Schlag ins Gesicht Ringer-Star wehrt sich gegen Rassismusvorwurf

Deutschlands "Ringer des Jahres" Stefan Kehrer steht im Verdacht, während eines Fußballspieles einen Spieler rassistisch beschimpft zu haben. Die Folgen: Tumulte auf dem Platz und vor den Kabinen, eine Strafanzeige gegen einen Akteur und ein Verband, der erst einmal abwartet.

Von Markus Tischler


Hamburg - Kehrer gilt als ruhiger, als besonnener Typ. Einer, der andere zwar gerne niederringt, aber nur auf der Matte. Einer, "der sehr vernünftig wirkt. Der sachlich und ruhig ist", wie Rainer Hollich, Trainer des Fußball-Clubs TSV Viernheim SPIEGEL ONLINE sagte. Und doch soll Kehrer während eines Spieles der Viernheimer am vergangenen Sonntag in der Landesliga Rhein-Neckar den türkischen Spieler Hasan Gögercin vom Gegner LSV Ladenburg rassistisch beschimpft haben.

Viernheim hatte 4:0 gegen Ladenburg gewonnen, Kehrer gehörte zu den TSV-Fans. Es sei ein normales Fußballspiel gewesen, erzählt Hollich: "Beide Teams sind fair miteinander umgegangen." Es gab zwar eine Rote Karte für einen Gästespieler, wegen einer Notbremse im eigenen Strafraum. Nichts Aufregendes also. Als er nach dem Abpfiff auf den Platz gegangen sei, um seinen Spielern zu gratulieren, da habe er sich umgedreht und einen Tumult gesehen. "Ich habe meine Spieler daraufhin sofort in die Kabine geschickt", sagt Hollich.

Der LSV Ladenburg indes bezeichnet den Tumult als Schlägerei. Angeblicher Ausgangspunkt: Kehrer. In einer Pressemitteilung des Clubs heißt es, der Ringer habe Gögercin während der Partie rassistisch beschimpft. Dieser wiederum machte Kehrer nach Spielschluss auf dessen "charakterliches und intellektuelles Defizit" aufmerksam. Anschließend seien rund 40 Zuschauer auf den Rasen gestürmt und hätten Ladenburger Spieler getreten und geschlagen, heißt es in der Erklärung weiter.

Kehrer behauptet dagegen: "Ich habe mit dem Rücken zum Spielfeld gestanden und mich mit meiner Freundin unterhalten. Die ist übrigens Italienerin - so viel zum Thema Rassismus. Auf einmal hat mir Herr Gögercin auf die Schulter getippt. Und als ich mich umgedreht habe, hat er mir seine Faust ins Gesicht geschlagen", sagte Kehrer heute dem "Mannheimer Morgen". Er habe sich während der Partie über die Tore seines Vereins gefreut, "Herr Gögercin hat das aber als Provokation verstanden und sich angegriffen gefühlt". Den Vorwurf der rassistischen Beleidigungen bezeichnete er als "bodenlose Frechheit". Eine derartige Entgleisung könne er sich gar nicht erlauben, weil er bei der Bundeswehr sei. Und: "Meinen guten Ruf habe ich mir mühsam erarbeitet."

Dazu zählt auch die Ehrung "Ringer des Jahres". Die wurde Kehrer vergangene Woche zuteil. Sportlicher Grund ist die Bronzemedaille bei der EM in der Freistilklasse bis 96 Kilogramm, die Kehrer im April in Moskau errungen hatte. Aber bei dieser Wahl falle auch der Vorbildcharakter des Sportlers ins Gewicht, sagte Manfred Werner, Präsident des Deutschen Ringer-Bundes SPIEGEL ONLINE. Zum aktuellen Fall gibt sich Werner wortkarg: "Herr Kehrer hat einen Rechtsanwalt beauftragt. Wir beteiligen uns nicht an Spekulationen."

Kehrer indes hat bereits am Montag Strafanzeige bei der Polizei gegen Gögercin gestellt. Offenbar die einzige, die bisher nach der Partie eingegangen ist. Dabei klingt die Formulierung in der LSV-Mitteilung nach einem Großeinsatz von Polizei und Sanitätern. Schließlich soll Gögercin, selbst als er am Boden lag, noch geschlagen und getreten worden sein. Ebenso hätten zur Hilfe eilende Mitspieler Tritte abbekommen.

Ob Kehrer später noch in die Gästekabine gestürmt ist, wie es ebenfalls in der Erklärung des LSV heißt, ist ungeklärt. Frank Schwabe, der angesichts der Vorfälle kurz nach der Partie seinen Rücktritt als Trainer des LSV erklärte, sagte dem "Mannheimer Morgen": "Ich bin gleich danach in die Kabine gegangen. Plötzlich wurde ich rausgerufen - und dann sah ich ein wildes Handgemenge." Zum Vorwurf gegen Kehrer stellte er fest: "Wenn ein Zuschauer Geld bezahlt, kann er prinzipiell rufen, was er will. Aber es ist so, dass die türkischstämmigen Akteure oft mit rassistischen Rufen beleidigt werden. Dennoch ist das keine Entschuldigung für einen Spieler, eine Schlägerei anzuzetteln."

Und Gögercin? Schwabe berichtet, der Spieler, "den ich als Mensch sehr schätze", habe bei ihm angerufen, sich entschuldigt und gesagt, er wolle den Verein verlassen. Schwalbe selbst erschien gestern Abend mit zwei Spielern beim Training von Viernsheim und bat seinerseit um Entschuldigung für den Vorfall.

Der Club stellte Gögercin erst einmal frei, gegen den zudem vom badischen Verband wie auch gegen die Ladenburger Spieler Tamer Tan und Battal Külcü nach Eingang des Berichtes von Schiedsrichter Ruben Ott eine Vorsperre verhängt wurde. Ladenburgs Ärger richtet sich freilich auch gegen den Schiedsrichter. Der soll Gögercins Bitte, den ständigen Anfeindungen Einhalt zu gebieten, nicht gefolgt sein. Stattdessen wird Ott in der Pressemitteilung mit der Antwort zitiert: "Kümmern sie sich um ihre eigenen Angelegenheiten."



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