Zehnte Partie der Schach-WM Carlsens letzter Schritt zum Titel

Die Schach-WM ist entschieden: Herausforderer Magnus Carlsen reichte im zehnten Spiel gegen Viswanathan Anand ein Remis zum Titel. Der internationale Meister Jonathan Carlstedt analysiert die Partie.

Anand (l.), neuer Weltmeister Carlsen: Gleichzeitig eine neue Dame geholt
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Anand (l.), neuer Weltmeister Carlsen: Gleichzeitig eine neue Dame geholt


Die zehnte Partie der Weltmeisterschaft sollte die letzte sein. Ein unschlagbarer Magnus Carlsen hatte die Aufgabe, mit Weiß gegen den Titelverteidiger aus Indien ein Unentschieden zu erreichen, um selbst Weltmeister zu werden.

1.e4
Wie von vielen erwartet, wählte der Herausforderer den Königsbauer im ersten Zug, der ihm in den Partien zuvor gute Dienste erwiesen hat.

1...c5
Auch keine Überraschung, obwohl dies das erste Mal war, dass dieser Zug als Antwort auf 1.e4 in diesem Duell gespielt wurde. Die Sizilianische Verteidigung, die mit dem Zug 1...c5 von Schwarz einhergeht, gilt als offensivste Waffe gegen 1.e4. In einer Situation, in der der Weltmeister drei Siege in Folge braucht, ein nachvollziehbare Entscheidung.

Stellungen beim 2. Zug
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Stellungen beim 2. Zug

2.Sf3 d6 3.Lb5+
An dieser Stelle wird häufiger d4 gespielt, nachdem der sogenannte offene Sizilianer entsteht. Lb5+ wird für Anand keine Überraschung gewesen sein, denn Carlsen spielte diesen Zug bereits in diesem Jahr gegen ihn und erreichte eine sehr gute Stellung, auch wenn es am Ende unentschieden ausgegangen war.

3...Sd7 4.d4 cxd4 5.Dxd4 a6 6.Lxd7+ Lxd7 7.c4 Sf6
In der Vorgängerpartie zwischen den beiden Kontrahenten folgte hier e5 anstatt Sf6. Das Problem für Anand ist jedoch, dass es nach e5 eine Variante gibt, in der Weiß eine Zugwiederholung erzwingen kann - das Letzte, was der Inder gebrauchen kann.

8.Lg5 e6 9.Sc3 Le7 10.0-0
Beide zogen diese Züge relativ schnell. Carlsen machte einen selbstbewussten Eindruck, es war sogar ein Lächeln auf seinen Lippen zu sehen. Für beide gab es keinen Grund, lange für diese Züge zu überlegen, denn sie folgen den drei Eröffnungsgrundsätzen: Zentrum besetzen, Leichtfiguren entwickeln und König sichern.

10...Lc6 11.Dd3 0-0 12.Sd4
Nachdem Weiß sich entwickelt hat, versucht Anand, seine Figuren zu zentralisieren, also besser zu stellen. Hinzu kommt, dass Weiß mit Sd4 droht, den schwarzen Läufer auf c6 zu schlagen und das potenziell starke Läuferpaar zu halbieren.

Stellungen beim 12. Zug
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Stellungen beim 12. Zug

12...Tc8 13.b3
Die weiße Bauernstruktur nennt man in Schachkreisen Maroczy-Struktur. Sie ist dafür bekannt, dass sie Weiß meistens keinen großen Vorteil beschert, dass Schwarz aber im Gegenzug kein Gegenspiel hat, solange nicht b7-b5 oder d6-d5 durchgesetzt werden kann.

13...Dc7 14.Sxc6 Dxc6 15.Tac1 h6 16.Le3 Sd7
Eine klassische Stellung, in der es kein direktes Aufeinandertreffen der beiden Seiten gibt, sondern Figuren von einem zum anderen Flügel überführt werden, nur um sie ein bisschen besser zu stellen. Bauernzüge indes werden nur sehr selten gemacht, zum Beispiel im Vergleich zur letzten WM-Partie. Denn jeder Bauernzug ist eine mögliche Schwächung, die der Gegner ausnutzen kann.

17.Ld4 Tfd8 18.h3 Dc7 19.Tfd1
Beide Spieler stellen ihre Türme auf die Linie, die sich bald öffnen könnte. Das bedeutet, sie antizipieren, dass durch das Vorziehen des schwarzen d-Bauern auf der c- und d-Linie bald keine Bauern mehr stehen werden und somit die Türme hier die größte Wirkung haben.

Stellungen beim 19. Zug
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Stellungen beim 19. Zug

19...Da5 20.Dd2
Ein weiterer wichtiger Umstand in dieser Stellung ist, dass der schwarze d-Bauer auf einer halboffenen Linie steht. Halboffen bedeutet, es steht nur ein Bauer auf der Linie. Hinzu kommt, dass der schwarze d-Bauer nicht von einem anderen schwarzen Bauern gedeckt ist, sodass es sich für Weiß lohnt, gegen diesen Bauern Druck zu machen.

