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Alltag von Sportjournalistinnen

"Guten Tag, bin ich da in der Sportredaktion?"

Wie ist es zu erklären, dass Claudia Neumann so viel Hass entgegenschlägt, weil sie als Frau WM-Spiele im Fernsehen kommentiert? Wir haben andere Sportjournalistinnen nach ihren Erfahrungen gefragt.

Icon Sport via Getty Images

Die französische Journalistin Carine Galli

Samstag, 23.06.2018   11:19 Uhr

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ZDF-Redakteurin Claudia Neumann war am Wochenende die erste Frau, die im deutschen Fernsehen ein WM-Spiel kommentierte. Das sorgte für wütende Reaktionen in sozialen Medien. Das ZDF berichtete von "Hass, Häme und Beleidigungen". Dabei geht es nicht darum, wie sie ihren Job macht, sondern darum, dass sie ihn überhaupt macht.

Kaum vorstellbar, dass das ein Einzelfall ist. Wie sieht abseits der ganz großen WM-Bühne der Alltag von Frauen im Sportjournalismus aus? SPIEGEL ONLINE hat Sportjournalistinnen nach ihren Erfahrungen gefragt.

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Saskia Aleythe, "Süddeutsche Zeitung": "Chauvinisten sind am lustigsten, wenn sie sich selbst entlarven. Es war das Champions-League-Spiel des FC Bayern gegen Paris Saint-Germain im vergangenen September. Jenes Spiel, das 0:3 für die Münchner endete und Trainer Carlo Ancelotti noch in der Nacht den Job kostete. Robert Lewandowski, der sich gerne bei Real Madrid sähe, schoss kein Tor und war im Stürmervergleich mit Neymar (ein Tor) generell blass geblieben, was seinem Berater Maik Barthel den Schlaf raubte. Noch in der Nacht antwortete er auf die Einzelkritik, die ich geschrieben hatte, per Twitter: "Wer bei der SZ hat zugelassen, dass Biathlon-Experten über Fußball schreiben dürfen!" So weit, so banal. Tatsächlich "durfte" ich trotz Frau und Arbeit bei der Biathlon-WM ohne Diskussion zum Spiel nach Paris reisen, man entscheidet dann bei der "SZ" doch anhand anderer Kriterien, als Berater denken. Doch auch ein paar Stunden Schlaf hatten Barthel nichts genützt, er antwortete erneut: "Vielleicht kochen lernen?"

Elisabeth Schlammerl, freie Sportredakteurin für die "FAZ": "Mein Eindruck ist, dass man als Frau zumindest im Kollegenkreis heute akzeptiert wird - sofern man was kann. Als ich vor 28 Jahren beim "Münchner Merkur" anfing, hatten einige ältere Kollegen Bedenken: Ein junges Ding, wie kommt die bloß an Infos? Aber das hat sich schnell gelegt. Mit Trainern und Funktionären im Fußball hatte ich eigentlich keine großen Probleme, zumindest erklärte mir nie jemand, ich hätte keine Ahnung. Allerdings war in meinen Anfängen als Bayern-München-Reporterin die Einladung zur Bayern-Wiesn noch an Herrn Schlammerl adressiert. Dass der eine oder andere Spieler versucht hat zu flirten, finde ich aus seiner Sicht normal, ich fühlte mich nicht sexuell belästigt, habe aber immer klar zu verstehen gegeben, dass es vergebliche Liebesmühe ist. Der frühere Trainer von 1860 München, Werner Lorant, sagte mal zu mir: 'Für eine Frau verstehen Sie ja recht viel von Fußball.' Einerseits war das aus seinem Mund ein Kompliment, auf der anderen Seite zeigte es sein Weltbild.

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Meine These ist, dass die hübschen jungen Frauen im Fernsehen, die moderieren und Interviews führen und dabei trotz Knopf im Ohr manchmal deutliche Defizite im Fachwissen offenbaren, den Frauen in diesem Beruf eher schaden. Sie werden ja vor allem deshalb genommen, weil man den Männern optisch etwas bieten will, allerdings gilt dies andersherum für sportinteressierte Frauen nicht: Männer kommen noch immer vor allem wegen ihres Fachwissens und nicht wegen ihrer Optik vor die Kamera. Ich empfinde längst nicht jeden Sportreporter optisch als großen Hochgenuss, aber das ist mir egal - solange er gute Interviews führen kann."

Karin Sturm, freie Journalistin für SPIEGEL ONLINE: "Als ich 1982 in der Formel 1 angefangen habe, war der Frauenanteil im Pressezentrum minimal - etwa vier Frauen unter 200 männlichen Kollegen. Heute liegt der Frauenanteil etwa bei 20 Prozent, wozu allerdings auch die TV-Presenterinnen (vor allem aus Spanien und Italien) einen größeren Teil beitragen.

