Zweite Partie der Schach-WM Unberechenbarer Carlsen, zögerlicher Anand

Im Duell um die Schach-WM tasten sich Viswanathan Anand und Magnus Carlsen weiter ab. Beide hielten ihre stärksten Waffen noch zurück. Dafür zeigte Herausforderer Carlsen, wie unberechenbar er ist - der internationale Meister Jonathan Carlstedt analysiert die zweite Partie.
WM-Herausforderer Carlsen: Eröffnungsvorbereitung eine Wundertüte

WM-Herausforderer Carlsen: Eröffnungsvorbereitung eine Wundertüte

Foto: BABU/ REUTERS

Nach der kurzen Vorstellung in der ersten Runde hofften die Schachfans im zweiten Spiel um den WM-Titel auf etwas mehr als 16 Züge. Vor allem nachdem Herausforderer Magnus Carlsen vor dem Kampf klarstellt hatte, dass in den vergangenen Weltmeisterschaften Stellungen zu früh Remis gegeben worden seien. Viel länger dauerte die zweite Partie gegen Titelverteidiger Viswanathan Anand dann aber nicht, dafür überraschte der 22-jährige Carlsen gleich zu Beginn mit der Wahl seiner Verteidigung.

1.e4 c6 Die Caro-Kann-Verteidigung. Eine echte Überraschung. Sicherlich wird sich Anand auch diese Variante in seiner monatelangen Vorbereitung angeguckt haben, aber wirklich damit gerechnet hat er sicherlich nicht. Die Experten hatten eher mit 1...e5 gerechnet.

Stellungen beim 3. Zug

Stellungen beim 3. Zug

Foto: Chessbase


2.d4 d5
3.Sc3 An dieser Stelle gibt es auch die Vorstoßvariante mit 3.e5. 3...dxe4

4.Sxe4 Lf5 5.Sg3 Lg6 6.h4 h6 7.Sf3 Bis hierhin ist es ein bekanntes Abspiel dieser Verteidigung. Schwarz entwickelt schnell seinen Läufer, um anschließend mit Bauer e7-e6 auch den zweiten Läufer entwickeln zu können. 7...e6 Eine kleine Überraschung, häufiger wird hier 7...Sd7 gespielt um das weiße Se5 zu verhindern.

8.Se5 Konsequent gespielt, da Schwarz Sd7 nicht gezogen hat, wird der weiße Springer ins Zentrum gestellt und droht nun sich gegen den schwarzen Läufer auf g6 zu tauschen. 8...Lh7 Deshalb hat Schwarz ungewöhnlich früh h6 gespielt, der Läufer braucht in dieser Variante das Feld h7.

9.Ld3 Lxd3 10.Dxd3 Nachdem der schwarze Läufer über das Brett gejagt wurde, tauscht Weiß ihn nun. Diese Züge spielten die beiden Kontrahenten innerhalb weniger Minuten. Ein klares Indiz, dass sich beide noch innerhalb ihrer häuslichen Vorbereitung befinden. Ein Mitglied des Anand-Teams ist der ehemalige WM-Herausforderer Peter Leko. Dieser spielt mit Schwarz selber häufig die Caro-Kann-Verteidigung, spielte aber diese Variante auch mit Weiß sehr erfolgreich. 10...Sd7

11.f4 Lb4 12.c3 Le7 Bei dieser Menge an Vorbereitung, die die beiden leisten müssen, ist eine der großen Herausforderungen, sich alles zu merken und es abrufen zu können. Das scheint beiden in dieser Partie gut gelungen zu sein.

Stellungen beim 14. Zug

Stellungen beim 14. Zug

Foto: Chessbase


13.Ld2 Sgf6
14.0-0-0 0-0 Rochaden in unterschiedliche Richtungen sind immer ein Indiz dafür, dass eine scharfe Partie folgt. Zudem hat Weiß seinen h-Bauer bereits gezogen und kann den Turm von h1 über h3 in den Angriff führen.

15.Se4 Weiß setzt zum Abtausch an. Der Springer auf g3 war die schlechteste weiße Figur. Diese abzutauschen ist im Sinne von Weiß. 15...Sxe4

16.Dxe4 Sxe5 Carlsen lässt sich nicht zweimal bitten und tauscht auch das zweite Springerpaar. Eine Alternative wäre Sf6 gewesen, um der Dame einen Tritt zu geben.

Stellungen beim 17. Zug

Stellungen beim 17. Zug

Foto: Chessbase


17.fxe5 Dd5
Carlsen ist weiter auf Abtausch-Kurs und Anand macht munter mit.

18.Dxd5 Aus meiner Sicht könnte das am Ende des Kampfes zu Anands Verhängnis werden. An dieser Stelle hätte er Carlsen mit Dg4 vor mehr Probleme stellen können. Stattdessen tauscht er weiter ab und lässt die Stellung verflachen. 18...cxd5

19.h5 Nach h5 werden beide schon das mögliche Remis gesehen haben. Weiß kann zwar noch etwas Angriff mit Th3-g3 vortäuschen, aber das reicht aufgrund der stabilen schwarzen Stellung nicht. 19...b5

20.Th3 a5 21.Tf1 Tac8 22.Tg3 Kh7 23.Tgf3 Kg8 24.Tg3 Kh7 25.Tgf3 An dieser Stelle wurde die Friedenspfeife geraucht, wie in der ersten Partie, erzwungen durch eine dreifache Stellungswiederholung. Das Abtasten geht weiter. Es scheint, dass beide ihre stärksten Eröffnungswaffen für die entscheidende Phase zurückhalten. Morgen ist Ruhetag, sodass beide ihre Schlüsse aus den ersten zwei Partien ziehen und auch ihre Vorbereitung entsprechend überprüfen werden. Dieser Job scheint für Anand etwas schwerer zu sein, denn Carlsens Eröffnungsvorbereitung gleicht einer Wundertüte. Trotzdem geben die ersten beiden Partien für Anand keinen Anlass zu Sorge.

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