Sieg im Halbfinale Messi stiehlt Ronaldinho die Show

Maradona war zufrieden: Argentiniens Fußball-Legende hat in Peking einen historischen Sieg seiner Auswahl über Brasilien miterlebt. Die Brasilianer zauberten, doch Argentinien schoss die Tore. Jetzt wollen Diego und Co. wenigstens Bronze.


Sieben Minuten vor Schluss, der 3:0-Erfolg der Argentinier über Brasilien im Halbfinale des olympischen Fußball-Turniers war längst beschlossene Sache, kam im Workers’ Stadium von Peking plötzlich Hektik auf. Nicht auf dem Rasen, sondern vor den Toren der Arena. Im funzeligen Licht der Straßenlaternen zwängte sich Diego Armando Maradona, der inzwischen recht beleibte Superstar der Achtziger Jahre, in einen kleinen Transporter und rauschte unter dem Gejohle hunderter Schaulustiger davon.

Ehrengast Maradona: Beruhigte Heimfahrt
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Ehrengast Maradona: Beruhigte Heimfahrt

Ein Ehrengast für das kleine Spektakel im Zeichen der Ringe. Wobei Kenner des südamerikanischen Fußballs die kontinentale Bedeutung des Giganten-Treffens wohlwollend auf 70 Prozent taxierten. 70 Prozent jener Emotionen, die ein Duell zwischen Brasilien und Argentinien im Rahmen einer WM oder der Copa América normalerweise auslösen würde. Olympisches Niveau eben, trotzdem konnte man im Workers’ Stadium ermessen, was Spieler wie Diego und Rafinha veranlasste, mit so viel Hartnäckigkeit auf die Reise nach China zu bestehen.

Dabei war das nationale Sendungsbewusstsein der beiden Bundesligakicker, zu denen sich als Dritter der 18-jährige Bayern-Verteidiger Breno gesellte, die eine Seite. Und Diego blieb seiner Linie auch in der Niederlage treu. "Wir sind hierher gekommen, um Gold zu holen. Aber Argentinien hat uns diesen Traum zerstört", erklärte der Regisseur von Werder Bremen mit trauriger Miene. Dann blickte Diego auf das Trostpflasterspiel am Freitagabend gegen Belgien: "Wir müssen jetzt die Köpfe hoch halten und über Bronze nachdenken. Das ist schwer, aber möglich. Wir müssen schließlich das brasilianische Trikot ehren."

Immerhin verzückten Diego und Co. bei ihrem letzten Auftritt das enthusiastische chinesische Publikum, das ein dankbarer Adressat für all die hübschen, aber nutzlosen Tricks, Übersteiger und sonstigen Kunststückchen war.

Ein langes "Ooooooh" begleitete jedes Kabinettstückchen, bei dem sich der etwas steife Neu-Milanisti Ronaldinho manchmal die Beine zu verknoten drohte. Und ganz aus dem Häuschen waren die Zuschauer jedes Mal, wenn sich der kleine Lionel Messi wirbelnd in Richtung brasilianisches Tor bewegte. Oder als Brasiliens Linksverteidiger Marcelo den Ball einmal gekonnt unter der Schuhsohle an seinem Gegenspieler vorbei zog.

Die Galerie war versorgt und steuerte zur Unterhaltung ihrerseits die chinesische Form von La Ola bei. Was dann so aussieht: Eine Welle rollt im und eine zweite entgegen dem Uhrzeigersinn durchs Rund – bis sich beide treffen und gegenseitig neutralisieren. Die 53.000 Zuschauer hatten also ihren Spaß. Im Gegensatz zu den internationalen Medienvertretern, deren Anzahl die kühnsten Erwartungen der Organisatoren weit überstieg. Die Pressetribüne war hoffnungslos überfüllt, im Inneren der engen Fußballarena regierte das Chaos.

Untermalt wurde die Veranstaltung auf dem Rasen von einer brasilianischen Mannschaft, die in der ersten Halbzeit dank ihrer technischen Fertigkeiten zwar optisch überlegen war, es in der Pausenstatistik in den Kategorien Torschüsse, Ecken und Freistöße jedoch jeweils auf exakt null Einträge brachte. Die Argentinier waren da schon vor der Pause etwas effizienter: Ihre zwar seltenen Angriffe schlossen sie immerhin meist mit einem Torschussversuch ab.

Erfolgreich spielte das Team von Sergio Batista, Weltmeister von 1986 und heute ein Trainer-Beau mit langen, schwarzen und öligen Haaren, aber erst nach dem Seitenwechsel. Innerhalb von sechs Minuten traf Mittelstürmer Sergio Agüero von Schalkes Champions-League-Gegner Atlético Madrid zum 1:0 (52.) und 2:0 (58.).

Die Selecao wehrte sich nun, kam durch Rafael Sobis (54.) und einen Ronaldinho-Freistoß (65.) zu zwei Pfostentreffern. Dann aber musste die Elf von Carlos Dunga mit ansehen, wie ihr Mitspieler Breno den Doppeltorschützen Agüero ("Für uns war dieses Spiel wie ein Finale – und Brasilien geschlagen zu haben, ist das Allergrößte") etwas tollpatschig über seine Füße stolpern ließ. Kein glasklares Vergehen, auf Strafstoß entschied der uruguayische Referee Martin Vazquez eine Viertelstunde vor Schluss trotzdem. Argentiniens Kapitän Juan Riquelme verwandelte sicher zum deutlich zu hohen Endstand – und Landsmann Maradona konnte sich nun endlich beruhigt auf den Heimweg machen.



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