Florian Wellbrock bei der Schwimm-WM Im Wechselbad

Gold im Freiwasser, ein verkorkster Vorlauf über 800 Meter: Florian Wellbrock durchlebt bei der Schwimm-WM Höhen und Tiefen. Jetzt will der Deutsche bereit sein für die historische Doppel-Mission.

Mit 1,92 Meter Körpergröße gleitet der deutsche Schwimmer Florian Wellbrock durch das Wasser
François-Xavier MARIT / AFP

Mit 1,92 Meter Körpergröße gleitet der deutsche Schwimmer Florian Wellbrock durch das Wasser

Aus Gwangju berichtet


Da war er wieder, der alte Florian Wellbrock. Jener Langstreckenschwimmer, der mit langen, kraftvollen Zügen ökonomisch durchs Wasser gleitet, der sich nicht aus der Ruhe bringen lässt, wenn auf der Bahn neben ihm Olympiasieger Gregorio Paltrinieri das Tempo anzieht. Der auf den letzten 800 Metern seine Geschwindigkeit ausspielt, um sich souverän für das WM-Finale über 1500 Meter zu qualifizieren. Und der sich danach locker vor die Presse stellt und sagt: "Dass Paltrinieri irgendwann wegschwimmt und mehr Druck macht als nötig, das wusste ich. Dann konnte ich das cool über die Bühne bringen hinten raus."

Dieser Florian Wellbrock, er wirkte wie jener selbstbewusste Weltmeister, der in der Woche zuvor das Freiwasserrennen über die olympischen zehn Kilometer für sich entschieden hatte. Wie jener Europameister über 1500 Meter, der seit seinem EM-Rennen im vergangenen Sommer in Glasgow konstant gute Leistungen abgeliefert hatte, im Freiwasser wie im Becken, und daher als der sicherste unter den deutschen Medaillenkandidaten nach Gwangju gereist war.

Doch da war eben auch dieser 800-Meter-Vorlauf, den der 21-Jährige vier Tage zuvor mit zehn Sekunden über seiner Bestzeit als Gesamt-17. beendet hatte. Ein erstaunlicher Einbruch, der alle Beteiligten zunächst ratlos zurückgelassen hatte. Würde ihm doch nicht gelingen, was sein Trainer Bernd Berkhahn und er bei dieser WM erstmals ausprobieren, nämlich der Doppelstart zwischen Freiwasser und Becken, der im kommenden Jahr bei den Sommerspielen in Tokio idealerweise doppelt glänzend enden soll?

Wellbrock reagiert geschockt auf sein Ergebnis im 800-Meter-Vorlauf
Bernd Thissen/dpa

Wellbrock reagiert geschockt auf sein Ergebnis im 800-Meter-Vorlauf

Endgültig lässt sich das wohl erst nach dem 1500-Meter-Finale am Sonntag (ab 13.17 Uhr) beurteilen. Sollte Wellbrock dort eine Medaille holen, wäre er der erste Mann, dem das bei einer Schwimm-WM bei Einzelrennen im Becken und im Freiwasser gelingt. Bei den Olympischen Spielen von London war dieser Kraftakt Oussama Mellouli mit Bronze im Becken und Gold im Hyde Park gelungen. Bei den Frauen holte die Niederländerin Sharon van Rouwendaal bei der WM 2015 Silber über 400 Meter Freistil und die zehn Kilometer Freiwasser-Distanz.

"Florian lebt davon, dass er einen Kraftimpuls ins Wasser bringt, dann rutscht er, dann legt er sich aufs Wasser. Aber er lag nicht auf dem Wasser, er lag tief drin", sagte Berkhahn in einer ersten Analyse nach dem 800-Meter-Vorlauf, der von seiner Tribünenposition aus betrachtet schon nach dem Startsprung verkorkst gewesen war. "Florian hat von der ersten Bahn an keinen Rhythmus gefunden, musste um jeden Zentimeter kämpfen." Von Wellbrock selbst war nur hören, er sei frustriert, "ein bisschen verzweifelt", wie es Berkhahn übermittelte.

Hatte er also doch die Belastung der zehn Kilometer aus der Vorwoche nicht abschütteln, Körper und Kopf nicht auf die nächste Herausforderung umstellen können? Glaubt man Trainer und Schwimmer, dann hatte körperlich zuvor nichts darauf hingedeutet, dass Wellbrock so abfallen würde. Die Trainingsergebnisse seien positiv gewesen, zwei Tage vor dem Start habe Wellbrock noch eine Serie im Wettkampfbecken geschwommen, "die sehr gut lief", wie er selbst später sagte, auch beim Einschwimmen unmittelbar vor dem Rennen habe er einen starken Eindruck gemacht.

Wellbrocks Aus im 800-Meter-Vorlauf - ein Kopfproblem?

Da der Körper vorbereitet schien, gingen die ersten Erklärungsversuche des Trainers in Richtung Kopf. "Für ihn ist das eine komplett neue Rolle. Hier ist er der Hoffnungsträger, soll das deutsche Schwimmen retten. Da muss ein 21-Jähriger erst mal mit klarkommen", sagte Berkhahn. Bezogen auf die Aussagen seines Schützlings, er genieße die Aufmerksamkeit und die Anerkennung, die ihm seit seinem Gold-Rennen bei der EM 2018 entgegengebracht werde, ergänzte Berkhahn: "Der Leistungssportler ist ein empfindliches Gebilde. Wenn Einflüsse kommen, die nicht positiv sind, kann das auch schnell zusammenbrechen."

So wurde in den Tagen nach dem 800-Meter-Aus viel getan, um Wellbrock "wieder klarzukriegen", wie es Berkhahn nannte. Trainingswissenschaftler wurden einbezogen, die Sportpsychologin, damit Wellbrock das üblicherweise durchaus ausgeprägte Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten wiederfindet. Für das Körpergefühl stand zudem Krafttraining auf dem Programm, "damit er das Wasser wieder fühlen kann", sagte Berkhahn.

Für Wellbrock selbst hatte sich der Vorlauf über die 1500 Meter am Samstag "tendenziell ein bisschen besser" angefühlt als das 800-Meter-Rennen zuvor. "Dieses lockere Schwimmen bis 1000 Meter ging sehr gut, als Zweiter drin, erstmal alles super." Der 21-Jährige gab zwar auch zu, dass der Tag des Vorlauf-Aus "kopfmäßig" schon schwer gewesen sei. Doch der alten Florian Wellbrock ergänzte sogleich: "Dann habe ich eine Nacht drüber geschlafen, das Buch zugemacht - und jetzt wird neu geschrieben."



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Seite 1
jujo 28.07.2019
1. ....
Das im ÖR Fernsehen nichts übertragen wird ist eine Frechheit! Nur Mediathek und Lifestream im ZDF. Zum Glück kann ich die Wettkämpfe komplett im schwedischen TV sehen.
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