WM in London Carlsen oder Caruana - wer wird neuer Schachweltmeister?

In London kämpfen die beiden besten Schachspieler der Welt um den WM-Titel. Der amtierende Champion Magnus Carlsen wird von Fabiano Caruana herausgefordert. Beide sind sich ähnlich - und doch ganz verschieden.
Magnus Carlsen (l.), Fabiano Caruana

Magnus Carlsen (l.), Fabiano Caruana

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Der Welt­meister: Magnus Carlsen

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Den Grundstein für seine große Schachkarriere legte Magnus Carlsen schon sehr früh. Kurz vor seinem zehnten Geburtstag, im Oktober 2000, spielte er sein erstes internationales Turnier in Bad Wiessee. Zwischen 2001 und 2004 nahm Carlsen an unzähligen Turnieren teil, an offenen Turnieren, internationalen Jugendturnieren, auch bei der letzten FIDE K.-o.-Weltmeisterschaft 2004 in Tripolis war er schon dabei. In dieser Zeit spielte er fast 400 Turnierpartien.

Die Eltern hatten ihren Sohn zeitweise von der Schule abgemeldet, ein Wohnmobil gekauft und tingelten mit der ganzen Familie von Turnierort zu Turnierort. Carlsen gewann im Januar 2004 das C-Turnier in Wijk aan Zee und wurde auf einen Schlag bekannt, als er 2004 bei einem Schnellschachturnier in Reykjavík fast Garry Kasparow aus dem Turnier warf.

"Ich habe gespielt wie ein Kind", kommentierte der damals 13-Jährige selbstkritisch und irgendwie auch treffend seine Leistung, als er den schlecht stehenden Kasparow doch noch entwischen ließ. Dennoch war klar: Hier reifte ein ganz Großer. Mit 13 Jahren und vier Monaten hatte Carlsen die Voraussetzungen für den Großmeistertitel erfüllt und war der jüngste Großmeister der Welt zu dieser Zeit.

Seit 2011 führt Carlsen die Weltrangliste an

Carlsen wurde nun zu internationalen Topturnieren eingeladen, kletterte in der Weltrangliste immer höher und übernahm im Januar 2010 erstmals die Spitzenposition . Mit 19 Jahren war er der jüngste Weltranglistenerste der Geschichte. Seit Juli 2011 führt Magnus Carlsen die Weltrangliste ohne Unterbrechung an.

Während viele Spitzenspieler sich in diesen Jahren bei ihrem Training sehr intensiv auf ihre Computerengines und Datenbanken stützten, nach kleinen Vorteilen in der Eröffnung suchten, Partien aber, wenn die geplante Überraschung nicht gelang, schnell remis gaben, setzte Carlsen auf einen anderen, oft unterschätzten Aspekt im Schach: den Sport.

In seiner Eröffnungsvorbereitung setzte Carlsen nicht auf maschinell entdeckte Eröffnungsneuerungen oder tief voranalysierte komplizierte Varianten, sondern suchte nach Stellungen, in denen er sein besseres strategisches Verständnis ausspielen konnte. Sein großes Spielverständnis kam oft erst im Endspiel zum Tragen. Dort, wo andere Spieler die Partie vielleicht schon wegen völliger Ausgeglichenheit remis gegeben hätten, fing sie bei Carlsen erst richtig an.

Elo-Zahl 2882

Wer gegen Carlsen spielte, musste darauf eingestellt sein, über viele Stunden zu kämpfen. Der durchtrainierte Norweger spielt gerne Fußball und Basketball und ist dank seiner Physis in der Lage, auch noch in der sechsten oder siebten Spielstunde hochkonzentriert Bestleistung zu bringen.

2013 besiegte Carlsen als Herausforderer Viswanathan Anand im Wettkampf um die Weltmeisterschaft, wurde sein Nachfolger und der 16. Weltmeister der Schachgeschichte. Das US-Magazin Time nahm ihn in die Liste der 100 wichtigsten Persönlichkeiten auf. Im Mai 2014 hatte Carlsen seinen Zenit erreicht. Er schraubte seine Elo-Zahl auf unglaubliche 2882, ein neuer Rekord, 31 Punkte mehr als Kasparow je erreicht hatte.

In seiner Heimat wurde Carlsen zum Popstar. Zeitweise waren alle Schachspiele im Land ausverkauft. Als Tromsö 2014 Gastgeber der Schacholympiade war und Carlsen im norwegischen Team spielte, übertrug das staatliche norwegische Fernsehen die Partien in ganzer Länge live ins Hauptprogramm. 2014verteiidigte Carlsen seinen Weltmeistertitel erfolgreich gegen Anand.

Langsamer Abstieg - auf höchstem Niveau

Der Norweger hatte alles erreicht, was man erreichen kann, doch nun ging es nach und nach abwärts, auf höchstem Niveau zwar, aber dennoch abwärts. Besonders in Mannschaftsturnieren, wo er oft auf deutlich schwächere Spieler traf, konnte Carlsen seine Elo-Zahl nicht bestätigen und verlor viele Elo-Punkte. Zu oft wollte er in Remisstellungen mit dem Kopf durch die Wand und kassierte Niederlagen.

2016 ging er im WM-Kampf gegen Sergej Karjakin als großer Favorit ins Rennen, siegte aber nur knapp im Stichkampf. Carlsen gewann immer noch Turniere, aber nicht mehr alle. Bei den Grenke Classic in Baden-Baden im April 2018 musste er sich mit dem zweiten Platz begnügen - hinter Fabiano Caruana.

