Neunte Partie der Schach-WM Anand überrascht und patzt

Mit seinem Sieg im neunten Spiel der Schach-WM hat Herausforderer Magnus Carlsen einen gewaltigen Schritt in Richtung Titel gemacht. Er profitierte von einem unglaublichen Fehler von Weltmeister Viswanathan Anand. Der internationale Meister Jonathan Carlstedt analysiert die Partie.

Herausforderer Carlsen (l.), Weltmeister Anand: Beginn einer neuen Ära?
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Herausforderer Carlsen (l.), Weltmeister Anand: Beginn einer neuen Ära?


Es sind diese Tage, an denen man froh ist, nicht in einem festen Arbeitsverhältnis zu stehen, sondern selbständig zu sein. Dann hat man als Schachfan die Möglichkeit, am Vormittag um 10.30 Uhr im Internet Schachgeschichte live zu erleben.

Die neunte Partie dieser Finalrunde wird in keinem zukünftig erscheinenden Buch über die Schachlegenden Magnus Carlsen und Vishwanathan Anand fehlen; die Partie, in der der indische Titelverteidiger versuchte, den jungen Norweger mit aggressivem Spiel zu überraschen - was ihm gelang -, um dann die Weltmeisterschaft in einem Zug zu verlieren.

1.d4
Das erste Mal, dass wir diesen Zug in der laufenden Weltmeisterschaft von Anand sehen. Ähnlich wie beim WM-Kampf Kasparov - Kramnik, scheint kein Kraut gegen die Berliner Verteidigung nach 1.e4 gewachsen zu sein.

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1...Sf6 2.c4 e6 3.Sc3 Lb4
Carlsen spielt die sogenannte Nimzo-Indische Verteidigung. Ein beliebtes Abspiel gegen 1.d4 und gleichzeitig ein Zeichen an Anand, dass auch er bereit ist, volles Tempo zu gehen.

4.f3
An Stelle von f3 gibt es zahlreiche Möglichkeiten, wie e3, Sf3 und Dc2. Der Partiezug leitet die Sämisch-Variante ein und hat zum Ziel, dem schwarzen Springer das Feld e4 zu nehmen und selber weitere Fortschritte im Zentrum mit e2-e4 zu machen.

4...d5 5.a3 Lxc3+ 6.bxc3 c5 7.cxd5
Bis hierhin gab es diese Variante noch sehr häufig.

7...exd5
Auch wenn es mir logisch erscheint, damit man den weißfeldrigen Läufer besser entwickeln kann: Dieses Schlagen ist eine Nebenvariante. Normalerweise schlägt der Springer auf d5 wieder, um direkt den Bauer c3 aufs Korn zu nehmen. Trotzdem werden sich beide diese Variante angeschaut haben, denn immerhin hat diese Variante einst der weltbeste Mann Garry Kasparov gegen die weltbeste Frau Judit Polgar gespielt.

8.e3 c4
Nimmt die Spannung aus dem Zentrum und schränkt die weißen Leichtfiguren ein, vor allem den Läufer auf f1.

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9.Se2 Sc6 10.g4
Auch mit diesem Zug zeigt Anand, dass er diesmal "All-In" geht. Er weiß, dass er seine beiden verbleibenden Weißpartien gewinnen muss.

10...0-0
Obwohl Weiß am Königsflügel angreift, entscheidet sich Carlsen, genau dorthin zu rochieren. Denn in der Mitte und am Dameflügel würde der König noch gefährdeter stehen.

11.Lg2 Sa5 12.0-0 Sb3
Selbst diese Stellung gab es zuvor noch einige Mal. Vor allem Großmeister spielen diese Variante gelegentlich. Mit dem letzten Zug greift Schwarz Turm und Springer an und weiß, dass er zumindest den Läufer auf c1 früher oder später gegen den Springer tauschen und somit das weiße Läuferpaar halbieren kann.

13.Ta2 b5 14.Sg3 a5
Ein beliebtes Konzept. Greifst du mich an dem einen Flügel an, greife ich dich an dem anderen Flügel an. Carlsen versucht seiner Bauernmehrheit am Dameflügel Geltung zu verschaffen und sich einen Freibauern zu kreiren, der sich auf der gegnerischen Seite zur Dame umwandeln könnte.

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15.g5 Se8 16.e4
Weiter geht es für Anands Bauern Richtung Zentrum und Königsflügel.

16...Sxc1 17.Dxc1
Wie sich bereits angekündigt hat, tauscht Schwarz seinen Springer gegen den schwarzfeldrigen Läufer.

17...Ta6 18.e5 Sc7 19.f4 b4 20.axb4 axb4 21.Txa6 Sxa6 22.f5
Die weißen Bauern kommen dem schwarzen König bedrohlich nah. Hier dachten die Kommentatoren, dass der erste Sieg für Anand gegen Carlsen seit fast drei Jahren zum Greifen nah ist.

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22...b3
Kaltblütig gespielt vom Herausforderer. Zunächst sichert er sich einen gedeckten Freibauer auf b3 und kümmert sich dann um den König.

