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09. Dezember 2018, 20:36 Uhr

Topschwimmer gegen Weltverband

Klagen, die die olympische Welt verändern könnten

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Zwei Olympiasieger und ein Milliardär fechten das Wettkampfmonopol des Schwimm-Weltverbands an. Die Klagen könnten weitreichende Folgen haben: Das gesamte olympische System kommt auf den juristischen Prüfstand.

Zwei Klagen könnten die olympische Sportwelt verändern. Der ukrainische Unternehmer Konstantin Grigorishin klagt mit seiner International Swimming League (ISL) vor dem US-Distriktgericht Nordkaliforniens in San Francisco gegen den Schwimm-Weltverband Fina. Die Olympiasieger Katinka Hosszú und Tom Shields sowie Nachwuchsstar Michael Andrew haben ebenfalls eine Klage eingereicht.

Ihr Ziel: Sie wollen das Monopol der Fina auf die Austragung von internationalen Schwimm-Wettkämpfen brechen. Darauf lassen sich die Klagen zunächst reduzieren. Sie berufen sich auf den "Sherman Antitrust Act", auf dessen Grundlage schon Großkonzerne zerschlagen wurden. Die Fina missbrauche ihr Monopol, um Grigorishins ISL die Austragung einer eigenen Wettbewerbsserie zu untersagen und Sportlern und Nationalverbänden mit Strafen zu drohen, sollten sie an derartigen Wettkämpfen teilnehmen, wird argumentiert.

Deshalb habe man kürzlich ein Schwimm-Meeting in Turin absagen müssen, das als Auftaktveranstaltung der für kommendes Jahr angedachte lukrative Profi-Serie geplant war. Verhandlungen über Wettkämpfe in den USA und Großbritannien habe man wegen der Fina-Drohungen eingestellt. Zugleich erpresse die Fina Grigorishins Unternehmen ISL und verlange unrechtmäßig 50 Millionen Dollar Gebühr sowie die Kontrolle über die geplante Rennserie.

Die ISL verspricht den Schwimmern eine bessere Vermarktung

Das Trio um die dreifache Olympiasiegerin Hosszú verlangt die Einberufung einer Jury, was der erste Schritt zu einem spektakulären Verfahren sein könnte. Denn Grigorishins Team hat die Verhandlungen mit der Fina, die im Hintergrund vom selbst suspendierten IOC-Scheich Ahmad Al-Fahad Al-Sabah kontrolliert wird, ausführlich protokolliert.

Grigorishin verspricht den Profis eine bessere Vermarktung als die von kleinen und großen Skandalen geprägte Fina. "Profisportler haben nur ein paar Jahre, um Geld zu verdienen und sich abzusichern", sagt Grigorishin. Das IOC aber zahlt kein Preisgeld und die Fina im Vergleich zu den Einnahmen äußerst wenig.

Laut Anklageschrift hat die Fina 2016 und 2017 insgesamt 118 Millionen Dollar Umsatz gemacht, davon aber nur 15 Millionen als Preisgeld an Sportler weitergereicht. Eine kaum geringere Summe sei für Gehälter der nur drei Dutzend Fina-Angestellten verwendet worden. Dazu kommen die millionenschweren Kosten für Tagungen und Kongresse, Hotels, Flüge und 400 Dollar Tagegeld für Funktionäre.

Die Fina hatte am Samstag mit einer knappen Stellungnahme auf die Klagen reagiert. Man werde dem Thema die "volle Aufmerksamkeit" widmen. Falls erforderlich, werde eine "robuste Verteidigung" auf die Beine gestellt werden. Der Verband zeigte sich zudem offen für Vorschläge, die den aktuellen und geplanten Wettkampfkalender verbessern würden - und nicht damit in Konflikt stünden.

Ein Plan, der die Olympische Welt verändern könnte

IOC-Präsident Thomas Bach hat vor zwei Wochen in Tokio erneut bekräftigt, dass es bei Olympischen Spielen kein Preisgeld geben werde. Der Kongress aller 206 Nationalen Olympischen Komitees (Anoc) unterstrich dies in einer Resolution. Derlei Erklärungen stehen im Gegensatz zu den Bemühungen neuer, unabhängiger Sportlervertretungen, Gewerkschaften und Kommissionen - etwa des Vereins Athleten Deutschland - in größerem Maße oder überhaupt erstmals direkt an den olympischen Vermarktungserlösen zu partizipieren.

Vor exakt einem Jahr hat die EU-Kommission nach Beschwerde der niederländischen Eisschnellläufer Niels Kerstholt und Mark Tuitert gerügt, dass die Regeln des Eislauf-Weltverbandes Isu gegen das Kartellrecht verstoßen. EU-Kommissarin Margarethe Vestager teilte mit: "Die harten Sanktionen, die die Isu gegen Eisläufer verhängt, dienen auch dazu, ihre eigenen geschäftlichen Interessen zu schützen und andere daran zu hindern, Veranstaltungen zu organisieren. Die Isu muss Sportlern und konkurrierenden Veranstaltern im Interesse aller Eislauffans neue Möglichkeiten eröffnen."

Natürlich wird das Statement in den Klagen gegen den Schwimm-Weltverband erwähnt. Grigorishin sagt: "Was die EU-Kommission sagt, ist schön und gut, und es unterstützt unseren Kampf. Aber was wir in den USA eingereicht haben, ist viel wirkungsvoller." Sportler können in den USA viel leichter auf Schadensersatz für entgangene Einnahmen klagen.

Hektik in Lausanne

Das ist die alles überragende Nachricht, die seit Wochen Hektik auslöst in Lausanne, wo außer Dutzenden anderen Sportorganisationen das IOC und die Fina ihren Hauptsitz haben. Beide werden, wie das in der olympischen Familie üblich ist, vom selben Anwalt beraten: François Carrard, einer der wenigen, die nahezu alles wissen. Langjähriger IOC-Generaldirektor, Unternehmer, Mäzen - vor allem aber olympischer Strippenzieher, der dem SPIEGEL gegenüber jede Art von Interessenkonflikten abstreitet.

"Diese Herren im IOC und in der Fina haben bislang nur mit Jungs gespielt und sich auf ihr Monopolrecht berufen", sagt Grigorishin. "Jetzt gehen sie erstmals mit Männern in den Ring."

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