Anklage gegen Scheich Al-Sabah Ein Imperium bricht zusammen

Kaum jemand in der Sportwelt war mächtiger als Ahmad Al-Fahad Al-Sabah. War. Bald wird dem kuwaitischen Scheich in der Schweiz der Prozess gemacht. Nun geht die Angst davor um, wen er mit in den Abgrund zieht.

Scheich Ahmad Al-Fahad Al-Sabah
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Scheich Ahmad Al-Fahad Al-Sabah


Er war einer der mächtigsten Strippenzieher des olympischen Sports. Er kontrollierte mehrere Weltverbände, viele Stimmen im Internationalen Olympischen Komitee (IOC), die asiatische Dachorganisation OCA, Teile der Fifa und das mit einer halben Milliarden Dollar gefüllte IOC-Entwicklungsprogramm. Nun aber ist die Herrschaft des kuwaitischen Scheichs Ahmad Al-Fahad Al-Sabah gebrochen.

Al-Sabah droht wegen des Verdachts der schweren Urkundenfälschung in der Schweiz eine mehrjährige Haftstrafe. In Kuwait wird gegen ihn wegen Geldwäsche ermittelt. In den USA wird er in einem der Fifa-Strafverfahren seit April 2017 als Schmiergeldzahler und Mitverschwörer geführt. Al-Sabah weist in diesem und anderen Fällen jegliche Schuld von sich und behauptet stets, er sei Opfer politischer Intrigen und krimineller Vergehen.

Weiteres Unheil bahnt sich für Al-Sabah an, und die olympische Welt wartet in einer Mischung aus Panik und Schadenfreude darauf, was noch zum Vorschein kommt. Ein Kartenhaus der Macht bricht zusammen und könnte viele Topfunktionäre, darunter Präsidenten von Weltverbänden und IOC-Mitglieder, mit in den Abgrund ziehen.

Der Getreue aus Fidschi

Seine Mitgliedschaft im IOC lässt Al-Sabah seit einer Woche ruhen. Im vergangenen Jahr hatte er bereits seinen Job im Fifa-Council aufgegeben. An andere Funktionen klammert er sich noch. An die Präsidentschaft im Dachverband aller 206 nationalen Olympiakomitees (ANOC) etwa. Kommende Woche trifft sich die ANOC-Vollversammlung in Tokio, Gastgeber der Olympischen Sommerspiele 2020. Scheich Ahmad steht zur Wiederwahl und ist einziger Präsidentschaftskandidat. Doch nach Informationen des SPIEGEL wird er nicht antreten und soll im Pamir-Kongresszentrum von Shinagawa mindestens interimsweise von Robin Mitchell ersetzt werden.

Mitchell stammt von den Fidschi-Inseln und hat es mit Unterstützung des Scheichs bis ins Exekutivkomitee des IOC geschafft. Er gilt als Getreuer Scheich Ahmads und des IOC-Präsidenten Thomas Bach. Es darf offenbar niemand Nachfolger werden, der nicht zu deren Günstlingen gehört.

Offiziell heißt es, die Ethikkommission des IOC ermittele gegen Scheich Ahmad. Wie diese Ermittlungen aussehen, ob eines oder mehrere Verfahren gegen ihn geführt werden, ist offen. Die Kommission teilte auf eine lange Liste von Fragen lediglich mit, man sei im "laufenden Verfahren" zur Verschwiegenheit verpflichtet.

Armada von Anwälten

Der Fall ist brisant, denn nach SPIEGEL-Informationen sind offenbar nicht nur mutmaßliche Bestechungsgelder von Konten des Olympic Council of Asia gezahlt worden, sondern offenbar auch von ANOC-Konten. Zudem steht die Frage im Raum, ob Scheich Ahmad dem IOC und seiner Ethikkommission gefälschte Unterlagen und unter Vorspiegelung falscher Tatsachen erlangte juristische Schriftstücke vorgelegt hat. Das IOC gab auch dazu keine Auskunft. Ermittlungsbefugnisse hat die Ethikkommission ohnehin nicht.

Aus ihrem Umfeld hieß es im Oktober in vertraulichen Gesprächen, der Scheich habe eine Armada von Anwälten engagiert, sei dennoch nicht mehr zu halten, sollte in der Schweiz Anklage erhoben werden. Dies ist vor zwei Wochen geschehen - nach dreieinhalbjähriger Voruntersuchung. Im Frühjahr 2019 kommt es zum Prozess vor einem Strafgericht in Genf.

Al-Sabah im Februar 2016 mit Fifa-Präsident Gianni Infantino (l.)
AFP

Al-Sabah im Februar 2016 mit Fifa-Präsident Gianni Infantino (l.)

