Sechste Partie der Schach-WM Anands Kontrollverlust

4:2 führt Herausforderer Magnus Carlsen bei der Schach-WM. Der Norweger gewann das zweite Match in Folge, er entschied gegen Viswanathan Anand ein Schwerfigurenendspiel in Reinform für sich. Der internationale Meister Jonathan Carlstedt analysiert die Partie.

Anand (l.), Carlsen: Am Montag folgt Partie Nummer sieben
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Anand (l.), Carlsen: Am Montag folgt Partie Nummer sieben


Vor der Partie war sich die Schachszene einig: Nach dem Sieg vom Freitag wäre Magnus Carlsen mit einem Unentschieden im sechsten Duell sehr zufrieden. Dies entpuppte sich als Fehleinschätzung. Carlsen griff schnell an, Anand verteidigte sich sehr akkurat, bis er im Turmendspiel erst die Kontrolle und dann das Match verlor.

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 Sf6
Bis hier wiederholten beide die vierte Partie der WM.

4.d3
Anand wählte drei Tage zuvor die kurze Rochade, die in der Berliner Verteidigung mündete. Anand schaffte es nicht, etwas aus der Eröffnung herauszuholen und entschied sich heute mit d3 mehr Figuren auf dem Brett zu halten.

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4...Lc5 5.c3 0-0 6.0-0 Te8 7.Te1 a6 8.La4 b5 9.Lb3 d6
Man merkte beiden Seiten an, dass sie sich auf diese Variante vorbereitet hatten. Kein Wunder, denn diese Variante spielte Anand in diesem Jahr bereits gegen die Nummer drei der Weltrangliste, Levon Aronian.

10.Lg5
Eine Neuerung, also ein Zug der bei dieser WM bisher noch nicht gespielt wurde. Hier musste Carlsen erst mal nachdenken. Auch wenn Lg5 ein natürlicher Entwicklungszug ist, hatte Carlsen damit offensichtlich nicht gerechnet. Der Läufer fesselt den Springer auf f6, es ist eine schwere Aufgabe für Carlsen diese Fesselung ohne großen Nachteil aufzulösen.

10...Le6 11.Sbd2
Ein sehr natürlicher Zug. Der Springer wird entwickelt und soll später am Königsflügel in Aktion treten.

11...h6 12.Lh4 Lxb3 13.axb3
Anand nimmt den Doppelbauer in Kauf. Ein Doppelbauer bedeutet, dass zwei Bauern auf der gleichen Linie stehen. Das gilt im Allgemeinen als ein Nachteil. In dieser konkreten Situation öffnet sich dadurch jedoch die a-Linie und der weiße Turm greift somit direkt den schwarzen Bauer auf a6 an.

13...Sb8 14.h3 Sbd7
Carlsen stellt den Springer nach d7, um den gefesselten Springer auf f6 zu stärken.

15.Sh2 De7 16.Sdf1 Lb6 17.Se3
Langsam aber sicher bringt Anand alle seine Leichtfiguren zum Königsflügel, um den schwarzen König direkt anzugreifen.

17...De6 18.b4 a5 19.bxa5 Lxa5 20.Shg4 Lb6 21.Lxf6
Sf5, um den Druck am Königsflügel zu erhöhen wäre eine interessante Alternative gewesen. Anand entscheidet sich jedoch dafür, zwei Leichtfigurenpaare zu tauschen. Somit reduziert sich das taktische Potential und das Endspiel wird angesteuert. Bekanntlich die große Stärke des norwegischen Herausforderers.

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21...Sxf6 22.Sxf6+ Dxf6 23.Dg4 Lxe3 24.fxe3
Die Reinform eines Schwerfigurenendspiels. Es sind noch alle Türme und die Dame auf dem Brett. Alle Leichtfiguren wurden abgetauscht. Viele erwarteten nun einen schnellen Remisschluss, aber das ist mit Magnus Carlsen nicht zu machen.

24...De7 25.Tf1 c5 26.Kh2 c4 27.d4
Ein kleiner Vorteil der schwarzen Stellung ist die bessere Bauernstruktur. Der doppelte e-Bauer auf e3 und e4 neigt zur Schwäche und wird das Ziel der schwarzen Bemühungen sein.

27...Txa1 28.Txa1 Db7 29.Td1 Dc6 30.Df5 exd4 31.Txd4
Carlsen hat einiges aus der Stellung geholt. Der Doppelbauer ist inzwischen isoliert und damit noch schwächer als zuvor.

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31...Te5 32.Df3 Dc7 33.Kh1 De7 34.Dg4 Kh7 35.Df4 g6 36.Kh2 Kg7 37.Df3 Te6 38.Dg3
Dieser Zug kam unerwartet. Nun kann sich die Partie weiterentwickeln.

38...Txe4 39.Dxd6 Txe3 40.Dxe7 Txe7
Am Ende der Abwicklung hat Carlsen einen Bauer mehr. Die Partie befindet sich im Turmendspiel. Die haben den Ruf, häufig in Remis zu enden. Auch deshalb ist es für Carlsen ein weiter Weg, etwas aus dieser Stellung zu machen.

41.Td5 Tb7 42.Td6 f6 43.h4 Kf7 44.h5
Statt Kf7 hätte Carlsen h5 spielen sollen, sagte der Norweger selbst kurz nach der Partie. Anands Idee ist es, einen zweiten Bauer zu opfern, dafür aber die schwarze Bauernstruktur am Königsflügel zu zerstören.

