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Doping bei der Tour: Die Ära Epo

Foto: Lutz Bongarts/ Bongarts/Getty Images

Französischer Anti-Doping-Bericht "Meilenstein für die internationale Sportpolitik"

Der französische Senat hat heute seinen Abschlussbericht zur Dopingpraxis im eigenen Land veröffentlicht. Im Mittelpunkt stehen wieder die Radsportler, darunter Jan Ullrich und Erik Zabel. Das liegt auch an mangelnder Transparenz in Sportarten wie Fußball.

Hamburg - Leicht nach vorne gebeugt spricht Jean-François Humbert ins Mikrofon. Der Präsident der französischen Doping-Untersuchungskommission klingt fast wie ein Märchenonkel, so ruhig und sonor klingt seine Stimme. Der Inhalt seiner Nachricht hat mit Märchen und Heldengeschichten allerdings gar nichts zu tun: "Der Kampf gegen Doping ist eine doppelte Herausforderung: eine gesundheitliche und ethische." Eine Herausforderung, an der der Radsport gescheitert ist.

Einen Monat nach der Dopingbeichte des mehrfachen Tour-de-France-Siegers Lance Armstrong begann in Frankreich die Arbeit einer Kommission, die sich auf die Effektivität im eigenen Kampf gegen das Doping konzentrieren sollte. Nach nur vier Monaten wurden die Ergebnisse präsentiert. Die Zeit war zu kurz, um alle Dopingprobleme ausreichend zu identifizieren. Aber den französischen Parlamentariern gelang, was die Sportpolitik in Deutschland bislang nicht geschafft hat.

Das aktuelle System wurde kritisiert und Fakten genannt. Ganze 60 Vorschläge zur Verbesserung stehen im Bericht. Zudem scheute sich die Kommission nicht, Namen von Sportlern zu veröffentlichen, die positiv getestet wurden.

Gegenwind vom organisierten Sport

Als "einen Meilenstein für die internationale Sportpolitik" bezeichnet Viola von Cramon gegenüber SPIEGEL ONLINE die Arbeit ihrer französischen Kollegen. Die sportpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Bundestag wünscht sich ähnliche Untersuchungen in Deutschland, um den Anti-Doping-Kampf hierzulande zu verbessern. Sie beklagt Gegenwind, besonders "vom organisierten Sport". Einige Personen im Bund Deutscher Radfahrer (BDR) hätten in der Vergangenheit alles unternommen, damit der Dopingfall Jan Ullrich nicht aktenkundig wurde.

Seit der heutigen Veröffentlichung taucht Ullrich nun in neuen Akten auf, wenn auch im Nachbarland Frankreich. Im Jahr 2004 untersuchte das Labor Châtenay-Malabry etliche Proben von der Tour de France 1998 nachträglich auf das Blutdopingmittel Epo. Bislang standen die 44 positiven Epo-Befunde nur anonymisiert zur Verfügung, nun wurden die Fahrernamen ergänzt. Gleich zweimal weisen die B-Proben von Jan Ullrich Epo-Spuren auf. Der gebürtige Rostocker gestand in diesem Jahr zum ersten Mal Doping ein, betonte dabei aber, nur mit Eigenblutdoping seine Leistung künstlich gesteigert zu haben.

Und ein weiterer Ex-Telekom-Profi könnte bei seinem Geständnis nur die halbe Wahrheit erzählt haben. Unter Tränen gestand Erik Zabel 2007, er habe in der ersten Tour-Woche 1996 Epo ausprobiert, habe danach aber aufgehört. In den Dokumenten des französischen Senats wird eine positive Epo-Probe von Zabel von einem Test nach der 5. Etappe 1998 dokumentiert.

Pantani, Durand und Jalabert

Jens Heppner, ebenfalls Ex-Telekom-Fahrer, hatte bislang komplett geschwiegen. Bei der Tour 1998 gewann er die 3. Etappe. Seine B-Probe vom Juli zeigt Epo-Spuren. Mittlerweile arbeitet Heppner als sportlicher Leiter im deutschen Team NetApp.

Die Liste der positiven Epo-Befunde lässt sich mit Fahrern aus diversen Nationen fortführen. Der italienische Tour-Sieger jenes Jahres, Marco Pantani, taucht ebenso auf wie die ehemaligen französischen Fahrer Jacky Durand und Laurent Jalabert. Auch Jens Voigt, einer der wenigen Fahrer von damals, die heute noch aktiv sind, wurde bei der Epo-Tour 1998 getestet, als er nach der 9. Etappe vorübergehend das Bergtrikot trug. Diese Probe wird in den Akten als "manquant" (verschwunden) bezeichnet.

"Im Report geht es nicht nur um Radsport und die Tour de France", betonte Humbert noch zu Beginn der Pressekonferenz. Ein Blick in den Abschlussbericht gibt ihm Recht. Über 80 Personen aus dem Sport wurden angehört, zwei Gesprächsrunden geführt und fünf größere Reisen unternommen. Dabei besuchten Vertreter der Kommission unter anderem die amerikanische Anti-Doping-Agentur Usada, die seit dem Fall Armstrong eine Vorbildfunktion unter den nationalen Agenturen genießt.

Neben dem Radsport konzentrierten sich die Ermittlungen der Franzosen insbesondere auf die anderen Sportarten Rugby und Fußball. Dass am Ende wieder der Radsport mit Dopingfakten im Fokus steht, mag auch an der fehlenden Transparenz in den anderen Sportarten liegen.

So verweigerte der derzeitige französische Fußball-Nationaltrainer Didier Deschamps, dass seine Aussagen unter Eid vor dem Senat veröffentlicht werden. Es gilt als wahrscheinlich, dass Deschamps vor der Kommission auch Doping-Fragen zu seiner Zeit als Aktiver bei Juventus Turin und als Kapitän der französischen Nationalmannschaft beantworten musste. Die Vorwürfe erhielten im Mai neue Schärfe, nachdem Blutproben des Champions-League-Siegers von 1996 analysiert wurden, die auf Epo-Doping hinwiesen.