Kandidatenturnier zur Schach-WM Favoriten bringen sich in Stellung

Kein langes Abtasten in Khanty-Mansiysk: Das Kandidatenturnier nimmt schon am zweiten Tag an Fahrt auf. Drei der vier Partien endeten mit einem Sieg. Anders als am Vortag setzen sich heute aber die Favoriten durch.

Schachspieler Topalov: Unentschieden gegen Viswanathan Anand
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Schachspieler Topalov: Unentschieden gegen Viswanathan Anand

Von Bernd Schroller


Hamburg - Seinen Humor hatte Levon Aronian nach seiner Auftaktniederlage gegen Viswanathan Anand zumindest nicht verloren. "Die Statistiken bestätigen mein Gefühl, nach einer Niederlage wird mein Spiel besser. Daher ist es gerade bei so einem wichtigen Turnier nötig, sehr früh ein Spiel zu verlieren", sagte der Top-Favorit.

Der Gegner, der das verbesserte Spiel des Weltranglistenzweiten zu spüren bekommen sollte, war Shakhriyar Mamedyarov. Der 28-Jährige, in Blitz- und Schnellpartien selbst oft Meister der taktischen Finten, lief früh in eine Falle und musste seine Dame für Turm und Springer geben. Aronian spielte sein materielles Übergewicht recht einfach aus und konnte gewinnen. Mit nun einem Punkt aus zwei Partien ist er wieder im Rennen. Am Samstag (10 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) steht die Partie zwischen Veselin Topalov und Aronian an.

Ganz am Ende jeder Favoritenliste taucht der Name Dmitry Andreikin auf. Der Juniorenweltmeister von 2010 steht in der Weltrangliste nur auf Platz 42. Der starke Schnellschachspieler schaffte die Qualifikation für Khanty-Mansiysk im vergangenen Sommer in Tromsö. Der dort ausgetragene Weltcup ist eines der wenigen Eliteturniere, das im K.o.-Modus ausgetragen wird.

Zwei Partien mit langer Spielzeit bringen dort oft keine Entscheidung, der junge Russe schaffte es über viele gute Entscheidungspartien im Schnellschach bis ins Finale. Einer seiner unterlegenen Gegner hieß Peter Svidler, dem nun die Revanche gelang. Der siebenfache russische Meister wickelte in einer komplizierten Stellung erfolgreich in ein gewonnenes Turmendspiel ab.

Auch der gestrige Überraschungssieger Anand fand sich mit Schwarz in einem Endspiel mit Türmen und Läufern wieder. Sein Gegner Veselin Topalov hatte zwar einen Bauern mehr, konnte aber kein Kapital daraus schlagen und musste in das einzige Remis des Tages einschlagen.

Geheimfavorit Sergey Karjakin im Schatten von Carlsen

Nicht wenige in Russland wünschen sich bei diesem Turnier einen Sieg von Sergey Karjakin, dem aber nur Außenseiterchancen eingeräumt werden. Ihn als Außenseiter zu bezeichnen, birgt eine gewisse Tragik, da seine Karriere in der westlichen Betrachtung immer im Schatten von Carlsen gestanden hat und steht.

Beide sind 1990 geboren, der Russe ist bis heute der jüngste Großmeister der Schachgeschichte. Ähnlich wie bei seinem Pendant auf dem Weltmeisterthron hat er offensichtliche Schwächen in der Eröffnung. Doch im Gegensatz zum Norweger kann er diese nicht mit einer exzellenten Mittel- und Endspieltechnik ausgleichen.

Ein Duell des "westlichen" Weltmeisters mit dem "östlichen" Kronprinzen wäre sicher auch für die Vermarkter weltweit interessant. In Khanty-Mansiysk musste er erst einmal eine Niederlage gegen Wladimir Kramnik hinnehmen. Kramnik kreierte die bislang beste Partie bei diesem Turnier: Ein positionelles Qualitätsopfer stellte Karjakin am Ende vor nicht mehr lösbare Probleme.

Anand, Kramnik und Svidler führen das Klassement nach zwei Runden punktgleich an. Von den bislang acht gespielten Partien endeten vier mit einer Entscheidung. Das ist für Turniere auf diesem Niveau eine beachtliche Quote, die auf ein sehr attraktives Turnier hoffen lässt.

insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
s_a_b 14.03.2014
1.
Bisher ein gutes Turnier mit sehr unterhaltsamen Partien. Kramnik hat scheinbar seine "romantische" Ader entdeckt...
rational_bleiben 15.03.2014
2. optional
Na wenn sich die Russen einen russischen Sieger wünschen, dann müssen ihre Hoffnungen in Ex-Weltmeister Kramnik liegen. Ich sehe ihn bei diesem Turnier neben Aronian ohnehin als Favoriten. Andreikin aber hat hier wohl kaum etwas verloren. Auch für Mamedyarov ist das ganze wohl eine Nummer zu groß und auch Svidler ist wohl eher Außenseiter. Dafür fehlen Caruana, Grischuk und Nakamura. Ich verstehe ohnehin nicht, weshalb man nicht einfach die neben dem Weltmeister 8 besten Spieler nach Elo-Liste wählt, dann wären die Teilnehmer genau jene, die man hier ohnehin gerne sehen würde.
townsville 15.03.2014
3.
Weil man sich dann um den Reiz (und Einnahmen) aller Qualifikationsturniere bringen würde. Auch Schach, wie jeder Sport, lebt nicht zuletzt davon, Außenseitern die Chance zur Überraschung zu geben.
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