Segel-Sensation Herrmann "Es war wie in einer Hexenküche"

Den Nordatlantik bezwungen, die Segelelite überrascht: Der deutsche Boris Herrmann hat bei der ältesten Einhandregatta der Welt den zweiten Platz belegt. Trotz maximal einer Stunde Schlaf am Stück, trotz der ständigen Gefahr von Walen und Eisbergen - am Ende ging er begeistert von Bord.

Aus Boston berichtet


Die Motorboote und Segelyachten liegen verschlafen in der Bucht, das Wasser bewegt sich kaum. Vom Atlantik her weht eine leichte, lauwarme Brise und verbreitet einen frühsommerlichen Charme. Aus dem Restaurant des Corinthian Yacht Clubs dringen einige Geräusche auf die weiträumige Terrasse hinaus und verlieren sich im Abenddunkel. Es ist kurz nach 21 Uhr und nichts mehr los in Marblehead, einer Kleinstadt rund 30 Kilometer nördlich von Boston, dessen beleuchtete Skyline am gestrigen klaren Mittwochabend gut zu erkennen ist.

Doch plötzlich wird die Idylle durch circa ein Dutzend Menschen unterbrochen, die am Steg des Yacht-Clubs stehen und jubeln. "Welcome", "Super Boris" und "Bon anniversaire" ist zu hören. Die Euphorie gilt Boris Herrmann, der um 21.09 Uhr Ortszeit (3.09 Uhr deutscher Zeit) exakt 17 Tage, zwölf Stunden, neun Minuten, 47 Sekunden nach seinem Start am Pfingstsonntag im englischen Plymouth die Ziellinie der Transat-Regatta überquert - nach rund 4500 Kilometern auf See.

Seine Freundin Meike und der Präsident der Klasse der 40-Fuß-Boote (rund 12 Meter), Jacques Fournier, steigen unmittelbar danach zu ihm auf sein Schiff, die "Beluga-Racer". Meike, um ihn nach fast zweieinhalb Wochen erstmals wieder zu umarmen, Fournier, um zu überprüfen, ob Herrmann in dieser Zeit tatsächlich nur mit Wind, Wellen und Willenskraft über den Atlantik gesegelt ist oder eventuell doch in einem Moment mentaler Schwäche und Frustration den Motor benutzt hat.

Keiner hätte es dem Kieler verdenken können, wenn er der Kälte und Nässe auf und in seinem knapp zwölf Meter langen Boot etwas schneller hätte entkommen wollen und den Außenborder gestartet hätte. Aber Herrmann hat nicht einmal daran gedacht, und so findet Fournier ein unbeschädigtes Siegel auf dem Motor. Somit ist das Ergebnis offiziell und Boris Herrmann sensationell Zweiter – zwar 14 Stunden hinter dem italienischen Sieger Giovanni Soldini, aber das stört ihn und die Wartenden am Steg keineswegs. Noch bevor er das Boot verlässt und endlich festen Boden betritt, lässt Herrmann den Korken einer Sektflasche knallen. Er feiert seinen zweiten Platz und zudem seinen 28. Geburtstag.

Dass er Letzteren in dem Yacht-Club begehen konnte, hätte eine Flaute fast verhindert. "Ich bin mit acht, neun Knoten aufs Ziel zugefahren, aber dann war plötzlich der Wind weg, und ich stand für eine Stunde." So wurde es nichts mit der zunächst für 18 Uhr berechneten Zielankunft. Wäre er pünktlich gewesen, hätte er sogar noch ein paar Fans mehr gehabt. Denn die überwiegend älteren Mitglieder, die am späten Nachmittag auf der Terrasse des Corinthian Yacht Clubs sitzen und von den Schaukelstühlen aus den Blick über die in der Abendsonne stehende Bucht genießen, sind beeindruckt, als sie hören, dass später noch ein Deutscher erwartet wird, der am 11. Mai in England gestartet ist. Ihr "Wow" klingt bewundernd und respektvoll zugleich.

Als Herrmann jedoch mit dreistündiger Verspätung auf dem Steg steht, sind die Schaukelstühle verwaist. Trotzdem hat der Abenteurer einige Hände zu schütteln, atmet anschließend tief durch und strahlt. Die Erleichterung ist ihm anzumerken, die Strapazen hingegen weniger. Obwohl er mehr als zwei Wochen lang maximal eine Stunde am Stück geschlafen hat, wirkt er nicht müde. Und wie ein typischer Seebär sieht er auch nicht aus. "Ich habe mich vor zwei Tagen erst rasiert, es war das einzige Mal", betont Herrmann. Er habe während des Rennens Sachen an sich wiederentdeckt, für die er im Alltag schlichtweg keine Zeit hatte, betont er. "So eine lange Strecke anzupacken und alleine da raus zu gehen, ist doch erstmal ein mulmiges Gefühl, aber nach der Hälfte der Distanz habe ich gemerkt, dass ich alles ganz gut schaffe."

Noch auf dem Steg gibt Boris Herrmann Interviews – in Deutsch, Englisch und Französisch. Es habe für ihn nie eine richtig ernste Situation gegeben, sagt er. Fünf Mitstreiter hatten weniger Glück, sie kollidierten mit Walen und mussten das Rennen aufgeben. Zudem drohte immer die Gefahr in Form von Eisbergen - gerade kleinere werden vom Radar oft nicht erfasst. Es sei vor allem nass gewesen, so Herrmann weiter. Besonders, wenn der Wind zunahm und er kreuzen musste. Dann sei ständig Wasser übers Deck gekommen, und da eine Luke im Schiff nicht richtig dicht war, sei dieses Wasser dann nach ein, zwei Tagen bis in die letzte Ecke vorgedrungen. Irgendwann sei er dann von der Kälte und Nässe ziemlich angefressen gewesen, erzählt Herrmann offenherzig.

Obwohl er bis auf die ersten 20 Stunden des Rennens keines der anderen zehn Boote gesehen hat, hat sich Herrmann selten alleine gefühlt. Er hatte Internet an Bord und in den zweieinhalb Wochen rund 160 E-Mails bekommen. "Fast so viele wie zu Hause."

"Da hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, in Amerika zu sein"

In Erinnerung werden ihm vor allem die Nebelschwaden bleiben, die der Ozean an jener Stelle bildet, wo das kalte Wasser des Labradorstroms auf den Golfstrom trifft. "Es sieht dort aus, wie in einer Hexenküche. Plötzlich steigen Dunstschwaden auf, die vom schnellen Wind übers Meer getragen werden." Herrmann erzählt all dies mit Begeisterung. Auch wenn er über den "wie polar wirkenden Atlantik mit seinem kalten, klaren Wasser" und die daraus resultierende "extrem gute Sicht" spricht, wirkt er, als ob er am liebsten sofort wieder ablegen würde.

Auch den Sonnenuntergang mit der Bostoner Skyline im Hintergrund wenige Stunden vor der Zielankunft wird er nicht vergessen. Und die Vögel, die plötzlich knapp 300 Meilen vor der Küste auftauchten, als er auf den Kontinentalschelf fuhr, wo das Meer statt 2000 nur noch 200 Meter tief ist. "Da hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, in Amerika zu sein."



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