Seit mehr als einem Jahr verdichten sich Hinweise, dass in mindestens einem Fall Computerdaten aus dem Präsidialbüros des Scheichs gestohlen worden sind. Wahrscheinlich existieren also nicht nur Unterlagen darüber, wie er und seine Helfer Leute bei der Fifa bestochen haben könnten, wie es seit 2017 in der US-Anklageschrift heißt. Denn bislang konzentrierte sich das US-Justizministerium nur auf den Fußball, die Fifa. Ein Austausch mit den in olympischen Fällen ermittelnden Staatsanwälten in Brasilien, Frankreich und der Schweiz existiert bestenfalls in Ansätzen. Das könnte sich also ändern.

Die erfundene Verschwörung

Die Anklage gegen Scheich Ahmad in der Schweiz bezieht sich auf Vorgänge in Kuwait, wo Al-Sabah vor einigen Jahren seinem Onkel, dem Emir und Staatsoberhaupt, Unterlagen über ein vermeintliches Komplott übergab und öffentlich die angeblichen Verschwörer bloßstellte. Nur stimmte das wohl nicht. Die Verschwörung war offenbar erfunden.

Der Emir ließ damals mehrere internationale Wirtschaftsdetekteien verpflichten, die allesamt zum Ergebnis kamen, die angeblichen Belege, darunter Videoaufnahmen, seien gefälscht. Einer dieser Berichte, verfasst von der Firma Kroll, liegt dem SPIEGEL vor.

Einer der vermeintlichen kuwaitischen Verschwörer, der frühere Parlamentschef Jassem Al-Kharafi, ist inzwischen verstorben. Dessen Familie gibt Scheich Ahmad Schuld am Tod und erwirkte das Strafverfahren in der Schweiz. Vor wenigen Tagen listete die Al-Kharafi-Familie in einem Statement die strafrechtlich relevanten Vergehen des IOC-Scheichs noch einmal auf. Bis heute täusche Al-Sabah die Öffentlichkeit, heißt es dort.

Zu den Kernthesen des Scheichs gehört die Behauptung, die Vorgänge in Kuwait und der Strafprozess in der Schweiz hätten nichts mit seinen Olympia-Ämtern zu tun. Auch dies dürfte eher eine Wahrheitsbeugung sein.

Dem SPIEGEL liegt umfangreiches Aktenmaterial aus dem IOC und zahlreichen Weltverbänden vor, das darauf schließen lässt: Im Frühjahr 2015 musste Scheich Ahmad sich im kuwaitischen Fernsehen öffentlich für seine erfundenen Umsturzanschuldigungen entschuldigen. Wenig später wurde Kuwait von zahlreichen olympischen Weltverbänden und vom IOC suspendiert.



insgesamt 9 Beiträge
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th.diebels 25.11.2018
1. Meine Hochachtung
geht in die Schweiz ! Ich hoffe, die dtsch. Medien werden uns hinreichend und ausführlich berichten - ohne Kommentare aus dem Bundeskanzleramt !
widower+2 25.11.2018
2. Wo ist er?
Die Information fehlt mir noch. Oder habe ich das überlesen? Wenn er nicht in der Schweiz in Untersuchungshaft sitzt, droht ihm mit Sicherheit keine mehrjährige Haftstrafe, sondern schlimmstenfalls eine Verurteilung zu einer solchen. Da sollte man schon genauer formulieren. Seit Jahren ist zu beobachten, dass die Anzahl der Personen, welche die deutsche Sprache sicher beherrschen und anzuwenden wissen, mit der Anzahl der vielen verschiedenen Medien und deren gefühlt im Sekundentakt publizierten Meldungen nicht mehr schritthalten kann. Schade!
glissando 25.11.2018
3. Komitee-Flut
Ach ne, das ist ja mal spannend: Es gibt nicht nur den unsäglichen Bach mit seinem IOC und dann noch die große Zahl nationaler Komitees, es gibt auch noch deren Dachverband. Toll, irgendwo müssen ja die Milliarden für Verwertungsrechte bleiben. Dabei wäre es so einfach: Ausschalten, dann geht auch bei denen das Licht aus. Tour de Farce und Olympia geb ich mir schon nicht mehr, vielleicht schaff ich das auch noch bei FIFA- und UEFA-Produkten. Sport ist das schon lange nicht mehr.
Nonvaio01 25.11.2018
4. dann bhoffen wir mal
das er alle mitnimmt, denn ums Geld geht es ihm nicht, damit koennen in die funktionaere nicht mehr locken doch den Mund zu halten. Wenn so einer vor dem Richter steht und sagt es ist nicht meine schuld, wird er alles ausplaudern, jeden mitziehen, denn wie gesagt er hat sein ruhe kissen eh sicher. Freue mich schon darauf.
m.klagge 25.11.2018
5. Niemand ist unersetzbar.
Selbst die olymischen Halbgötter und die Meister der Fifa können gleichwertig, und das auch in Bezug auf aktive und passive Bestechlichkeit, ersetzt werden. Im Übrigen sitzt der feine Herr nicht im eidgenössischen Knast und lacht sich also nen Ast über die gaqnze Nummer. Ein Sturm im Wasserglas, sonst nichts.
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