Weltmeister Wellbrock Wie die Beckenschwimmer nun auch das Freiwasser erobern

Die Rennen werden schneller, auf der Strecke treiben keine toten Ratten mehr und keine morschen Holzpaletten: Das Freiwasserschwimmen hat sich verändert - weil mehr Bahnprofis am Start sind.

Freiwassersportler bei der Schwimm-WM 2019
Chung Sung-Jun/Getty Images

Freiwassersportler bei der Schwimm-WM 2019

Aus Yeosu berichtet


Die schwimmstarken Sportler waren sich vor dem Zehn-Kilometer-Rennen bei der WM in Südkorea einig: Bloß kein Massensprint am Ende! Denn: Käme es zu einem solchen Gerangel, wären wohl jene routinierten, breiten Freiwasserschwimmer im Vorteil, die solche Positionskämpfe aus vielen Rennen kennen - und diese mit Erfahrung und Körpereinsatz für sich entscheiden können.

Deshalb hatte sich das deutsche Team in einer Art europäischen Allianz mit den Schwimmern aus England und Ungarn abgesprochen. Sie wollten das WM-Rennen, in dem auch zehn Tickets für die Olympischen Spiele in Tokio 2020 vergeben wurden, mit hohem Tempo bestimmen und von vorne entscheiden.

Auch 1500-Meter-Olympiasieger Gregorio Paltrinieri war in diesen Plan eingeweiht. Er war der neueste namhafte Zugang aus dem Beckenschwimmen. Der Italiener hatte lange geführt, war dann aber auf Rang sechs zurückgefallen, nachdem er in der letzten Runde noch eine Verpflegungspause eingelegt hatte.

Tempo wird immer höher

Paltrinieri ist Teil einer spannenden Entwicklung: Seit Oussama Mellouli seine hohe Grundgeschwindigkeit aus dem Becken nutzte, um bei den Olympischen Spielen 2012 neben Bronze im Becken über 1500 Meter Freistil das Freiwasserrennen für sich zu entscheiden, zieht es immer mehr starke Beckenschwimmer ins Freiwasser.

Auch der Deutsche Florian Wellbrock, frisch gekürter Weltmeister über die olympischen zehn Kilometer, profitiert im Freiwasser zum einen von seiner ökonomischen Art, mit langen, ruhigen Zügen zu schwimmen, vor allem aber von seiner hohen Grundgeschwindigkeit. Wellbrock feierte seine ersten Erfolge im Freiwasser, hat aber auch Beckenerfahrung. Bei Olympia in Rio startete er über die 1500-Meter-Freistil-Strecke.

Florian Wellbrock
AFP

Florian Wellbrock

Jahrelang waren Rennen im Freiwasser überwiegend taktisch geprägt. Mit dem Einzug der schnellen Beckenschwimmer hat sich das Tempo immer weiter erhöht. Das WM-Rennen in Südkorea war eines der schnellsten der Geschichte. So lag Wellbrock nach der Hälfte des Rennens nur knapp über der Fünf-Kilometer-Siegerzeit von Kristof Rasovszky vom Samstag. Auch Wellbrocks Weltmeisterzeit von 1:47:55,9 Stunden war in der Addition keine zwei Sekunden langsamer.

Routiniers werden vor neue Aufgaben gestellt

Kritisch wird diese Entwicklung selbst von den Veteranen der Disziplin nicht gesehen, bringen die Beckenstars dem Freiwasserschwimmen doch mehr Aufmerksamkeit. Das wiederum sorgte zuletzt auch dafür, dass sich die Organisation der Rennen - nach vielen Jahren im Schatten der lukrativeren Beckenwettbewerbe - professionalisierte.

Die Zeiten, in denen tote Ratten oder morsche Holzpaletten den Weg der Schwimmer in grenzwertig verschmutzten Gewässern kreuzten, sind vorbei. Das freut natürlich auch die Freiwasserschwimmer, selbst wenn diese Verbesserung bedeutet, dass die Titelkämpfe immer häufiger in Pool-ähnlichen Bedingungen - abgegrenzte Hafenbecken, keine Strömung, keine Wellen - ausgeschwommen werden.