20...Kf8 Verhindert taktische Verwicklung mit Sd5.


21.Db2 Kg8 22.a4 Dd2 wäre ein verstecktes Remisangebot gewesen, denn dann hätten die beiden bereits das zweite Mal die gleiche Stellung erreicht. Beim dritten Mal wäre die Partie Remis gegeben worden.

22...Dh5 23.Se2 Lf6 24.Tc3 Lxd4
Schwarz tauscht ein weiteres Figurenpaar. Eigentlich kein gutes Zeichen, denn umso mehr Figuren getauscht werden, desto stärker wird Carlsen, wie wir in der fünften und sechsten Partie gesehen haben.

25.Txd4 De5 26.Dd2 Sf6 27.Te3 Td7 28.a5
Ein starker Bauernzug, der Raum am Damenflügel gewinnt und b7-b5 verhindert.

Stellungen beim 28. Zug
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Stellungen beim 28. Zug

28...Dg5
Ein Fehler, denn er lässt folgenden Zug zu.

29.e5
Das Schlagen des e5- mit dem d6-Bauern ist tabu, da sonst der Turm auf d7 nicht ausreichend gedeckt ist.

29...Se8 30.exd6
Eine Ungenauigkeit, nach Sc3 hätte Carlsen einen sicheren Vorteil erhalten können. Der Partiezug ermöglicht Vereinfachung, man kann also Carlsen diesen Zug nicht wirklich vorwerfen.

30...Tc6 31.f4 Dd8 32.Ted3 Tcxd6 33.Txd6 Txd6 34.Txd6 Dxd6 35.Dxd6 Sxd6
Ein Generalabtausch auf d6. Alle Schwerfiguren wurden vom Brett genommen. Es ist ein Springerendspiel entstanden, das eigentlich ausgeglichen aussieht, da beide Seiten das gleiche Material haben. Allerdings ist die Bauernmehrheit von Weiß am Dameflügel deutlich gefährlicher, da die Bauern näher an der Grundreihe des Gegners sind.

36.Kf2
Ein Unterschied zwischen dem Endspiel und dem Mittelspiel ist, dass im Endspiel der König zu einer wichtigen Figur wird, die aktiv ins Spielgeschehen eingreift.

36...Kf8 37.Ke3 Ke7 38.Kd4 Kd7 39.Kc5 Kc7
Der weiße König steht deutlich aktiver. Somit sollte Weiß einen kleinen Vorteil haben. Beide Seiten werden aber nicht vergessen haben, dass Anand diese Partie gewinnen muss, um die Weltmeisterschaft nicht abzugeben.

Stellungen beim 40. Zug
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Stellungen beim 40. Zug

40.Sc3 Sf5 41.Se4 Se3
Der schwarze Springer nimmt die gegnerischen Bauern aufs Korn.

42.g3 f5
Schwarz möchte seine Bauernmehrheit am Königsflügel in Szene setzen, das ändert jedoch nichts daran, dass die weißen Figuren die schwarze Stellung dominieren.

43.Sd6 g5 44.Se8+ Kd7 45.Sf6+ Ke7
Nach Kc7 hätte Weiß mit Se8+ eine Zugumstellung herbeiführen können. Anand gibt alles und versucht, die Stellung irgendwie zu gewinnen. Carlsen hat jedoch präzise gerechnet und bringt die Partie nach Hause.

46.Sg8+ Kf8 47.Sxh6 gxf4 48.gxf4 Kg7
Der Springer von Carlsen ist auf h6 gefangen und muss sich opfern. Dafür sind die schwarzen Bauern am Dameflügel nicht mehr zu halten.

49.Sxf5+ exf5 50.Kb6 Sg2 51.Kxb7 Sxf4 52.Kxa6 Se6 53.Kb6 f4 Das Bauernrennen beginnt. Beide holen sich gleichzeitig eine neue Dame.

54.a6 f3 55.a7 f2 56.a8D f1D 57.Dd5 De1 58.Dd6 De3+
Anand versucht es weiter, aber Gewinnchancen gibt es nicht. So begnügt er sich bald mit einem Unentschieden.

Stellungen beim 59. Zug
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Stellungen beim 59. Zug

59.Ka6 Sc5+ 60.Kb5 Sxb3 61.Dc7+ Kh6 62.Db6+ Dxb6+ 63.Kxb6 Kh5 64.h4 Kxh4 65.c5 Sxc5 66.Kxc5
Die Schachwelt hat einen neuen Meister. Der 22-jährige Norweger Magnus Carlsen krönt seinen Sprung in die Weltspitze mit dem WM-Titel. Er ist als Favorit in das Match gegangen und kommt als klarer Sieger heraus - ohne eine einzige Verlustpartie. Mit Anand gibt es nun einen Ex-Weltmeister, der das königliche Spiel verkörpert und als Legende in die Schachhistorie eingeht. Als Vizeweltmeister ist er automatisch für das kommende Kandidatenturnier qualifiziert, in dem der Herausforderer von Carlsen für die WM 2014 ausgespielt wird.



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