Schwimmstars streiten für faire Bezahlung "Wir wollen 50 Prozent. Das ist ein fairer Deal"

Ein Milliardär will mit einer Profi-Liga den Schwimmsport aufmischen. Dass er die Sportler sogar angemessen entlohnen will, spornt die Besten der Welt an, gemeinsam für faire Bezahlung zu kämpfen.

Adam Peaty
AFP

Adam Peaty


2013 besuchte Konstantin Grigorishin die Schwimm-WM in Barcelona, und was er sah, war aus seiner Sicht "ein Desaster". Er habe "ein riesengroßes Event erwartet mit vielen Zuschauern", sagte er dem SPIEGEL. "Stattdessen waren da leere Tribünen. Bei Weltmeisterschaften in einer der beliebtesten Sportarten der Welt - wie kann das sein?" In jenem Moment habe er erkannt, dass dieses Format ,"nur für Schwimmer, deren Verwandte und ein paar Spezialisten ist". Das wollte er ändern.

Grigorishin kam als Vater eines schwimmbegeisterten Jungen zum Sport. Nachdem er den Klub seines Sohns in der Nachwuchsarbeit unterstütze, gründete er 2012 das Team Energy Standard, in dem Weltklasseschwimmer und -Trainer im türkischen Belek zusammenkommen. Aus diesem Team - und dem erschütternden WM-Erlebnis - ist die Idee für die International Swimming League ISL entstanden.

Konstantin Grigorishin
Getty Images

Konstantin Grigorishin

Die ISL will eine Profi-Liga für die besten Schwimmer der Welt sein. Eine Liga, die auch außerhalb von Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen vom Schwimmsport begeistern will. Mit neuen Formaten, ausgetragen als Teamwettbewerb, wollen die Macher den Sport modernisieren, um ihn interessanter für Fans zu machen - und damit für Medien und Sponsoren. Vor allem aber versprechen sie den Sportlern 50 Prozent der Einnahmen, plus Antrittsgelder. Und damit als erste Organisation und im Gegensatz zum Schwimm-Weltverband Fina ein festes Gehalt.

Mitte Dezember brachte die ISL rund 30 Weltklasseschwimmer, darunter Olympiasieger wie Adam Peaty, Katinka Hosszu und Sarah Sjöström, im Konferenzzentrum des englischen Fußballklubs FC Chelsea in London zusammen, um ihnen die Pläne für diese Champions League der Schwimmer vorzustellen.

Das will die ISL anders machen als die Fina:

  • 12 Teams treten aufgeteilt in zwei Gruppen an, einer USA- und einer Europa-Gruppe. Die jeweils vier besten Teams schwimmen im Dezember (17. bis 22.) in Las Vegas den Sieger 2019 aus.
  • Die Teams sind nicht zwangsläufig Trainingsgruppen, sie finden sich unabhängig von Vereinszugehörigkeit zusammen. Athleten außerhalb Europas und der USA können sich jeder Zeit einem der Teams anschließen.
  • Die Teams bestehen gleichberechtigt aus je 12 Männern und 12 Frauen.
  • Es werden ausschließlich Finals geschwommen. Außerdem wird es Knock-out-Rennen geben, an deren Ende es dann heißt: eins gegen eins.
  • 50 Prozent der Erlöse durch die ISL werden an die Schwimmer weitergegeben: Athleten und Teams, die bei der ISL unterschreiben, erhalten Antrittsgelder und Prämien. Für Schwimmer gibt es zudem individuelle Preisgelder. Außerdem sind Versicherungs- und Rentenpläne vorgesehen. Für die erste Auflage verspricht die ISL insgesamt 5,3 Millionen US-Dollar, dazu 10.000 USD Antrittsgeld pro Schwimmer.
  • Es gibt eine strikte Anti-Doping-Politik: Schwimmer, die zuvor gesperrt waren, dürfen nicht teilnehmen.
  • Die ISL wird zwischen August und Dezember an zwölf Wochenenden stattfinden, jedes Teams wird einmal Gastgeber für drei Teams sein.
  • Durch die Bildung zweier Gruppen sowie die Einschränkung auf jeweils nur vier Teams pro Termin soll gewährleistet sein, dass die Saisonvorbereitung der Schwimmer nicht gestört wird.
Adam Peaty: "Ich werde mich nicht in eine Ecke mobben lassen"
Getty Images

Adam Peaty: "Ich werde mich nicht in eine Ecke mobben lassen"

Den Schwimmern, die in London dabei waren, gefallen diese Ideen. Weil sie sich hier regelmäßig mit den Besten der Welt messen können. Und weil sie von der ISL als Partner ernstgenommen werden.

