Schwimm-Verband nach Bundestrainer-Rücktritt "Eine unschöne Situation"

Im Deutschen Schwimm-Verband geht es drunter und drüber. Nach dem Rücktritt von Bundestrainer Lambertz soll nun ein "Team Tokio 2020" die Lösung sein. Doch es gibt auch Skepsis.

Jacob Heidtmann
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Jacob Heidtmann


Es ist schon erstaunlich. In jenen Tagen, in denen im internationalen Schwimmen Olympiasieger und Weltmeister eine Revolution starten, die den ganzen Sport verändern könnte, geht es auch im deutschen Schwimmen drunter und drüber. Nachdem vor zwei Wochen DSV-Präsidentin Gabi Dörries zurückgetreten war, hat am Mittwoch auch Bundestrainer Henning Lambertz seinen Rücktritt zum Jahresende erklärt.

"Es ist eine unschöne Situation, nicht mal zwei Jahre vor Olympia so weitrechende Entscheidungen und einen solchen Personalwechsel zu haben", sagt Athletensprecher Jacob Heidtmann dem SPIEGEL. "Um langfristig Erfolg zu haben, muss man endlich mal eine Konstanz in den Verband bringen."

Nach Rio wurde der Gegenwind stärker

Bundestrainer Lambertz war vor sechs Jahren nach den medaillenlosen Spielen von London angetreten, um das deutsche Schwimmen zurück in die Weltspitze zu führen. Sein Weg wurde seither immer wieder kritisiert, doch nachdem die deutschen Schwimmer auch in Rio de Janeiro untergegangen waren, wurde der Gegenwind stärker. Trainer arbeiteten sich an Veränderungen ab, Athleten fühlten sich durch scharfe interne Normzeiten um die Teilnahme an der WM 2017 gebracht, die mit einer einzigen Silbermedaille so schwach ausfiel, wie befürchtet.

Einige Monate nach der WM hatten sich die Gemüter etwas beruhigt. Auch, weil Lambertz seinen Kritikern sehr weit entgegengekommen ist - und Dörries im Hintergrund vermittelt hatte. Bei der EM in diesem Sommer in Glasgow sorgten dann je zweimal Gold und Silber sowie viermal Bronze und neue Gesichter für gute Stimmung.

Vor diesem Hintergrund haben die Rücktritte von Präsidentin und Bundestrainer erstaunt. Die Lücke will der DSV nun mit einem "Team Tokio 2020" schließen, dem die Trainer der leistungsstärksten Athleten ebenso angehören sollen wie externe Experten. Das Team soll im Januar 2019 vorgestellt werden.

Henning Lambertz (l.) im Gespräch mit Marco Koch
imago/Bernd König

Henning Lambertz (l.) im Gespräch mit Marco Koch

"Es kann ja auch gut werden, ich will das auf gar keinen Fall alles schwarzmalen. Aber der Zeitpunkt ist eben recht unglücklich. Das hat natürlich Auswirkungen auf die Athleten - und sei es nur, weil man nicht weiß, wie es weitergeht", sagt Athletensprecher Heidtmann. "Gerade nach London haben wir doch schon einen Umbruch in eine neue Richtung gestartet, haben als Team zusammengefunden und vieles neu ausgerichtet. Jetzt sind da wieder viele Fragen, weil man nicht weiß, woran man ist." Der Lagenspezialist hofft, "dass die, die nun in der Verantwortung stehen, auch verantwortlich handeln. Dass sie alles daransetzen, dass wir Athleten im Fokus stehen."

Was dabei mitschwingt: In diesem Team Tokio 2020 sind nun auch die größten Kritiker von Lambertz gefordert, im Sinne aller Sportler zu handeln und nicht die Interesse Einzelner in den Vordergrund zu rücken. Ob das gelingen wird, hängt auch davon ab, ob das Team entscheidende Funktionen hat oder ob das letzte Wort Sportdirektor Thomas Kurschilgen zufällt, der seit September im Amt ist. Er sagt: "Wir werden die Athletinnen und Athleten gemeinsam mit ihren Trainern auf dem Weg nach Tokio unterstützen und ihnen vollstes Vertrauen in die Ausprägung der eigenen Leistungsfähigkeit geben."

Braucht es beides, Sportdirektor und Bundestrainer?

