Schach-WM und Fußball-Bundesliga Sport braucht Gewinner

Magnus Carlsen und Fabiano Caruana geben alles bei der Schach-WM, aber die dauernden Unentschieden rauben dem Titelkampf das Spektakel. Weil ein Remis nur dann leuchtet, wenn es so zustande kommt wie beim Spiel des FC Bayern.

Bayern-Torwart Manuel Neuer beim Spiel am Samstag
imago/ ULMER Pressebildagentur

Bayern-Torwart Manuel Neuer beim Spiel am Samstag

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Elfmal haben sich Magnus Carlsen und Fabiano Caruana am Schachbrett bisher gegenüber gesessen. Elfmal haben sie überlegt, getüftelt, alles umgesetzt, was sie und ihre Sekundanten sich vorher überlegt hatten. Elfmal sind diese Partien unentschieden ausgegangen. Das hat es in der Geschichte der Schachweltmeisterschaften noch nicht gegeben.

Eine Punkteteilung gab es gestern auch in der Fußball-Bundesliga, der FC Bayern spielte 3:3 gegen Fortuna Düsseldorf - wahrscheinlich war es das Remis mit der denkbar größten Distanz zu den Zweikämpfen bei der Schach-WM.

Elf Remis in elf Spielen zwischen Carlsen und Caruana - und man kann noch nicht einmal behaupten, dass Risikoscheu dafür verantwortlich war. Die zehnte Partie zum Beispiel war ein wilder Schlagabtausch, sagen die, die vom Schach viel verstehen. In den ersten Spielen gab es für die Fachwelt überraschende Eröffnungen. Und dennoch: Am Ende gaben sich Magnus Carlsen und Fabiano Caruana die Hand und einigten sich auf Remis. Und nach der fünften, sechsten Partie machte sich schon das Gefühl breit, dass in den regulären zwölf Begegnungen vor dem Tiebreak keine Entscheidung fallen wird.

Eine Armada digitaler und analoger Kompetenz

Die Remis-Orgie bei der Schach-WM ist ein gutes Beispiel dafür, dass der Sport dann an seine Grenzen kommt, wenn er zu perfekt wird. Dass es bisher in London keinen Sieger gab, lag nicht daran, dass die Kontrahenten keine Schwächen gezeigt haben. Aber beide sind zu gut oder zu gut vorbereitet, als dass diese Schwächen so frappant gewesen wären, als dass der Gegner sie hätte zum Sieg nutzen können.

Am Schachbrett sitzen zwei Großmeister, die diesen Namen auch verdienen. Munitioniert zudem von einem Team weiterer Schachgrößen, unterstützt von künstlicher Intelligenz, von allem, was die Schachcomputer ausspucken können. Eine Armada analoger und digitaler Kompetenz, und dies auf beiden Seiten.

Magnus Carlsen gegen Fabiano Caruana
DPA

Magnus Carlsen gegen Fabiano Caruana

Es gibt im Sportsprech den Ausdruck, dass sich zwei Teams gegenseitig neutralisieren. Man hat dies häufig bei Topspielen, wenn sich beide Mannschaften an das taktische Konzept halten, Fehler vermeiden. Für den Zuschauer kommt dann oft ein Spiel heraus, das Langeweile verströmt. Reporter reden dann gern davon, das Spiel sei "etwas für Feinschmecker", sie sprechen dann auch vom "Rasenschach". Es fehlt aber der entscheidende Kick: Sport lebt vom Gewinnen und vom Verlieren. Von Gewinnern. Und genauso von Verlierern.

Beim Tennisturnier in Wimbledon schlugen sich in diesem Sommer die Kontrahenten John Isner und Kevin Anderson im fünften Satz ihres Halbfinals die Aufschläge um die Ohren, bis zum 24:24 war es ausgeglichen, weil die beiden sich so auf das Aufschlagspiel spezialisiert hatten, ihr knallhartes Service so perfektioniert hatten, dass man irgendwann glaubte, das Spiel würde endlos so weitergehen. Irgendwann war die Spannung fürs Publikum ausgereizt. Es gab am Ende beim zweitlängsten Tennisspiel der Wimbledon-Historie dann doch noch einen Sieger, aber die Verantwortlichen haben danach flugs die Regeln geändert, damit das nicht mehr vorkommt.

Das sportliche Drama braucht Sieger - und Verlierer

Auch bei der Schach-WM wird es irgendwann eine Entscheidung geben. Früher wurde bis zur 24. Partie weitergemacht. Wenn es bis dahin noch Unentschieden stand, hatte der Titelverteidiger am Ende gewonnen. Das gibt es nicht mehr. Der Tiebreak ist eingeführt, und dieser Begriff legt schon die Parallele zum Wimbledon-Endlosspiel nahe.