Man musste damals als Frau, speziell wenn man noch sehr jung war (ich war damals 20, noch auf der Journalistenschule), erst mal allen klarmachen, dass man zum Arbeiten da war und nicht als Groupie - die waren, als das mit den Fahrerlager-Pässen noch weniger streng kontrolliert war, sehr häufig anzutreffen. Das galt sowohl gegenüber Fahrern/Ingenieuren/Teamleuten wie auch gegenüber Kollegen. Wichtigstes Tool: So viel Fachwissen wie möglich zeigen, vor allem auch technisch - sich dafür auch ein entsprechendes Netzwerk aufbauen, wo man mal privat nachfragen oder sich was erklären lassen konnte. Denn eines war schon so - und hat sich auch prinzipiell bis heute nicht geändert: Wenn ein männlicher Kollege öffentlich eine 'dumme' Frage stellt, dann wird da viel eher locker drüber hinweggegangen, als wenn sie von einer Frau kommt.

Ist man einmal im Fahrerlager grundsätzlich als kompetent akzeptiert, halten sich die Probleme normalerweise in Grenzen, aber natürlich gibt es immer wieder mal den ein oder anderen Fahrer, der ganz gerne mal den Macho heraushängen lässt - das machen sie dann aber meistens gegenüber fast allen Frauen in ihrer Umgebung. Beste Gegenstrategie meiner Meinung nach: Entweder einen noch dümmeren Spruch obendrauf, oder, wenn man merkt, dass man absolut nicht ernst genommen wird, vielleicht auch mal aufstehen und gehen. Habe ich einmal bei Ralf Schumacher gemacht, als der bei einem One-to-One-Interview einfach nicht wollte: Ich hab gesagt, so hat das keinen Zweck, wir können es auch lassen - und bin gegangen. Fortan hat es besser funktioniert."

Inka Blumensaat, Sportreporterin beim NDR und der ARD: "Am meisten hatte ich im Kollegenkreis mit Vorbehalten zu kämpfen. Mein Leben lang interessiere ich mich für Fußball und habe Hunderte Spiele gesehen. Aber als ich nach meinem Volontariat neu in die Sportredaktion gekommen bin, wurde ich erst mal für vermeintliche Frauenthemen eingeteilt: Reiten und Tanzen. Es hat ein halbes Jahr gedauert, bis ich mal zum Fußball durfte. Selbst Volontäre, die erst kurz bei uns waren, wurden ganz selbstverständlich zu Bundesligaspielen geschickt. Nach dieser Anfangsphase hatte ich aber nie wieder Probleme, ich fühle mich von Chefs und Kollegen sehr akzeptiert.

Mit Sportlern habe ich eigentlich nie schlechte Erfahrungen gemacht. Auch jetzt, bei der WM, ist die Zusammenarbeit mit Stars wie Romelu Lukaku oder Sergio Ramos von großem Respekt geprägt. Das war auch in der Bundesliga so, zum Beispiel bei Felix Magath. Nur Mirko Slomka hat einmal einen Spruch gemacht. Er war damals Trainer bei Hannover. Der Kameramann stand am Stativ, der Assistent war mit seinem Tonequipment beschäftigt, ich hatte einen Zettel mit Fragen in der Hand, die Rollen waren also klar verteilt - Mirko Slomka schaute uns an und fragte: 'Wer macht denn jetzt das Interview?'"

Anne Armbrecht, "Tagesspiegel": "Blöde Kommentare bekomme ich mal mehr, mal minder subtil immer noch relativ regelmäßig zu hören. Kollegen, Trainer, Spieler nehmen sich da nicht viel. Erfahrungen, die mich noch länger geärgert haben, habe ich aber nur im Fußball gemacht. Prägend: Ein DFB-Pokalspiel vor ein paar Jahren. Zu Gast beim Amateurverein vor dem großen Spiel. Ich bat den Trainer - einstmals in der Bundesliga, inzwischen in der Regionalliga angekommen - um ein kurzes Gespräch für den Vorbericht. Er widersprach mir in jeder Frage. Wirklich. Jeder. Nach der vierten habe ich die erste noch mal umgedreht - er hat mir wieder widersprochen. Ich habe das Gespräch daraufhin abgebrochen. Als wir von der Tribüne nach draußen kamen, ging er zum Pressesprecher und sagte: 'Es tut mir leid. Ich kann Frauen im Fußball einfach nicht ernst nehmen.' Ich stand keine zwei Meter daneben."

Sabrina Knoll, freie Redakteurin für SPIEGEL ONLINE: "Wie wenig selbstverständlich es auch heute noch ist, dass Frauen im Sportjournalismus arbeiten, zeigt sich in vielen Situationen. So alltäglichen wie dem Telefonieren. Wenn ich während eines Redaktionsdiensts ans Telefon gehe, kommt es immer wieder vor, dass am anderen Ende erst mal Stille herrscht. Diese Stille, wenn auch nur sehr kurz, kündet von einer Verwirrung am anderen Ende der Leitung, bei externen Anrufern, und ja, auch bei Kollegen. Sie fragen: 'Guten Tag, bin ich da in der Sportredaktion?'"

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