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Schwimmen: Vier Jahre Formel Peaty

Foto: AI Project/ Action Images

Schwimm-Star Peaty Gladiator mit Hybridtechnik

Adam Peaty verschwendete sein Talent, ehe ihn eine neue Technik zum dominanten Schwimmer seiner Zeit gemacht hat. Vor der Heim-EM hat der SPIEGEL den Briten beim Training besucht.

Für die beiden Schwimmer auf Bahn drei steht Beinarbeit auf dem Programm. Senkrecht im Wasser sollen sie per Brustkick Kopf und Schultern über Wasser halten. Als Gegengewicht reicht Trainerin Melanie Marshall Hanteln über den Beckenrand: eine kleine für Edward Baxter, zwei große für Adam Peaty.

Peaty schwimmt und trainiert schon lange in einer eigenen Kategorie. Nachdem er 2014 bei den Commonwealth Games in Glasgow mit einem Sieg gegen den damaligen Platzhirsch auf den kurzen Bruststrecken, Cameron van der Burgh, aufgetaucht ist, hat er in kürzester Zeit seine Paradedisziplin revolutioniert.

Peaty ist ein Senkrechtstarter. Noch vor sechs Jahren war der Engländer weit davon entfernt, sich für die Olympischen Spiele in London zu empfehlen. Die Wende kam, als er eines Abends auf dem Weg zur nächsten Party sein Handy in die Hand nahm und sah, dass Kumpel Craig Benson sich für das olympische Halbfinale qualifiziert hatte. Auf seiner Strecke. "Und was mache ich mit meinem Leben?", habe er sich damals gefragt. Peaty stellte alles um, trainierte plötzlich zehnmal die Woche zwei Stunden im Wasser, warf Traktorreifen, zog beschwerte Schlitten. Peaty schmiss die Schule, ein Jahr später schwamm er 100 Meter Brust erstmals unter einer Minute. 2014 stellte er über 50 Meter seinen ersten Weltrekord auf.

"Die Kontinuität in der Härte"

Peaty trainiert an der Universität Loughborough, eine Stunde östlich seiner Heimatstadt Uttoxeter. Als eines von zwei nationalen Schwimmzentren ist Loughborough mit modernster Analysetechnik und einer Schar spezialisierter Betreuer ausgestattet. Hier wird nicht hinter Vorhängen trainiert, Peatys Trainingshilfen in dem neongelben Beutel kennt jeder Schwimmer: Pullboy, Schwimmbrett, Paddles, Flossen. Und doch war es Peaty, der als erster Brite seit einem Vierteljahrhundert olympisches Schwimmgold gewinnen konnte. Es ist der Patriot mit dem Löwen-Tattoo auf dem linken Arm, der die elf schnellsten Zeiten über hundert Meter Brust hält, über die halbe Distanz sind es die ersten acht.

Was also hat Peaty dem Rest der Schwimm-Welt voraus? "Ich würde sagen: harte Arbeit. Aber das ist eine langweilige Antwort", sagt der 23-Jährige selbst. Langweilig vielleicht, aber nicht falsch. Peaty trainiert täglich vier Stunden im Wasser, arbeitet eineinhalb Stunden im Kraftraum. In den intensivsten Phasen nimmt er 8000 Kalorien zu sich, mehr als das Dreifache eines durchschnittlichen Mannes seines Alters. Die flying press ups - Liegestütze, bei denen er seinen Körper waagerecht in die Luft katapultiert und in die Hände klatscht - sind längst sein Markenzeichen geworden. Scheinbar mühelos legt er davon 20 Wiederholungen hin. Er sagt: "Es ist die alltägliche Unnachgiebigkeit, das ist der Unterschied: die Kontinuität in der Härte."

