Führung des Leichtathletik-Weltverbands "Shakespeare" will nach oben

Die Leichtathletik steckt in der Krise, doch auf Doping-Enthüllungen reagiert der Weltverband bloß mit Verbalattacken. Auch ein neuer Präsident wird das kaum ändern: Favorit Sebastian Coe hat schon das nächste Karriereziel im Blick.

Kandidat Coe (Archiv): "Kriegserklärung" an die IAAF
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Kandidat Coe (Archiv): "Kriegserklärung" an die IAAF


Olympischer Kernsport? Noch. Die Leichtathletik und ihr Weltverband IAAF machen derzeit die bisher schwerste Krise durch. Ausgang ungewiss. Die Leichtathletik verliert weltweit an Bedeutung, die Jugend wendet sich anderen, moderneren Sportarten zu, die TV-Quoten und Besucherzahlen sind stark rückläufig. Das Dopingproblem sorgt immer wieder für Schlagzeilen. Ab Mittwoch aber soll alles anders werden.

Auf dem IAAF-Kongress in Peking wird der Nachfolger des 82-jährigen Präsidenten Lamine Diack (Senegal) gewählt. Der Brite Sebastian Coe, 58, und der Ukrainer Sergej Bubka, 51, liefern sich seit Monaten einen erbitterten Wahlkampf. Sie umkreisten mehrfach die Welt und versprechen dem Wahlvolk, 214 Mitgliedsnationen (der Kosovo ist am Mittwoch noch nicht wahlberechtigt), was man so verspricht, wenn man Präsident werden will.

Coe beispielsweise, ehemaliger Tory-Abgeordneter und Chef des Organisationskomitees der Olympischen Sommerspiele 2012 in London, will jeder Nation in den kommenden vier Jahren 100.000 Dollar mehr aus den IAAF-Töpfen zur Verfügung stellen. Das Versprechen erinnert an die billigen Wahltricks, die Coes Verbündeter beim Weltfußballverband (Fifa), Joseph Blatter, seit Jahrzehnten anwendet.

Coe nennt Doping-Enthüllungen "Kriegserklärung" an die IAAF

Dass ausgerechnet Coe, Favorit auf den IAAF-Vorsitz, die jüngsten Doping-Enthüllungen von ARD und "Sunday Times" als "Kriegserklärung" an die IAAF brandmarkte und in Interviews behauptete, die Leichtathletik befinde sich in keiner Krise, löst selbst unter wohlwollenden Beobachtern Kopfschütteln aus.

Es heißt jetzt zwar täglich, Coe und Bubka wollten die IAAF umkrempeln. Schaut man sich aber das Wahlprogramm von Coe an, Manifesto genannt, heißt es einleitend, er wolle auf den Programmen und Initiativen von Lamine Diack aufbauen, des visionslosen scheidenden Präsidenten.

Auch stellt sich die Frage, was Coe und Bubka bislang in der IAAF-Führung getan haben. Beide sind seit 2007 Vizepräsidenten. Coe gehört seit 2003 dem IAAF-Council an, Bubka sogar schon seit 2001, seit jenem Kongress in Edmonton, der aus dem Namen des Verbands die Vokabel "Amateur" strich.

Bubkas Lager gibt sich entspannt

Vor 14 Jahren wurde aus der International Amateur Athletics Federation die International Association of Athletics Federations. Coe und Bubka, die beide im Amateurzeitalter ihre Laufbahn begannen und in den Achtzigerjahren weltberühmt wurden für ihre Fähigkeiten, viel Geld mit ihrem Sport zu verdienen, versprechen nun die endgültige Professionalisierung der IAAF.

Immerhin: Ab Mittwoch führt erstmals ein echter Champion die IAAF, so oder so. Coe war 1980 und 1984 bei zwei Boykottspielen Olympiasieger über 1500 Meter. Bubka gewann als bester Stabhochspringer der Geschichte 1988 olympisches Gold, scheiterte danach dreimal spektakulär bei Olympischen Spielen, siegte bei zehn Weltmeisterschaften und stellte mit seiner Salami-Taktik (Zentimeter für Zentimeter höher), die ihm mehr Prämien einbrachte, insgesamt 35 Weltrekorde auf.

In jüngsten Meldungen aus Peking heißt es, Coe liege klar in Front, verfüge über rund 40 Zusagen, darunter die des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), dessen Präsident Clemens Prokop als Nachfolger von Helmut Digel in Peking IAAF-Councilmitglied werden will. Bubka dagegen habe nur Zusagen von fünf der 213 wahlberechtigten Verbände. In Bubkas Lager gibt man sich trotzdem demonstrativ gelassen - manche Verbände, die Coe zugeordnet werden, haben sich von derartiger Berichterstattung distanziert.

Vieles entpuppt sich ohnehin als Propaganda. Für Coe ist die PR-Agentur Vero Communications tätig, die sogenannte olympische Insiderdienste und zahlreiche britische Medien mit Informationen versorgt. Vero-Eigner Mike Lee war schon während der erfolgreichen Londoner Olympiabewerbung an der Seite von Coe und ist einer der einflussreichsten PR-Macher der Branche.