Einiges deutet darauf hin, dass es auch nach Tokio ohne Bundestrainer weitergehen soll. Beschlossen ist bereits, dass bis Tokio wie in den USA üblich aus der Reihe der Trainer ein für den jeweiligen Saisonhöhepunkt verantwortlicher Cheftrainer bestimmt werden soll, "der in enger Rückkopplung mit dem Direktor Leistungssport die sportfachlichen Prozesse führt", wie es in einer Mitteilung des DSV heißt. Kurschilgen betont indes: "Die Frage nach dem langfristigen Bedarf eines Chefbundestrainers im Beckenschwimmen stellt sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht."

Und doch ist es eine Diskussion, die im DSV nach jedem Bundestrainer geführt wurde. Hamburgs Stützpunkttrainer Veith Sieber findet, dass zumindest bei Entscheidungen innerhalb des Teams einer den Hut aufhaben müsse. "Da muss es dann einen geben, der sagt: Ihr habt jetzt zwei Stunden diskutiert, wir machen jetzt das." Bei Wettkämpfen aber brauche es nicht zwingend einen Bundestrainer: "Das Allerwichtigste ist Kontinuität im Trainerteam am Beckenrand." Sieber weist auch darauf hin, dass Lambertz in einer Übergangsphase zu Beginn des Jahres 2017 ebenfalls beide Jobs erledigt habe. "Und nun haben wir eben einen Sportdirektor, der entscheidet."

Doppel-Olympiasiegerin Britta Steffen ist skeptisch

Sorgen macht sich Doppel-Olympiasiegerin Britta Steffen. "Der DSV ist nun ein verlassenes Waisenkind. Ich hoffe, es gibt einen Neustart, der anders ist als das, was bisher als 'neu' galt", sagte sie der Deutschen Presse-Agentur.

Ein Aufwärtstrend im deutschen Schwimmen wird es nach Ansicht der 2013 zurückgetretenen Steffen nicht aus dem System heraus geben. "Im besten Fall: Irgendwie wird es immer mal ein Talent geben, das auf den passenden Trainer trifft, und so wird es immer mal einzelne Erfolge geben, aber zufällige und keine systematischen. Leider", sagte die 35-Jährige. Steffen hat vor zehn Jahren in Peking die bislang letzten deutschen Olympia-Medaillen im Beckenschwimmen gewonnen.



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The Restless 21.12.2018
1. Quadratur des Kreises
Man kann nicht gleichzeitig Top-Leistungen erwarten und strenge Dopingkontrollen anordnen. Wer international auf ein Podest möchte, der braucht Pharma - sorry, wenn das zynisch klingen sollte.
ondrana 21.12.2018
2.
In den 70ern selbst Schwimmerin (mit sehr mäßigem Erfolg) verfolge ich den Schwimmsport nun schon seit über 40 Jahren. Und seit 40 Jahren ist im Deutschen Schwimmverband Theater, weil Funktionäre dort ihre Eitelkeiten ausleben.
gruffelo 22.12.2018
3. Grunderneuerung notwendig
Der gesamte Schwimmsport in Deutschland benötigt einen Neustart. Zuallererst kann man nicht (aus Kostengründen) immer mehr Becken schliessen und den Vereinen die sogenannte "Wasserzeit"zusammenstreichen und dann erwarten, dass auf so einer Basis noch international erfolgreiche Sportler nachwachsen können. Zweitens sind die Vereinsstrukturen verkrustet, in den oberen Positionen sitzen die Alten, die noch Methoden und Umgangsformen von "vor 40 Jahren" im Kopf haben. Das muss alles runderneuert und modernisiert werden. Und Drittens: die Trainingsmethoden: wenn man sieht, wie modern, abwechslungs- und ideenreich die Amerikaner trainieren und welcher Fokus da auf Technik gelegt wird und das vergleicht mit den Programmen, die deutsche Trainer gerne auflegen, wo dann auch gerne mal die 40*200m gebolzt werden, da muss man sich nicht wundern, wenn das nix wird. Nichts gegen eine harte Ausdauereinheit, aber die Welt hat sich weiterentwickelt... Also, entweder es werden wieder ausreichend Sportbecken (keine ovalen Spassbecken mit Rutsche und Palmeninsel in der Mitte!) gebaut und moderne Strukturen und v.a. Trainingsmethoden übernommen, oder man verabschiedet sich von jeglichen Ambitionen, denn dann bleibt es, wie Britta sagt, dem Zufall überlassen, ob alle Generation einmal, sozusagen "against all odds" ein Wunderkind vom Himmel auf deutschem Boden landet und mal wieder was reisst...
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