Schwergewicht Dimitrenko Auf Klitschkos Spuren

Früher prügelte er sich auf der Straße. Heute gehört Alexander Dimitrenko zu den intellektuellen Boxern. Der Ukrainer hat alle Profi-Kämpfe seiner Karriere gewonnen, bald soll es für ihn um die WM-Krone im Schwergewicht gehen.

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Seine linke Faust schnellt nach vorn, Sekundenbruchteile später folgt die rechte. Dann tänzelt Alexander Dimitrenko - für einen Mann von 2,01 Metern Körpergröße und einem Gewicht von 116 Kilogramm - mit erstaunlicher Leichtigkeit zur Seite. Die Fäuste hat er längst wieder zur Deckung vor sein Gesicht gezogen. Schläge eines Gegners muss der 25-jährige Ukrainer an diesem Tag nicht fürchten. Schattenboxen steht auf dem Trainingsprogramm.

Fünf Minuten lang kämpft Dimitrenko im Ring des Gyms, einer engen Trainingshalle des Hamburger Universum-Boxstalls, gegen seinen unsichtbaren Kontrahenten. Nun gönnt ihm Trainer Fritz Sdunek eine Pause. Wenige Meter entfernt stemmen weitere Boxer Gewichte oder dreschen auf Sandsäcke ein. Ein leichter Schweißgeruch liegt in der Luft. An den Wänden hängen Poster von Dariusz Michalczewski, von Witalij und Wladimir Klitschko.

Morgen Abend wird Dimitrenko nur einige Kilometer entfernt wieder im Ring stehen - in der Hamburger Color Line Arena. Er gilt als eines der größten Schwergewichts-Talente im Profiboxen. Den Hauptfight des Abends bestreitet dennoch ein anderes Schwergewicht: Luan Krasniqi. Der Stallgefährte Dimitrenkos trifft in einem WM-Ausscheidungskampf auf Tony Thompson aus den USA. Die Rolle des Vorkämpfers dürfte den Ukrainer allerdings nicht sonderlich stören. Er ist niemand, der sich in den Mittelpunkt drängen möchte. Sein Kampfname lautet "Sascha", die ukrainische Kurzform seines Vornamens. Zurückhaltend ist sein Auftreten. Geduldig, freundlich und fast ein wenig schüchtern antwortet er auf Fragen. Sein Blick wandert dabei häufig zur Seite oder nach unten."So bin ich. Warum soll ich große Sprüche klopfen? Ich will im Ring beweisen, was ich kann", sagt Dimitrenko. Dort lautet seine beeindruckende Bilanz als Profi: 25 Kämpfe, 25 Siege (davon 15 durch K.o.). "Er sieht aus wie Drago" wird Dimitrenko in verschiedenen Internet-Foren auch mit dem von Dolph Lundgren verkörperten Gegner Sylvester Stallones in "Rocky IV" verglichen. Früher lautete sein Spitzname "Babyface", abgeleitet von den kindlichen Gesichtszügen, die so gar nicht zu seiner hünenhaften Gestalt passen wollten.

"Diese Baby-Zeiten sind vorbei", sagt Coach Sdunek. Nicht nur, dass Dimitrenko erwachsener wirkt als etwa noch vor zwei Jahren. Vor allem boxerisch ist er gereift: Er hat körperlich weiter zugelegt, lässt die linke Hand in der Defensive nicht mehr hängen. In drei Boxverbänden wird er mittlerweile unter den Top Ten der Rangliste geführt, bei der WBO sogar auf dem zweiten Platz hinter Samuel Peter. Zwei bis drei Kämpfe gibt Sdunek seinem Boxer noch Zeit: "Im nächsten Jahr muss er so weit sein, einen WM-Kampf zu bestreiten."

So wie Wladimir Klitschko am vergangen Wochenende. Dieser Klitschko ist sein stilistisches Vorbild. Dimitrenko boxt vor allem aus der Distanz. Seine enorme Reichweite von 211 Zentimetern macht das möglich. Ihm ist es wichtiger, Treffer des Gegners zu vermeiden, als den Kontrahenten auszuknocken. Wie die Klitschko-Brüder strebt Dimitrenko auch einen akademischen Abschluss an. Nicht in Sportwissenschaften, sondern in Jura - per Fernstudium in Kiew. "Ich muss auch an die Zeit nach dem Boxen denken", sagt Dimitrenko. Und wie die Klitschkos hat er den Weg von der Ukraine nach Hamburg gewählt, zu Universum. Fünfeinhalb Jahre ist das her. Der Schritt ins Profi-Geschäft kam für einen Schwergewichtler ungewöhnlich früh.

Dimitrenko hat sich schnell in Deutschland eingelebt, die fremde Sprache beherrscht er gut. Seine Freundin Ivana kommt aus Stuttgart. In Gedanken ist er dennoch oft bei seiner Familie, auf der Halbinsel Krim am Schwarzen Meer. Fast täglich telefoniert er mit seinen jüngeren Geschwistern, Mutter oder Stiefvater. Sein leiblicher Vater ist gestorben, als der Boxer noch ein Kind war. Eine Zeit, an die er ungern zurückdenkt.

Dimitrenko schloss sich "aus Langeweile" einer Straßenbande an, war oft in Prügeleien verwickelt. "Die schlimmste Zeit meines Lebens", sagt er. Freunde brachten ihn schließlich zum Boxen. Seine Chance, der Trost- und Perspektivlosigkeit zu entfliehen. "Viele meiner Klassenkameraden", erzählt Dimitrenko, "sind heute im Knast oder drogenabhängig."

Auf seiner Boxhose ist bei den Kämpfen ein Fisch zu sehen, das christliche Symbol. Dimitrenko liest die Bibel, geht in die Kirche und betet auch schon einmal vor einem Kampf. Einen Widerspruch zwischen seinem Beruf und dem christlichen Gebot der Nächstenliebe sieht er nicht: "Es ist ja nicht so, dass ich den Gegner im Ring hasse. Nach dem Kampf umarmen wir uns und gut ist."

Der WM-Titel ist Dimitrenkos großes Ziel. Doch morgen muss er zunächst Malcolm "The Showstopper" Tann besiegen. Von 26 Profi-Kämpfen hat der US-Amerikaner 23 gewonnen. "Aber", sagt der Ukrainer ungewohnt forsch, "meinen Weg wird er nicht stoppen." Seinen Trainer Sdunek dürfte diese Ankündigung freuen, sagt er doch über Dimitrenkos einzige Schwäche: "Ihm fehlt noch etwas Selbstvertrauen. Er ist nicht so überzeugt von sich, wie es sich für einen Champion gehört." Gut möglich, dass sich diese Einschätzung bald ändert.



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