Nur: Wenn die schnellen Schwimmer das Feld dominieren, das Tempo von Beginn an hochhalten, gleichzeitig aber auch auf den letzten 1000 Metern noch enorm schnell sind, wird es für die Freiwasserschwimmer alter Schule im Feld schwierig.

"Die Rennen werden trotzdem auf den letzten Metern entschieden"

Hinten im Sog Körner sparen und dann im richtigen Moment das Feld von hinten aufrollen - die Taktik, mit der etwa Thomas Lurz zum Rekordweltmeister wurde, funktioniert nicht mehr. Das musste zuletzt auch Ferry Weertman feststellen. Der Olympiasieger aus den Niederlanden hatte seine Rennen stets gewonnen, indem er sich acht Kilometer im letzten Dritten des Feldes aufhielt, um sich dann mit der gesparten Energie nach vorne zu schwimmen.

In der aktuellen Saison ging diese Taktik nicht mehr auf. Alle Rennen, die Weertman seit seinem EM-Titel 2018 gegen Wellbrock schwamm, hat der 27-Jährige verloren. Bei der WM in Yeosu reichte es für den Titelverteidiger - im Endspurt wie im unmittelbaren Zweikampf eigentlich der Stärkste der Welt - nur zu Rang sieben. Weil er sich auch diesmal zu lange geschont hatte.

Ferry Weertman
David Goldman/AP

Ferry Weertman

Routine oder Geschwindigkeit, Energie sparen oder Tempo machen - für Wellbrock hängt beides in einem "70:30-Verhältnis" zusammen. "Man muss sich natürlich seine Kraft sehr, sehr geschickt einteilen, weil man ja doch zwei Stunden unterwegs ist, und das Rennen trotzdem auf den letzten Metern entschieden wird", sagt der 21-Jährige. Aber der Weltmeister sagt auch: "Man kann Freiwasserrennen meiner Meinung nach heute nur von vorne erfolgreich schwimmen."

Daher dürfe man sich in der täglichen Arbeit auch nicht mehr ausschließlich aufs Ausdauerschwimmen konzentrieren: "Man muss auch die Tempoarbeit im Auge behalten." Ein Freiwasserschwimmer wie Rob Muffels - auf 1500 Meter wesentlich langsamer als Wellbrock, aber stärker im Endspurt und Positionskampf - hat genau daran gearbeitet. Der Lohn: WM-Bronze.



insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Bernd_Schmitt 16.07.2019
1. Freiwasserschwimmen ist auch für Amateuere fein
Man muss ja nicht Tempo bolzen sondern kann es auch genießen (solange man im Zeitlimit bleibt). Schade, dass es keine separate Wertung für verschiedene Stile gibt (; Delfin ;) Für mich ist es das ultimative Gefühl, im entspannten Rhythmus dahin zu gleiten - keine Wenden, keine Unterbrechung, einfach immer weiter - OK ab zum See ; )
tageszuschauer 17.07.2019
2. Tolle Entwicklung!!!
Als ehemaliger Leistungsschwimmer, der augenblicklich das Schwimmen wieder fuer sich entdeckt, freue ich mich sehr ueber die Aufmerksamkeit und Erfolge der Deutschen Schwimmer im Freiwasser, meine herzlichsten Glueckwuensche!!! Dass auch hier eine Evolution stattfindet, ist die logische Konsequenz im Wandel der Zeit. Innovative Sportarten entstehen, um im Laufe perfektioniert zu werden. Perspektivisch sehe ich das Eisschwimmen auch schon als Teil der olympischen Winterspiele: https://swim.de/aktuell/deutsche-schwimmer-holen-zwei-von-drei-titeln-68841
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.