Schach Hier können Sie vier legendäre Partien nachspielen

Ein Schach-Weltmeister verliert gegen einen Computer, ein Mathelehrer aus Preußen opfert reihenweise Figuren und siegt am Ende doch: Hier können Sie vier legendäre, historische Partien nachspielen - Zug um Zug.

Garri Kasparow
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Garri Kasparow

Von , und Bernd Schroller


Acht Spiele und erst ein Sieg: Bei der Schach-WM in New York liegt Herausforderer Sergei Karjakin knapp gegen Weltmeister Magnus Carlsen in Führung. Damit die Zeit bis zur wichtigen neunten Partie am Abend (20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) schneller vergeht, können Sie hier vier legendäre, historische Partien nachspielen. Klicken Sie sich einfach mit den Pfeiltasten unter den Schachbrettern durch die einzelnen Phasen der Duelle.

1. "Mensch gegen Maschine": Garri Kasparow vs. "Deep Blue", 10. Februar 1996 in Philadelphia

Schach-Computer "Deep Blue"
Getty Images

Schach-Computer "Deep Blue"

1996 trat der amtierende Schachweltmeister Garri Kasparow gegen einen Gegner voller Schaltkreise und Prozessoren an: den Computer "Deep Blue" des Herstellers IBM. Eigentlich sollte der Showkampf eine klare Sache werden, schließlich hatte noch nie ein Weltmeister eine solche Partie verloren. Doch es kam anders. Völlig überraschend verlor Kasparow die erste von insgesamt sechs angesetzten Partien.

Das russische Schachgenie erzählte anschließend, dass er von einigen Zügen des Computers überrascht gewesen sei. Nach dem ersten Schock der Niederlage konnte Kasparow jedoch noch drei Siege und zwei Remis gegen "Deep Blue" holen. Der Trick: Kasparow spielte Züge, die der Computer nicht erwartete, da sie nicht einprogrammiert waren, und eigentlich auch unter dem Niveau des Russen lagen. Der Rechner reagierte hilflos und Kasparow gewann das Turnier.

Doch der Sieg von "Deep Blue" im Auftaktmatch bleibt für die Ewigkeit. Später sagte der Russe über das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine: "Auf absehbare Zeit wird der beste Schachspieler immer mal eine Partie gegen den Computer gewinnen. Darauf kommt es an. Auf diese eine Partie, in der wir Menschen uns durch Kreativität durchsetzen - solange das geht, sind wir noch vorn."

2. "Die Unsterbliche Partie": Adolf Anderssen vs. Lionel Kieseritzky, 21. Juni 1851 in London

Adolf Anderssen
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Adolf Anderssen

Diese berühmte Partie, wahrscheinlich die bekannteste weltweit, hat es sogar in einen Hollywood-Film, den Science-Fiction-Klassiker "Blade Runner", geschafft. Die tatsächliche Partie fand im 19. Jahrhundert im Café Simpson statt, einem Schachlokal in London. Adolf Anderssen opferte im Laufe des Spiels spektakulär einen Läufer, beide Türme und seine Dame und konnte am Ende dennoch den Sieg feiern.

Die beiden Kontrahenten waren zwei der größten Schachspieler ihrer Zeit, die sich in London zu einem internationalen Schachturnier getroffen hatten. Beide waren Mathelehrer und kämpften mit vierzehn anderen Schachgenies um den Titel, doch die "Unsterbliche Partie" fand nicht innerhalb des Turniers statt, sondern als offene Partie zur Vorbereitung auf den Wettkampf.

Nicht einmal eine Stunde dauerte die Partie in dem Café, in dem sich Männer versammelten, "um Zigarren zu rauchen, über Politik zu reden und Schach zu spielen", wie der US-amerikanische Schachexperte David Shenk schrieb. Im 23. Zug setzte Anderssen Kieseritzky matt. Der Preuße gewann danach auch das Turnier. Doch sein größtes Spiel blieb bis zu seinem Tode 1879 die "Unsterbliche Partie" im Café Simpson.

3. "Kalter Krieg am Schachbrett": Boris Spasski vs. Bobby Fischer, 1972 in Reykjavík

Boris Spasski (l.), Bobby Fischer
AP

Boris Spasski (l.), Bobby Fischer

Bobby Fischer gegen Boris Spasski, USA gegen Sowjetunion, Kapitalismus gegen Kommunismus, der Kalte Krieg auf 64 Feldern. "Das Spiel des Jahrhunderts" wurde das Duell der beiden Schach-Genies genannt, auch wegen der politischen Begleitumstände - oder vor allem deswegen, glaubt man Kasparow: "Betrachtet man die Spiele aus heutiger Sicht, dann ist es weniger der Sport als die politischen Spannungen von einst, die diese Begegnung so besonders machen. Die Sowjetunion sah Schach als wichtiges Hilfsmittel, um ihre vermeintliche intellektuelle Überlegenheit über den dekadenten Westen zu demonstrieren."