44...gxh5 45.Td5 Kg6 46.Kg3 Tb6 47.Tc5 f5 48.Kh4 Te6 49.Txb5 Carlsen gibt den ersten Bauer her, um seinen Turm zu aktivieren.

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49...Te4+ 50.Kh3 Kg5 51.Tb8 h4 52.Tg8+ Kh5 53.Tf8 Tf4 54.Tc8 Tg4 55.Tf8 Tg3+ 56.Kh2 Kg5 57.Tg8+
Der entscheidende Fehler, wie Anand unter zustimmenden Nicken von Carlsen zugab. Denn jetzt hat Schwarz die Möglichkeit, seinen König zu aktivieren. Dafür opfert Carlsen zwar zwei weitere Bauern, aber die Stärke des schwarzen Königs entscheidet die Partie. 57.Tc8 hätte die Partie gerettet, da so der schwarze c-Bauer ins Visier genommen worden wäre, ohne dass der schwarze König ins Zentrum laufen kann.

57...Kf4 58.Tc8 Ke3 59.Txc4 f4 60.Ta4
Zugegebenermaßen weiß ich nicht, ob an dieser Stelle b4 zum Remis geführt hätte. Bei meinen Analysen habe ich keinen Gewinnweg für Schwarz gefunden und auch die Schach-Engine sieht keinen Vorteil für Schwarz. Trotzdem kann ich mir gut vorstellen, dass Magnus Carlsen hier eine Möglichkeit zum Gewinn gefunden hätte.

60...h3 61.gxh3 Tg6 62.c4 f3
Jetzt ist der Weg frei für den schwarzen f-Bauer.

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63.Ta3+ Ke2 64.b4 f2 65.Ta2+ Kf3 66.Ta3+ Kf4 67.Ta8 Tg1 0-1
Nach dem letzten Zug streckte Anand Carlsen sofort die Hand entgegen. Anschließend sah man einen sichtlich genervten und enttäuschten Anand.

Eine der ersten Fragen an den Weltmeister war, wie es nach zwei Niederlagen in Folge weitergehen wird. Anand antworte knapp: "Ich werde mein Bestes geben." Auf die wiederholte Bitte, dies etwas zu spezifizieren, entgegnete er, dazu gebe es keinen Erklärungsbedarf.

Jetzt haben die beiden Spieler wieder einen Tag Pause, in der siebten Runde hat Anand nochmals Weiß. Er wird natürlich versuchen, wieder auf einen Punkt an Carlsen heranzukommen, um die WM offen zu gestalten. Klar ist aber auch: Alles andere als ein Weltmeister Magnus Carlsen wäre bei derzeitigem Stand eine Überraschung.



insgesamt 18 Beiträge
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StefanXX 16.11.2013
1. Schwache Analysen
Vielen Dank an SPON für die Übertragung der Schach-WM, aber die Analysen sind teilweise nicht nur schwach sondern definitiv falsch. 57. Tg8+ war keineswegs ein entscheidender Fehler, das war sogar ein relativ guter Zug, alle wichtigen Schachengines hatten nach diesem Zug eine nahezu ausgeglichene Stellung. Der entscheidende Fehler war Turm a4 im 60. Zug, daraufhin sprang die Bewertungsfunktion der Engines auf einmal auf -2,4 und noch schlechter für Anand. Meine lieben "Experten", bitte guckt auch mal was die Engines so berechnet haben, bevor Ihr so einen Unsinn hier veröffentlicht. Und zum Kommentar von Hr. Schroller: Ich finde es gut dass er auch ab und zu was zum zwischenmenschlichen schreibt, aber manchmal hat er schon ganz schön Hunde drin. Seine Behauptung den 44. Zug gxh5 hätte "keine Schach-Engine im Repertoire" gehabt ist einfach nur absurd. Sowohl bei Houdini, als auch bei Komodo und Stockfish, also bei allen Engines die mitliefen war dies einer der bevorzugten Züge. Hr. Schroller, wie kommen Sie bitte zu dieser seltsamen Behauptung???
funnyone2007 16.11.2013
2. Analyse misslungen
... ich fand die Video Analyse mit gleichzeitiger optischer Anschaumöglichkeit viel besser. Hier ist nur Text und kein interaktives Schachbrett. War es das schon mit dem bisherigen guten Analysen?
maestro8002 16.11.2013
3.
Wenn man der Engine Vertrauen schenkt - und zu 99% haben die Recht in solchen Rechenstellungen - dann ist der entscheidende Fehler erst 62. c4! Davor hätte Anand mindestens 3 Mal ins Remis abwickeln können.
anonym187 16.11.2013
4. ich könnte nicht tagelang so rumsitzen
gibt es denn nicht ein timer pro runde...wie kann es sein, dass sich ein Match bis zu Tage hinziehen kann :) ...wie auch immer als strategie Fan drücke ich beide die Daumen und möge der bessere gewinnen
funnyone2007 16.11.2013
5.
Zitat von maestro8002Wenn man der Engine Vertrauen schenkt - und zu 99% haben die Recht in solchen Rechenstellungen - dann ist der entscheidende Fehler erst 62. c4! Davor hätte Anand mindestens 3 Mal ins Remis abwickeln können.
Frage an alle: Gibt es eine Webseite die diese (mehrere) Engines gleichzeitig mit dem Spiel in Echtzeit anzeigt und vielleicht sogar noch mit einem guten Live Analyse Kommentator?
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