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Segelprofi Herrmann 25.000 Seemeilen über das Meer

Als einziger Deutscher startet der Profisegler Boris Herrmann beim Barcelona World Race, die Regatta führt nonstop einmal um die Welt - eine Herausforderung für Körper, Geist und Hightech-Maschine. Wenn es gut läuft, könnte der 29-Jährige die Strecke in 80 Tagen schaffen.

Einmal um die ganze Welt. Den Globus zu umrunden, das klingt nach Abenteuer und Romantik à la Jules Verne. In 80 Tagen um die Welt.

Mit Romantik hat die Realität von Boris Herrmann wenig zu tun.

Am Freitag startet er beim Barcelona World Race, einer Zweihand-Regatta nonstop um die Welt. Das Rennen ist eine geistige und körperliche Herausforderung, ein sportlicher Wettbewerb mit modernster Technik, und, ja, auch ein Abenteuer. "Wenn es gut läuft, klappt es tatsächlich in 80 Tagen", sagt der 29-Jährige, der zusammen mit dem US-Amerikaner Ryan Breymaier an den Start geht.

Ein Jahr haben sich die beiden Skipper auf die rund 25.000 Seemeilen (rund 46.000 Kilometer) vorbereitet. Vor allem, um die Schwachstellen der Yacht "Neutrogena" schon im Vorfeld zu beseitigen. Aber auch, um sich besser kennenzulernen, denn der Deutsche und der Amerikaner werden erstmals gemeinsam ein Rennen bestreiten. Im April dieses Jahres haben sie sich zum ersten Mal getroffen. "Bisher lief es gut", so Herrmann zu SPIEGEL ONLINE. "Wir sind zwei unterschiedliche Persönlichkeiten, und das ist auch eine zusätzliche Herausforderung."

Auf der gut 18 Meter langen Yacht ist immer nur einer der Skipper aktiv, während der andere schläft oder sich um Wetter und Navigation kümmert. Nach drei bis vier Stunden wird gewechselt. "Wir hocken uns also nicht ständig auf der Pelle", sagt Herrmann. Trotzdem könne man einen Konflikt auf See auch nie ausschließen.

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Weltumsegler Herrmann: Von Barcelona nach Barcelona

Foto: Nico Martinez / Barcelona World

Die größere Gefahr geht von Objekten im Wasser aus - beispielsweise schlafenden Walen. "Je nachdem, wie man einen Wal trifft, kann das Tier schwer verletzt und das Schiff schwer beschädigt werden", sagt der Profi-Segler. Andererseits sei das Risiko überschaubar. "Wir haben viele Sicherheitssysteme auf dem Schiff", so der Skipper zu SPIEGEL ONLINE. "Außerdem kommt es bei uns in einer Notfallsituation selten auf Sekunden, Minuten oder gar Stunden an."

Allerdings können schon kleinste technische Probleme zur Aufgabe zwingen: "Es ist eben ein mechanischer Sport, ein bisschen so wie die Formel 1." Bei der ersten Auflage des Barcelona World Race 2007/2008 erlitt die Yacht "Neutrogena", die damals von Team-Eigner Roland Jourdain persönlich gesegelt wurde, einen Mastbruch. Auch bei der Vendée Globe 2004/2005 und 2008/2009 musste Jourdain wegen technischer Probleme aufgeben. An ein schlechtes Omen glaubt Herrmann nicht: "Es müsste schon mit bösen Dingen zugehen, wenn es noch mal passiert."

Der Profi-Segler startet zum ersten Mal in der sogenannten "Open60"-Klasse, der Eliteliga des Hochseesegelns. Es soll der letzte Schritt auf dem Weg zu seinem großen Ziel, der Vendée Globe 2012, sein. Die Vendée Globe gilt als die härteste und renommierteste Einhand-Regatta der Welt. Herrmann ist auf einem guten Weg dorthin: 2008 wurde er Erster bei der Einhand-Transatlantikregatta Artemis Transat, 2008/2009 gewann er zusammen mit Felix Oehme auf einer kleineren Open40-Yacht das Portimão Global Race, das allerdings ein Etappenrennen ist. Beim Barcelona World Race geht es für Herrmann nun zum ersten Mal nonstop um die Welt.

"Zu segeln, ohne anderen davon zu erzählen, ist langweilig"

Gesegelt wird die sogenannte Clipper-Route. Von Barcelona aus an der Westküste Afrikas entlang um das Kap der Guten Hoffnung Richtung Neuseeland. Danach durch die Cookstraße, also die Meerenge zwischen den beiden Hauptinseln Neuseelands, und schließlich über Kap Hoorn zurück nach Barcelona. Die gleiche Route wird auch bei der Vendée Globe absolviert. Ebenfalls nonstop, aber allein.

"Etwas wie das Vendée Globe zu schaffen, fasziniert mich. Vor 10, 15 Jahren war das noch so weit weg." Der Weg sei für ihn das Ziel, so der Skipper. Noch fehlt Herrmann ein Sponsor für die Kampagne. Er hofft mit einer guten Leistung beim Barcelona World Race für Aufmerksamkeit sorgen zu können. Während seiner Rennen schreibt er einen Blog. Herrmann will seine Erlebnisse teilen: "Nur zu segeln, ohne anderen davon zu erzählen, finde ich langweilig." Wichtiger als sportlicher Erfolg sei es, den Sport einem breiteren Publikum nahezubringen.

Mit den Top-Favoriten Michel Desjoyeaux und François Gabart (Foncia) sowie Jean-Pierre Dick und Loïck Peyron (Virbac-Paprec 3) aus Frankreich, die über mehr Erfahrung und neue Yachten verfügen, können er und Breymaier nicht mithalten. "Angesichts dieser Konkurrenz vom Sieg zu sprechen, wäre respektlos", so Herrmann. Ziel sei es, unter die ersten fünf der insgesamt 15 Yachten zu kommen.

Der schwierigste Moment für den 29-Jährigen ist der Start. "Ich versuche ihn mir immer wieder vorzustellen und mich so darauf vorzubereiten", so Herrmann. "Trotzdem werde ich Bammel haben." 80 Tage später wird er wieder in Barcelonas Olympia-Hafen einlaufen - beinahe wie ein Held aus einem Jules-Verne-Roman.

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