23.Df4 Sc7 24.f6 g6
Die schwarzen Felder im schwarzen Lager sind in weißer Hand. Die Dame kommt in den nächsten beiden Zügen nach h6 und wird auf g7 Matt drohen.

25.Dh4 Se8 26.Dh6
Jetzt droht Anand Matt mit der Dame auf g7. Der einzige, der das im Moment verhindert, ist der Springer auf e8.

26...b2
Die einzige Möglichkeit für Carlsen, Gegenspiel zu suchen. Sein freier b-Bauer ist nur noch einen Schritt davon entfernt, auf b1 zu stehen und sich dort in eine Dame zu verwandeln. Derzeit verhindert aber noch der Turm auf f1 die Verwandlung.

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27.Tf4
Ein unglaublicher Zug. Weiß erlaubt Schwarz; Bauer b2 nach b1 zu ziehen und damit mit einer Dame mehr zu spielen. Allerdings hat Weiß die Idee, Th4 zu machen und dann mit Dame schlägt Bauer auf h7 Matt zu setzen.

27...b1D+
Schwarz holt sich die zweite Dame und das mit Angriff auf den König, darauf muss Anand reagieren - und tut das mit dem entscheidenden Fehler.

28.Sf1 Ein riesiger Fehler. Anand hätte den Läufer dazwischen ziehen müssen. Denn nun kann Schwarz mit De1 Th4 verhindern. Denn sollte Th4 gespielt werden, könnte Schwarz Dxh4 spielen und hätte dann einen ganzen Turm mehr. Nach Lf1 hätte der Springer auf g3 den Weg der Dame von e1 nach h4 verhindert. Trotzdem ist diese Stellung unklar und die Partie wäre noch lange weitergegangen.

28...De1 Nach diesem Zug hörte man lautes Jubeln aus dem Team Carlsen. Allen war klar, dass Anand jetzt aufgeben wird und Carlsen nur noch einen halben Punkt aus den letzten drei Partien braucht um Weltmeister zu werden.

In der Schachwelt scheint eine neue Ära anzubrechen - mit einem Magnus Carlsen, der es schafft auch außerhalb der Schachszene Interesse für das Spiel zu erwecken.



insgesamt 7 Beiträge
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somro 21.11.2013
1. Carlsen wird es packen
drei Punkte sind eigentlich nicht mehr aufzuholen. es spricht für Carlsen, dass er etwas so Schweres so leicht aussehen lässt. Ein Generationenwechsel, ein echter Umbruch, der da geschieht. Ein beeindruckender Carlsen.
NeZ 21.11.2013
2.
Ein unsympathischer Hochglanzcomputer triumphiert über einen in die Jahre gekommenen Großmeister. Ich befürchte Langeweile die nächsten Jahre.
logikerhh 21.11.2013
3. Computer? Nein, Genie!
@NeZ: Ich glaube, Sie werden sich noch wundern, was für unglaubliche Partien dieser norwegische Bursche noch zustande bringen wird. Er wirkt manchmal wie ein Computer, spielt aber allzu oft Züge, die nicht mal diese verstehen. Heute haben hier miterlebt, wie eine neue Ära begonnen hat: Jene, in der Genie doch noch den kalten Computern zeigt, dass ausanalysierte Eröffnungsvarianten nicht alles sind. - Aber: Noch ist das Match nicht vorbei. Anand ist ein Kämpfer, und Anand bewies in den Kandidatenturnieren, dass es auch für ihn nicht einfach ist, den "big point" am Schluss zu machen. Die Partie morgen wird nicht minder spannend werden.
karlaschnikow 21.11.2013
4. Sympathisch...
Zitat von logikerhh@NeZ: Ich glaube, Sie werden sich noch wundern, was für unglaubliche Partien dieser norwegische Bursche noch zustande bringen wird. Er wirkt manchmal wie ein Computer, spielt aber allzu oft Züge, die nicht mal diese verstehen. Heute haben hier miterlebt, wie eine neue Ära begonnen hat: Jene, in der Genie doch noch den kalten Computern zeigt, dass ausanalysierte Eröffnungsvarianten nicht alles sind. - Aber: Noch ist das Match nicht vorbei. Anand ist ein Kämpfer, und Anand bewies in den Kandidatenturnieren, dass es auch für ihn nicht einfach ist, den "big point" am Schluss zu machen. Die Partie morgen wird nicht minder spannend werden.
... wird Carlsen mir aber erst wenn er den Respekt gegenüber seinem Gegenspieler aufbringt, sich das Hemd in die Hose zu stecken und sich nicht all zu sehr auf dem Stuhl rum zu flegeln.
olleosche 22.11.2013
5. wieso sympathisch
Was hat Hemd in der Hose mit symphatie zu tun? Carlsen hat fantastisches Schach gespielt. Gestern hätte er sich einfach zurück lehnen können und auf Remi spielen, aber er hat den Federhandschuh aufgelesen und selber angegriffen, spielt so ein computer?
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