Segeln Angriff auf die Kanne

Der America's Cup gilt als prestigeträchtigste Segelregatta der Welt. Doch seit zwei Jahren streiten die Top-Teams nur noch vor Gericht. Lachender Dritter könnte die World Sailing Team Association werden. "SPONSORS"-Autor Steffen Guthardt berichtet über die mögliche neue Konkurrenz.

BMW Oracle: Mitinitiator einer neuen Rennserie
AP

BMW Oracle: Mitinitiator einer neuen Rennserie


Paris, 8. August 2009. Die World SailingTeam Associaton (WSTA) hält erstmalig eine Pressekonferenz ab. Und die kündigt nicht weniger an, als die Ausnahmestellung des America's Cup antasten zu wollen, immerhin die älteste und angesehenste Segelregatta der Welt. Nun brauchen große Taten auch große Sätze, und deshalb versprechen die Vertreter der gerade erst gegründeten WSTA, dass "die Louis Vuitton World Series uns in eine neue Ära führen wird".

Richtig, die Louis Vuitton World Series. Eine gerade erst neu gestaltete Segelrennserie, die bereits ab dem 7. November dieses Jahres erstmals in See stechen will - und somit die Gunst der Stunde nutzt. Denn die herausgeforderte Konkurrenzserie, eben der America's Cup, beschäftigt sich mit allem, aber nicht mit Segeln. Seit nun mehr als zwei Jahren befinden sich hier die zwei entscheidenden Segelteams des nächsten Cups vor Gericht. Die beiden Segelrennställe (Syndikate), das US-Team BMW Oracle Racing und das Team Alinghi aus der Schweiz, sind immer noch uneins über die Wettkampfmodalitäten. Unklar ist deshalb, ob und wann die 33. Auflage des America's Cup zur Austragung kommen wird. Alinghi hat mittlerweile die Ostküste Australiens als Wettkampfort vorgeschlagen.

Fünf Anteilseigner

Dem Verhandlungsmarathon nicht mehr tatenlos zusehen wollen indes die künftigen Teilnehmer der Louis Vuitton World Series. Und die sind wahrlich keine Leichtmatrosen, sondern alte Bekannte aus dem America's Cup. So zum Beispiel das Team New Zealand, das bereits zweimal den angesehenen Wettfahrten-Pokal, den Auld Mug (bodenlose Kanne), gewinnen konnte.

Insgesamt zehn Rennställe sind für die neue Regattareihe zugelassen. Neben Titelsponsor Louis Vuitton werden vier von ihnen, darunter die Teams New Zealand, Artemis und Synergy Russian Sailing, mitentscheiden, wann und vor welcher Küste die Regatta künftig Station machen wird. Als Anteilseiger der WSTA zahlen sie für ihr Mitbestimmungsrecht eine Gebühr in unbekannter Höhe an die Organisation. Bislang durften sie Nizza, Auckland (Neuseeland) und La Maddalena (Italien) als Austragungsort bestimmen. Anfragen soll es aber auch aus Abu Dhabi, Hongkong, Kapstadt und Athen geben. Einer der bekanntesten Teilnehmer und ebenfalls WSTA-Teilhaber ist BMW Oracle Racing, just das Team, das mit seinem Rechtsdauerstreit im America's Cup die Bahn für eine neue Serie erst bereitete.

"Top-Segelteams brauchen Sponsoren. Sponsoren brauchen einen jährlichen und weltumspannenden Veranstaltungskalender", begründet BMW Oracle den Beitritt in die Louis Vuitton World Series in einer offiziellen Erklärung und befindet: "Die neue Serie erfüllt alle diese Elemente." Äußerungen, die den Eindruck erwecken, dass BMW offenbar nicht an eine rasche Einigung mit Konkurrent Alinghi im America's-Cup-Streit glaubt. Ob dem so ist oder welche anderen Motive hinter dem Schritt stecken, darauf will das Team auf "SPONSORS"-Nachfrage keine Stellungnahme abgeben.

60-Millionen-Euro-Titelsponsoring

Ähnlich bedeckt zu seinen Beweggründen hält sich auch der Luxusgüterkonzern Louis Vuitton. Der Titelsponsor der neuen Regatta war im Sommer 2007 als Hauptsponsor aus dem sogenannten Herausforderer-Cup ausgestiegen. In dieser vorgeschalteten Wettfahrt wird traditionell einer der beiden Finalisten des America's Cup ermittelt. Der andere ist immer der amtierende Inhaber der Auld Mug. Edeltaschenhersteller Louis Vuitton begründete seinen Ausstieg damals mit seiner Verärgerung über die Marketing-Ausrichtung des America's Cup. "Segeln ist nicht Fußball. Das Cup-Management redet zu viel über Geld, ist zu kommerziell gesteuert", musste sich die ausrichtende Aktiengesellschaft AC Management SA(ACM) mit Sitz in Genf von ihrem wichtigsten Sponsor vorwerfen lassen.

Am Ende verlor der America's Cup also nicht nur einen wichtigen Geldgeber, sondern diesen auch noch an eine neue Konkurrenzserie. Mit welchem Betrag Louis Vuitton die WSTA nun sponsert, ist unbekannt. Der America's Cup soll dem Unternehmen bis vor zwei Jahren aber noch rund 60 Millionen Euro wert gewesen sein. Gleichwohl dürfte die Summe aufgrund der gerade erst am Anfang stehenden Serie und des veränderten wirtschaftlichen Klimas nun geringer sein. Dennoch, nur um die Dimensionen einordnen zu können: Ein Top-Sponsoring der Uefa Champions League gibt es bereits ab 40 Millionen Euro jährlich.

Wiedersehen alter Größen im Segelsport

Nur spekuliert werden kann auch, wie der Cup im Detail finanziert werden soll und ob weitere zahlungskräftige Sponsoren mit von der Partie sein werden. Recherchen stoßen dabei schnell an ihre Grenzen. So existiert bislang offenbar weder ein offizieller Firmensitz noch eine Internetpräsenz der WSTA. Bekannt ist immerhin, dass Bruno Troublé als Fadenzieher zwischen den Anteilseignern auftritt.

Der Franzose ist im Segelsport kein Neuling. Bis 1980 fuhr er selbst noch als Skipper um den Gewinn des America's Cup mit. Von 1983 bis 2007 prägte er dann den Herausforderer-Cup. Die Louis Vuitton World Series ist deshalb bislang vor allem eines: Eine große Wiedersehensparty alter Größen im Segelsport. Ob sie das Zeug haben, am Thron des angeschlagenen America's Cup zu rütteln, muss sich hingegen noch zeigen.



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.