Der Sieger und der Verlierer - sie sind das Holz, aus dem der Sport sein Drama schnitzt. Es ist der entscheidende Fehler, der zum Sport dazugehört und ohne den die Schönheit des Spiels nicht denkbar ist. Das Unentschieden leuchtet nur dann, wenn es einem Sieg oder einer Niederlage gleichkommt.

Zum gleichen Zeitpunkt, an dem Carlsen und Caruana sich am Samstagnachmittag belauerten, ihrer Figuren einem konsequenten Plan folgend auf dem Brett hin und her schoben, trennten sich in der Fußball-Bundesliga Bayern München und Fortuna Düsseldorf ebenfalls Remis: 3:3. Der 17. der Tabelle holt einen Zähler beim deutschen Rekordmeister, beim Titelverteidiger. Eine Punkteteilung, die für den Aufsteiger ein Sieg ist, für den FC Bayern gefühlt und real eine weitere Niederlage bedeutet, die den Trainer kurz- oder mittelfristig den Job kosten könnte.

Ein Unentschieden, das genau deswegen zustande kommen konnte, weil der Nimbus der Perfektion der Bayern gebrochen ist. Weil das Team Schwächen zeigt, die so manifest sind, dass der Gegner sie nutzt. Weil ein Champion wankt, kurz davor ist zu kippen. Ein sportliches Drama geradezu, zudem perfekt choreografiert durch den Ausgleich des Außenseiters in der letzten Minute.

Das Remis von München ist damit die sportliche Antithese zum Remis von London. Ein Unentschieden ist eben doch nicht nur ein Unentschieden.

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Papazaca 25.11.2018
1. Ein langer Anlauf zu den Geheimnissen eines Unentschieden
Lieber Peter Ahrens, bei diesen Vergleichen haben Sie sich - entschuldigen Sie meine Ausdrucksweise - einen abgebrochen. Dabei sind die Wahrheiten ziemlich einfach: Beim Schach spielen zwei gleichwertige Großmeister. In der Bundesliga spielt sich dagegen eher ein Drama ab: Der über viele Jahre Beste spielt zuhause gegen einen Aufsteiger und Tabellenvorletzten unentschieden. Aber Ihre Suche nach Analogie und Wahrheit ist schon schön. Nur, was Ihr Vergleich nur ahnen läßt: Für viele Fußballfans ist das Unentschieden der Bayern Götterdämmerung, Zeitenwende und vielleicht Ende einer Epoche. Und dieses Drama transportiert ihr Vergleich leider nicht. Fragen Sie mal die richtigen Bayernfans, dann würde Sie alles viel besser verstehen, nein, besser fühlen.
marthaimschnee 25.11.2018
2. der Sport braucht vor allem eine Mentalitätsänderung
und zwar weg vom "The winner takes it all" Prinzip. Ohne den Verlierer gibt es keinen Gewinner, so einfach ist das! Und wenn der Verlierer etwas leistet, muß er auch belohnt werden. Beim Fußball wäre das zB ganz einfach durchsetzbar: für ein 0:0 gibt es überhaupt keine Punkte, es hat ja keiner was zählbares geleistet für ein sonstiges Unentschieden gibt es 1:1 Punkte für ein 1:0 gibt es 2:0 Punkte für ein sonstiges Ergebnis mit einem Tor Unterschied gibt es 2:1 Punkte für ein Ergebnis mit 2 Toren Unterschied oder mehr gibt es 3:0 Punkte für je 3 Tore gibt es einen Zusatzpunkt ein 5:4 würde dementsprechend nicht mit 3:0 Punkten, sondern mit 3:2 Punkten gewertet, was dem Ergebnis viel besser entspricht. Und das 3:3 der Bayern wäre 2:2 Punkte wert, was dem Ergebnis ebenfalls viel besser entspricht, als es einem 0:0 gleichzusetzen. Chancen hat diese Idee natürlich absolut keine, denn dadurch würde das Spiel ja unberechenbar. Kann ja nicht sein, daß am letzten Spieltag jemand mit 4 Punkten Rückstand trotzdem noch Meister werden kann, das verwirrt ja den armen Fan nur unnötig.
jojocw 26.11.2018
3. Sport braucht nicht immer Gewinner ..
manchmal ist es auch gerecht und dann auch richtig, eben ein Unentschieden zu haben. Schwierig ist das dann bei Meisterschaften, bei denen man dann am Ende auch einen Gewinner haben will/muss. Obwohl auch das nicht immer notwendig ist. Dann gibt es eben 2 Meister ... Allerdings sollten die Regeln so sein, dass es nicht zu leicht wird, ein Unentschieden zu erreichen. Beim Volleyball gibt´s zum Beispiel immer Gewinner und Verlierer, in absehbarer Zeit. Durch die Regeln so erzwungen.
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