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Peaty mag schnelle Autos, schnelle Reime, schnelle Rennen. Er liebt den Wettkampf, im Pool wie im Privaten. Dass dabei vor Ehrgeiz schon mal ein Monopoly-Brett durch die Luft fliegt, ist eine dieser Geschichten, die man hört und liest, wenn plötzlich auch Mütter und Freundinnen, Hobbys und Musikgeschmäcker zum öffentlichen Interesse werden. Vor Olympia 2016 verzückte die Geschichte über den kleinen Adam, der eine Heidenangst vor Wasser hatte, weil die Brüder Jamie und Richard ihm weisgemacht hatten, es kämen Haie aus dem Abfluss der Badewanne. Während der Spiele in Rio de Janeiro war es Oma Mavis Williams, die mit ihrem Twitteraccount dafür sorgte, dass der Hashtag #olympicnan die Listen eroberte.

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Das, was Grandma Williams damals in ihrem Wohnzimmer in Uttoxeter sah, dieses olympische Finale über hundert Meter Brust, in dem ihr Enkel seinen Weltrekord aus dem Vorlauf auf 57,13 Sekunden verbesserte und 1,56 Sekunden vor van der Burgh anschlug, es war der dominanteste Schwimmauftritt der Spiele. Niemand sonst konnte über die zwei Bahnen Brust bisher überhaupt die 58-Sekunden-Marke knacken. Der Deutsche Rekord, aufgestellt von Hendrik Feldwehr zur Hochzeit der mittlerweile verbotenen Hightech-Anzüge 2009, liegt bei 59,15 Sekunden. Peaty sagt: "Ich wollte schon immer eine Zeit aufstellen, an die für viele Jahre niemand herankommt."

Wer Adam Peaty verstehen will, muss mit seiner Trainerin sprechen. "Schwimmer, die ein angeborenes Talent und ein Gefühl fürs Wasser haben, die sehen im Wasser viel größer aus, als sie eigentlich sind", beschreibt Marshall den Moment, als sie diesen wenig begabten Kraulschwimmer das erste Mal in Renntempo Brustschwimmen sah. "Er war wie ein Schwamm, der einfach alles aufgesogen hat", sagt sie und erzählt von zahlreichen Autofahrten, in denen sie den wissbegierigen Teenager zur Schule gebracht hat. Dabei gab sie ihre Erfahrungen "an den wohl aufnahmefähigsten Menschen, der mir je begegnet ist", weiter: "Ich habe seinen Charakter ebenso trainiert wie seinen Körper."

Peatys Technik: ein Hybrid aus Delfin und Brust

Peaty hat den perfekten Brustschwimmerkörper: große Hände, große Füße, dazu hyperflexible Knie und Knöchel. Für ihn hat Marshall eine neue Technik entwickelt: Sein Beinschlag ist sehr eng, eine Mischung aus parallelem Delfin- und offenem Brustkick. Den Vortrieb holt er sich fast ausschließlich aus den Armen. Die Kraft, die aus seinen enormen Hebeln schießt, ist bei jedem Zug zu sehen. "Wir wollten etwas Bahnbrechendes machen", sagt Marshall lapidar. "Da steckt viel Ausprobieren und Misserfolg drin, Grenzen austesten, von vorn anfangen." Zwei Jahre vor den Spielen sei die "Formel Peaty" ausgearbeitet gewesen. Der Rest war Training. Hart, unnachgiebig, kontinuierlich.

Was Marshall ebenfalls sofort aufgefallen war, war Peatys Wettkampfgen, sein Siegeswille: "Er wollte einfach gegen alles und jeden antreten." Peatys Mutter Caroline sagt, ihr Sohn sei ein Gladiator: "Je größer die Arena, je größer der Kampf, desto stärker ist er." In Glasgow will er noch mehr: "Als ich in Rio die 57,1 Sekunden geschwommen bin, wusste ich, dass das nicht mein bestes Rennen war."

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Ob er glaubt, dass es ein Limit für die hundert Meter Brust gibt? "Ja. Ich denke, 56 tief, 56 Mitte, das ist menschenmöglich." Derzeit ist weit und breit nur ein Mensch zu sehen, dem dies möglich sein könnte.