Doch dazu kam es bei der WM in Reykjavík nicht. Das lag zum einen am schachlichen Können Fischers, vor allem aber auch an seiner Unberechenbarkeit. Der damals 29 Jahre alte Herausforderer war zuvor schon als Exzentriker bekannt, mit 13 hatte er sich mit Donald Byrne die "Partie des Jahrhunderts" geliefert (und gewonnen), mit 14 spielte er seine erste US-Meisterschaft (und gewann), mit 15 war er bereits Großmeister. Ein Genie, aber auch ein Opfer seines Geistes.

Im Alter wurde Fischer zunehmend verwirrt, ein Anhänger diverser Verschwörungstheorien und Antisemit. 1972, in der Laugardalshöll, war Fischer aber auf der Höhe seines Könnens und ein gewiefter Taktiker, auch abseits des Bretts. Er ließ seinen Gegner immer wieder warten, trat in einer Partie aus Protest gegen die seiner Meinung nach widrigen Bedingungen gar nicht an, bestand auf der Verlegung in einen anderen Raum. Der Psychokrieg, der laut Fischer keiner war ("ich glaube nicht an Psychologie, ich glaube an gute Züge"), wirkte - Fischer triumphierte 12,5 zu 8,5. Hier können Sie die dritte Partie des Duells nachspielen.

4. "Ein grandioses Gemälde": Alexander Aljechin vs. Efim Bogoljubow, 21. September 1922 in Hastings

Cover der "Schachnovelle"

Cover der "Schachnovelle"

Ernst Feder war in der Nazi-Zeit aus Deutschland nach Brasilien geflüchtet, im Exil wurde er einer der engsten Vertrauten von Stefan Zweig. Manchmal spielten sie Schach, Zweig, der Schriftsteller, und Feder, der Journalist. Er sollte später über seinen berühmten Freund sagen: "Ich bin ein schwacher Spieler, aber seine Kenntnis der Kunst war so gering, dass es mich Mühe kostete, ihn gelegentlich eine Partie gewinnen zu lassen."

In seinem letzten und berühmtesten Werk "Die Schachnovelle" taucht eine Partie auf, zu der sich Zweig von einem Aufeinandertreffen zweier der besten Spieler ihrer Zeit inspirieren ließ: Alexander Aljechin und Efim Bogoljubow. 1922 hatten der Russe Aljechin und der Deutsche Bogoljubow in Bad Pistyan, dem heutigen Piešstany in der Slowakei, gegeneinander gespielt, Zweig las davon im Buch "Die hypermoderne Schachpartie", das sich nach seinem Suizid 1942 noch in seinem Nachlass fand.

Noch bekannter als die hypermoderne Partie ist aber ein anderes Spiel der beiden Könner aus dem gleichen Jahr. Beim Turnier in Hastings lieferten sich Aljechin und Bogoljubow eine Partie, von der Experten damals wie heute schwärmen: "Das größte Meisterstück, das je auf einem Schachbrett geschaffen wurde" (Irving Chernev), "Ein Triumph des Geistes über die Materie" (Wassili Smyslow), "ein grandioses Gemälde" (Garri Kasparow).



insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
HaioForler 23.11.2016
1.
Die Partie von Aljechin ist schon ein Schmeckerchen.
blogvormkopf 23.11.2016
2. Wo ist denn bitte die Partie des Jahrhunderts?
https://de.wikipedia.org/wiki/Partie_des_Jahrhunderts Einmalig!
rolandofurioso 23.11.2016
3.
Zitat von blogvormkopfhttps://de.wikipedia.org/wiki/Partie_des_Jahrhunderts Einmalig!
Es ist - natürlich ! - absolut unmöglich, alle legendären Schachpartien in einem solchen Artikel zu erwähnen. Seien Sie doch dankbar, dass diese kleine Auswahl hier überhaupt präsentiert wird - so subjektiv diese auch sein mag. Also: Nicht beckmessern - es handelt sich hier schlichtweg um ein niedrigschwelliiges Einstiegsangebot! Ferner scheint es mir, als ob Sie den Artikel gar nicht gelesen haben, denn die von Ihnen genannte Partie wird sogar ausdrücklich erwähnt. Wer mehr möchte, der findet im Web eine Fülle von Ressourcen - z. B. auf chessgames.com: http://www.chessgames.com/perl/chesscollection?cid=1021421
tutnet 23.11.2016
4. Karjakin knapp in Führung?
Wenn ich das richtig verstehe, dann steht es momentan 4,5 : 3,5 für Karjakin. Die ersten sieben Partien remis und gestern der erste Sieg. Wenn die nächsten vier Partien auch remis enden, ist er Weltmeister. Wirklich knapp ist das nicht.
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