Schmitts WM-Triumph Heulkrampf im Trainerbunker

Nach Martin Schmitts grandiosen WM-Titel von Lahti haben die deutschen Skispringer ausgelassen feiern dürfen. Allen Beteiligten ist ein Stein vom Herzen gefallen.


Martin Schmitt: "Da habe ich ein paar auf den Deckel gekriegt"
AP

Martin Schmitt: "Da habe ich ein paar auf den Deckel gekriegt"

Lahti - Dunkle Augenringe, goldene Medaillenträume, silberne Trainerhaare: Nach der Siegesfete bis nachts um vier folgte die nächste Kampfansage von Martin Schmitt. "Jetzt will ich meine besten Sprünge auch für die Mannschaft zeigen und mit den Jungs eine Medaille holen. Die Farbe ist egal", erklärte der übernächtigte Großschanzen-Weltmeister von Lahti. Vor dem Teamspringen am Mittwoch (18 Uhr) wurden aber zunächst die Frisörsalons von Lahti durchkämmt.

"Einige Leute haben wegen der Goldmedaille ein paar Wetten verloren. Dem Reinhard Heß wollen sie die jetzt silbern färben" verriet Schmitts Heimtrainer Wolfgang Steiert. Im Gegensatz zu Bundestrainer "Silberlocke" hoffte der Co-Chef mit einer Kürzung seiner Haare davonzukommen. Dem zweiten Assistenten Henry Glaß drohte Schmitt ebenfalls eine Färbung an, während Techniker Peter Langes buschiger Schopf einer Vollglatze weichen sollte.

Bier, Sekt, Witze, Flirts


Am Abend zuvor hatte die gesamte Mannschaft Schmitts Gold in der Disco "Sokos Seurahaone" mit Bier, Sekt, Witzen und Flirts bis zum Abwinken gefeiert. Außerdem gab es auch über das Telegramm des Bundespräsidenten Johannes Rau einiges zu lachen, der "zur Wiederholung des Vorjahreserfolgs" gratuliert hatte - allerdings hatte der Überflieger bereits vor zwei Jahren Doppelgold in Ramsau gewonnen. Auch Bundeskanzler Gerhard Schröder gratulierte per Funknachricht.

"Die brutale Anspannung ist von mir abgefallen, dieser Sieg wiegt mehr als die beiden in Ramsau, weil er viel überraschender kam und härter erkämpft war", erklärte Schmitt 16 Stunden nach seinem grandiosen Triumph über Adam Malysz. Mit seinem dritten Titel schob er sich in der ewigen WM-Rangliste näher an Spitzenreiter Matti Nykänen aus Finnland heran, der zwischen 1982 und 1989 sechs WM-Titel gewann.

"Der größte Erfolg meiner Laufbahn"


Nach den Tiefflügen der letzten Wochen erschien der von einer glänzenden Mannschaftsleistung gekrönte Triumph Chefcoach Heß süßer als alle anderen zuvor: "Ich habe nach Martins Sieg im Trainerbunker gesessen und geheult. Für mich war das der größte Erfolg meiner Laufbahn. Wir waren in einer Situation, wo alle gezweifelt haben." Auch Schmitt gab zu, die wohl größte Krise seiner Laufbahn ("Patsch, da habe ich ein paar auf den Deckel gekriegt") durchlitten zu haben: "Aber ich habe mich irgendwann wieder auf meine Stärke besonnen und mich nicht mehr von Malysz verrückt machen lassen."

Den Umschwung brachte das Geheimtrainingslager im norwegischen Lillehammer. "Wir sind am Tag gesprungen und haben am Abend Gesellschaftsspiele gespielt und viel Spaß gehabt", erklärte Alexander Herr. Er machte mit Platz sieben ("Der größte Erfolg meiner Laufbahn") ebenso wie Sven Hannawald (6.) und Michael Uhrmann (13.) die Wiederauferstehung der deutschen Adler perfekt.

Von Lars Becker, sid



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.