Parallel zu seinem Engagement für Coe betreut Mike Lee unter anderen die Klienten Michel Platini, den möglichen künftigen Fifa-Präsidenten, und das WM-Organisationskomitee Katar 2022. Auch der vermeintliche Königsmacher in der Fifa, Scheich Ahmad Al-Fahad Al-Sabah aus Kuwait, unterstützt den IAAF-Kandidaten Coe. Scheich Ahmad und Coe sind geschäftlich verbunden. Die von Coe geführte Firma CSM bereitet derzeit unter anderem die asiatischen Hallenspiele 2017 in Turkmenistans Hauptstadt Ashgabat vor. Der Scheich ist auch Präsident des austragenden Olympic Council of Asia (OCA).

Das Vorbild? Juan Antonio Samaranch

Coe ließ mehrfach erklären, es gebe keine Interessenkonflikte zwischen seinen sogenannten Ehrenämtern und seinen fürstlich entlohnten geschäftlichen Aktivitäten etwa für CSM, als Berater des Sportartikelkonzerns Nike oder des englischen Premier-League-Klubs FC Chelsea.

Coe ist ein Sportführer alter Schule. Sein Vorbild ist der langjährige IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch. Es war Samaranch, der Coe 1981 als Mitglied der ersten Athletenkommission auswählte. Auf dem Olympischen Kongress 1981 in Baden-Baden hielt Coe seine erste große Rede - wie damals auch Thomas Bach, sein Kollege in der von Samaranch besetzten Athletenkommission. Seither sind Coe und Bach freundschaftlich verbunden.

Coe nennt Bach Professor, Bach nennt Coe Shakespeare. Es ist im Interesse von Bach, der 2013 ebenfalls mit Hilfe von Scheich Ahmad Al-Sabah IOC-Präsident wurde, seinen Kumpel Coe endlich im IOC zu haben. Eine persönliche Mitgliedschaft für Großbritannien wird allerdings von Prinzessin Anne besetzt. Coe muss deshalb den Umweg über die IAAF-Präsidentschaft gehen. Leichtathletik-Präsidenten erhalten für die Dauer ihrer Amtszeit eine sogenannte Ex-officio-Mitgliedschaft im IOC.

Sollte es am Mittwoch doch eine Überraschung geben und Bubka den IAAF-Thron besteigen, wird Coe im kommenden Jahr bei der IOC-Session in Rio de Janeiro sehr wahrscheinlich dennoch IOC-Mitglied. Dann wird ihn Bach als NOK-Präsident nominieren lassen - Coe führt seit 2012 auch die British Olympic Association (BOA).



insgesamt 5 Beiträge
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fortelkas 18.08.2015
1. Sebastian Coe und Genossen
Dieser Beitrag beschreibt genau das Problem der bezahlten Sportarten (Reichtum natürlich nur für die Sieger). Ein ganzer Clan von Verbandsfunktionären national und international, Etatmittel und Werbeeinnahmen in schwindelerregender Höhe, Setzung von Normen für die Sportlerinnen und Sportler, die diese ohne Doping (oder vielleicht nennen wir es besser "ärztliche Betreuung") auch bei härtestem Training überhaupt nicht erreichen können. Eigentlich sollte sich das Publikum mit Schaudern abwenden, aber das wird es nicht tun. Deshalb sollte man wenigstens ehrlich sein: Es handelt sich nicht um Weltspitzensport sondern um Weltspritzensport. Und es gibt meiner bescheidenen Ansicht nur eine Konsequenz: Keine Kontrollen mehr, die Kontrolleure kommen sowieso nicht nach, nur ehrlich sagen, um welche verlogenene Veranstaltungen es sich hier handelt. Erwin Fortelka
shoper34 18.08.2015
2. Olympische Idee ist tot.
Baron de Coubertin ist schon lange tot. Heute geht es nur noch im Geld, Doping und Geschäft. Mit "Sport" hat der ganze Quatsch nichts mehr zu tun.
netei 18.08.2015
3. einfach mehr
die tour de france gucken. ist ehrlicher und im gegensatz zur leicht dopelethik und fussball wird dort weniger getrickst. Armstrong, Pantani und Ulli, die armen Helden an den sich jeder ausprügeln durfte... dann sollte die ard doch auch mal ne olympiade aussetzen. nach dem radsporthasser prinzip: "ich will mit meinen steuergeldern keine doping veranstaltung sehen". schön locker bleiben gell...
r20110107 18.08.2015
4. Was will denn Bubka? Oder ist das für SPON überhaupt
noch ein Thema? Die Profisportler sind wohl doch nur Models für Addidas, Puma und Co. oder Schauspieler: Sie funktionieren nur zur Unterhaltung. Sind diese Berufe und ihre Ausbilder so wichtig? Ist es so wichtig, ob man 100 m in 10 oder 11 Sekunden läuft? "Mit "Sport" hat der ganze Quatsch nichts mehr zu tun."
xysvenxy 19.08.2015
5. ör?
Mal sehen ob sich ARD und ZDF demnächst auch aus der Berichterstattung zurückziehen, wie seinerzeit beim Radsport...
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