Und bei seinem Heimturnier in Stavanger im Juni 2018 passierte Carlsen das Gleiche - wieder war Caruana vor ihm. In der Weltrangliste ist Carlsen mit Elo 2835 zwar immer noch die Nummer eins. Doch sein Vorsprung vor Caruana beträgt nur noch 3 magere Pünktchen.

Der Heraus­forderer: Fabiano Caruana

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Auch Fabiano Caruanas Karriere ist beeindruckend, doch sein Aufstieg in die Weltspitze verlief etwas weniger steil und war auch etwas mühsamer. Caruana kam 1992 als Kind italienischstämmiger Einwanderer in Miami zur Welt. Die Familie zog nach Brooklyn, als Caruana vier Jahre alt war.

In der Schule wurde sein Talent fürs Schachspiel entdeckt. Nach ein paar Kinderturnieren nahm er mit acht Jahren an einem internationalen Turnier auf den Bahamas teil. Es ist das gleiche Jahr, in dem auch der zwei Jahre ältere Carlsen seine Turnierkarriere begann. Als Neunjähriger spielte Caruana seine erste Jugendweltmeisterschaft in der Altersklasse U10 mit - in Spanien.

Da es in Europa ein größeres Turnierangebot gab als in Amerika und auch mehr gute Spieler, zog die Familie nach Europa. Sie lebte erst in Madrid, dann in Budapest und später in Lugano. Caruana spielte viele Trainingsturniere in Budapest und nahm regelmäßig an den Jugendweltmeisterschaften teil. 2005 schlug er beim Klaus-Junge-Open in Hamburg den ersten Großmeister.

Aufstieg nicht so steil wie Carlsens

Da Caruana auch die italienische Staatsbürgerschaft besitzt, spielte er zwischen 2005 und 2015 unter italienischer Flagge und gewann als bester Italiener der Geschichte viermal die Landesmeisterschaft. Den Großmeistertitel erhielt Caruana 2007, mit 14 Jahren und elf Monaten. Im Januar 2008 wurde er ins C-Turnier nach Wijk aan Zee eingeladen und gewann es auf Anhieb, so wie Magnus Carlsen vier Jahre zuvor.

Damit stieg Caruana im nächsten Jahr ins B-Turnier auf, das er ebenfalls gewann. Jetzt wurde auch Caruana zu den großen Turnieren eingeladen, aber im Vergleich zu Carlsen kamen die Einladungen später und Caruana konnte sich auch nicht gleich so explosionsartig in Szene setzen, wie Carlsen das gelungen war. Caruanas Aufstieg in die Weltspitze verlief kontinuierlich, aber eben nicht so steil wie bei Carlsen.

Mit 18 Jahren knackte er die 2700 Elo-Marke und etablierte sich nun im Kreis der weltbesten Spieler. Dort angekommen, nahm Caruana Fahrt auf. Innerhalb von zwei Jahren wurde er zu einem der weltbesten Spieler und erreichte im Oktober 2014 seine bisherige Elo-Bestmarke von 2844. Heute wäre das der erste Platz in der Weltrangliste, doch zu der Zeit war Magnus Carlsen noch 20 Punkte besser als Caruana.

Caruana ist ein exzellenter Rechner

2015 wechselte Caruana zurück in den US-Verband. Nach dem Höhenflug von 2014 wies Caruanas Elo-Kurve zwischenzeitlich zwar eine spürbare Delle auf, doch in diesem Jahr zeigt die Formkurve wieder deutlich nach oben. Seit April 2018 hat Caruana fast 50 Elo-Punkte hinzugewonnen und kann nun Magnus Carlsen überholen - wenn er den WM-Kampf in London gewinnt und dabei eine der regulären Partien für sich entscheidet.

Caruanas Ansatz beim Schach ist etwas anders als bei Carlsen. In seiner Spielanlage steht nicht so sehr der strategische Gesamtplan im Vordergrund. Als exzellenter Rechner sucht Caruana in der konkreten Situation nach dem Vorteil. Wenn möglich, strebt er nach der Initiative und ist dann besonders stark. Die Verteidigung liegt ihm etwas weniger, während Carlsen hier große Stärken hat.

Anders als Carlsen arbeitet Caruana sehr intensiv an seinen Eröffnungssystemen und versucht, mit neuen Ideen den Gegner vor schwierige Aufgaben zu stellen. Es scheint, dass Caruana vielleicht mehr von seinem Trainer abhängig ist. 2014 wurde er von Wladimir Chuchelov unterstützt, seit einiger Zeit arbeitet er mit dem in Deutschland lebenden usbekischen Großmeister Rustam Kasimdschanow zusammen. Kasimdschanow ist einer der weltbesten Eröffnungsexperten, aber auch ein großer Motivator und könnte im kommenden WM-Kampf ein wichtiger Faktor sein.

Hier können Sie die bisher letzte Partie mit einem Gewinner zwischen Magnus Carlsen und Fabiano Caruana nachspielen. Das Spiel fand im Mai dieses Jahres beim "Norway Chess" in Stavanger statt. Carlsen siegte:

Im Video: Schachweltweister Magnus Carlsen zu Gast beim SPIEGEL

DER SPIEGEL
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