicht von ihr stamme.

"Dass wir Rausis erwischt haben, ist erst der Anfang", schrieb Fide-Generaldirektor Emil Sutovsky auf Facebook: "Während es unmöglich ist, Betrug zu beseitigen, hat sich das Risiko, erwischt zu werden, deutlich erhöht. Und die Strafen werden härter sein."

Wie oft die Fide Hinweisen durch den Algorithmus von Professor Regan nachgeht oder ob sie schärfere Sicherheitsvorkehrungen auch bei kleineren Turnieren durchsetzen möchte, ist allerdings nicht bekannt.

Welche Strafe Rausis nach den Ermittlungen der Ethikkommission gegen ihn erwartet, ist ebenfalls noch offen. Im vergleichbaren Fall des Georgiers Nigalidse wurde der Betrüger für drei Jahre gesperrt. Außerdem entzog die Fide ihm damals den Großmeistertitel.



insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
conillet 16.07.2019
1. ELO aufpumpen
Was aus dem Artikel nicht klar hervorgeht, ist, warum die Strategie, gegen schwache Gegner regelmäßig 0,8 ELO-Punkte einzufahren, so erfolgreich ist: Dieser Wert ist die Untergrenze an Punktgewinn, den man immer bekommt, egal wie groß der Unterschied in der Spielstärke ist. Das Risiko ist praktisch null, man muss nur genug solche Partien spielen und voilà, das eigene ELO steigt unaufhaltsam. Das ist legal, und nicht zu verwechseln mit Cheaten. Allerdings liegt hier ein Missstand im ELO-System vor, den die FIDE hoffentlich bald abstellen wird.
jasuly 16.07.2019
2.
"Wählt ein Spieler häufig den Computerzug, ist er zu nah an der Perfektion ..." Schachprogramme, auch die besten, spielen bei Weitem nicht perfekt. Schach ist kein gelöstes Spiel. Das ändert natürlich nichts an ihrer Überlegenheit dem Menschen gegenüber.
xcver 16.07.2019
3. Weiterer Punkt
Ein weiterer Punkt der hier nicht erwähnt wird ist auch, dass während der Standard ELO um 200 Punkte nach oben ging, die ELO Zahlen für alle Schnellvarianten wie Blitz und Rapid ungefähr bei 2500 verharrt sind. Dort hat man schlicht nicht genug Zeit auf die Computerhilfe zu warten...
Hanz Gruber 16.07.2019
4. nicht für faire Spieler
Zitat von conilletWas aus dem Artikel nicht klar hervorgeht, ist, warum die Strategie, gegen schwache Gegner regelmäßig 0,8 ELO-Punkte einzufahren, so erfolgreich ist: Dieser Wert ist die Untergrenze an Punktgewinn, den man immer bekommt, egal wie groß der Unterschied in der Spielstärke ist. Das Risiko ist praktisch null, man muss nur genug solche Partien spielen und voilà, das eigene ELO steigt unaufhaltsam. Das ist legal, und nicht zu verwechseln mit Cheaten. Allerdings liegt hier ein Missstand im ELO-System vor, den die FIDE hoffentlich bald abstellen wird.
Ohne technische Hilfsmittel als fairer Spieler und ohne selbst ein wahrer Großmeister zu sein, hat das System einen großen Haken. Um wie in diesem Fall ganze 200 Punkte aufzusteigen, braucht es auch 250 Siege. Das wäre 250 mal die Chance bei zufälligen Gegnern auf den nächsten angehenden Großmeister zu treffen, oder schlicht einen schlechten Tag zu haben. Der Punkte Verlust ist entsprechend erheblich, und würde bedeuten das man wesentlich mehr Spiele braucht. Auch wenn das keine ganz großen Turniere sind, blutige Amateur Pfeifen trifft man dort auch nicht. Man muss auch bedenken dass auch wahre Großmeister mal ein paar Spiele verlieren, deren wahre stärke liegt auch nicht in einem Spiel, sondern darin über 10-15 Spiele oder mehr auf höchstem Niveau und in kurzer Zeit immer auf top Niveau zu spielen. Im Gegensatz zu den großen Turnieren, geht ein Match nicht über z.B. 10 Spiele und selbst ein Carlson verliert mal ein Spiel aber eben kein Match.
Newspeak 16.07.2019
5. ...
Wie oft muss man denn dann bei einer Partie auf die Toilette gehen, um statistisch auffaellig zu werden? Diese Erklaerung erscheint mir absolut unzureichend und ich finde es erschreckend, dass man solche einfachen Plausibilitaetsargumente nicht recherchiert bzw. diskutiert. Die erwaehnte Strategie mit den ELO Punkten auf mittleren Turnieren mit unterklassigen Gegnern erscheint mir viel eher plausibel, aber das ist ja offensichtlich im System so moeglich und vielleicht moralisch verwerflich, aber nicht illegal.
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