Denn auch darum ging es an diesen zwei Tagen in London: Grigorishin wollte den Schwimmern aufzeigen, welchen Wert sie haben - und was etwa die Fina oder das IOC dank ihnen verdient. Die Fina nimmt laut ISL jährlich 100 Millionen US-Dollar ein, gibt davon aber nicht einmal zehn Prozent weiter. Und das als Preisgelder ohnehin nur an wenige Schwimmer.

Und so ging es am Rande dieses Treffens für die Sportler auch um die Frage, wie sie ihre neu erkannten Ansprüche gegenüber der Fina geltend machen können. Es ging um die Gründung einer internationalen Interessenvertretung, geführt von Olympiasiegern, Weltmeistern und Weltrekordhaltern. Das hat es bislang noch nicht gegeben.

Boykott als letzte Option

Der lange schwelende Unmut der Schwimmer und die Ideen der ISL ergeben eine Kombination, die bereits dafür gesorgt hat, dass ein Trio um Olympiasiegerin Hosszu in den USA Klage gegen das Wettkampfmonopol des Weltverbands Fina eingereicht hat, welcher seinerseits erst mit Drohungen, und dann mit Plänen für eine Konkurrenz-Liga versucht, die ISL-Pläne zu durchkreuzen. Das hat manchen Athleten nur wütender gemacht: "Ich werde mich nicht in eine Ecke mobben lassen, erst recht nicht von irgendeinem Anzugträger, der kein Interesse am Sport oder den Athleten hat", sagte etwa Superstar Peaty: "Wir sind es, die die Show machen, und wir wollen 50 Prozent von dem, was wir einbringen. Das ist ein fairer Deal." Und für diesen Deal wollen sie kämpfen.

Zwar wurden in London noch keine Forderungen formuliert oder Vorsitzende gewählt. Einige der Schwimmer hätten sich aber bereiterklärt, Verantwortung für die nächsten Schritte zu übernehmen. Selbst über die Möglichkeit eines Boykotts von Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen sei diskutiert worden, hieß es. Das aber, da war man sich einig, könne nur die letzte Option sein. Das Ziel sei eine respektvolle Zusammenarbeit mit der Fina.

Peaty aber stellte auch klar: "Das Wichtigste ist, dass wir nun wissen, dass wir am längeren Hebel sitzen: Wenn sie einen von uns sperren, gehen wir alle."



insgesamt 4 Beiträge
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diorder 25.12.2018
1. Vorbild für Gewerkschaften
50% für alle. Wird sicher nicht gebracht. Wäre für einige Branchen sicher auch fair, wenn man die Boni und die Divide en kürzt.
aurichter 25.12.2018
2. @ diorderheute, 15:33 Uhr
Nur mit dem Unterschied, dass die dort angesprochenen Protagonisten millionenfach austauschbar sind. Es kommt hier der ISL auf die Einzigartigkeit an, die der Spitzensportler sich durch hartes Training und Talent erarbeitet hat. Die Idee dahinter ist großartig.
doktordoktormueller 26.12.2018
3. Schwimmen ist zu bedeutungslos
um mehr Geld zu machen. Wer soll sich für eine Profiliga interessieren? Falls ja, dann nur, wenn Schwimmen ein ernsthafter Wettbewerb wird, wo man den besten, d.h., schnellsten Schwimmer ermittelt und sich nicht hinter 30 Alibi-Bewerben versteckt. Rücken, Kraul, Brust, Lagen usw... dazu 50 m, 100, 200, 400, 800, 1500... Das kann man nicht verkaufen. Das hieße, ja,, man müsste die Bewerbe reformieren, sodass es keine Nischenbewerbe mehr gibt. Weniger Topschwimmer verdienen mehr Geld. So kann es funktionieren
orca20095 26.12.2018
4. @3, da liegen Sie falsch,
das ist keine Frage von Nischen und die Behauptung, dass Schwimmen zu bedeutungslos ist, ist Ihre persönliche Meinung, die aber durch die Zahlen widerlegt wird. In Deutschland sind rund 600 Tsd. Schwimmer im DSV organisiert. Das Problem sind die unmöglichen Formate der Veranstaltungen, die am Ende eine öffentliche Wahrnehmung erschweren. Da ist das Modell ISL ein Ansatzpunkt, hier können sie nämlich auf zeitraubende Vorläufe etc. verzichten.
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