Sieg über Frankreich Deutschland im WM-Finale

Dramatischer kann ein Handballspiel nicht sein: Im Halbfinal-Krimi setzte sich das deutsche Team nach zwei Verlängerungen gegen Frankreich durch. Riesenjubel bei Mannschaft und Fans - sogar im Bundestag löste der Sieg Tumulte aus.


Köln - Deutschlands Handballer sind nach einem dramatischen Halbfinal-Krimi nur noch einen Sieg vom Gewinn des WM-Titels entfernt. Das Team von Bundestrainer Heiner Brand bezwang in einem packendem Duell Europameister Frankreich nach zweimaliger Verlängerung mit 32:31 (27:27, 21:21, 11:12).

Den entscheidenden Treffer für die deutsche Mannschaft erzielte Markus Baur mit einem Siebenmeter eine gute Minute vor dem Abpfiff. 19.000 Zuschauer in der Kölnarena erlebten die dramatischen Minuten - der Freudentaumel war gigantisch.

"Ich konnte mir noch vor zwei Wochen nicht vorstellen, dass so etwas passieren könnte. Ich habe nach der Schlusssirene einfach nur genossen", sagte Bundestrainer Heiner Brand unmittelbar nach Spielende. "Das Spiel war ein einziges Auf und Ab, ein einziges Hin und Her, ich bin noch gar nicht in der Lage für eine vernünftige Analyse."

"Vielleicht haben wir am Ende ein bisschen mehr Glück gehabt. Der Sieg war aber trotzdem verdient. Mal gucken, wo wir heute noch hingehen", sagte Markus Baur, der von der Siebenmeterlinie aus ohne Fehl und Tadel blieb. "Wir sind im Finale, und das im eigenen Land. Bei diesen Fans will man eigentlich gar nicht mehr aus der Halle gehen", sagte Dominik Klein.

Jetzt trifft der Gastgeber am Sonntag (16.30 Uhr/Liveticker SPIEGEL ONLINE) auf den Sieger des zweiten Halbfinals zwischen dem EM-Dritten Dänemark und Polen heute Abend in Hamburg. Damit steht zum siebten Mal seit 1938 eine deutsche Mannschaft im WM-Finale.

Spielmacher Baur hatte mit seinem Treffer 15 Sekunden vor dem Schlusspfiff das deutsche Team in die erste Verlängerung gerettet - doch auch dann gelang es keinem Team, sich entscheidend abzusetzen. Die Franzosen lagen zwar ständig in Führung, doch Holger Glandorf erzwang 30 Sekunden vor dem Ende der Verlängerung weitere zehn Minuten Spielzeit. Glandorf war mit fünf Treffern gemeinsam mit Baur auch bester Werfer seines Teams. Für die Franzosen traf Daniel Narcisse (8) am besten.

Bundestrainer Brand könnte es nun seinem fußballerischen Vorbild Franz Beckenbauer gleich tun und nach dem Gewinn des Titels als Spieler (1978) auch den WM-Pokal als Trainer holen. Insgesamt wäre es nach dem Goldgewinn von 1938 der dritte WM-Titel für Deutschlands Handballer. Zudem schafft der Weltmeister die direkte Qualifikation für die Olympischen Spiele 2008 in Peking. Zuletzt hatte der Coach mit seiner Mannschaft 2003 in Portugal das WM-Endspiel erreicht, dort aber mit 31:34 gegen Kroatien verloren.

Zwei Tage nach dem Viertelfinal-Erfolg gegen Titelverteidiger Spanien (27:25) entwickelte sich von Beginn an die erwartete Abwehrschlacht. Dabei stand der Mittelblock der Gastgeber mit Oliver Roggisch und Andrej Klimovets, der überraschend für Sebastian Preiß in die Startformation kam, zunächst sehr sicher. Hellwach präsentierte sich auch wieder Keeper Henning Fritz, der allein in der ersten Halbzeit zehn Paraden zeigte.

"Wir haben jetzt zum zweiten Mal gegen Frankreich gewonnen, das ist unglaublich. Ich habe nach den letzten Spielen versucht, mich von einem Superlativ zum nächsten zu retten. Jetzt sage ich nur noch: Ich bin glücklich", sagte Fritz.

Doch nach einer 3:1-Führung (8.) der Deutschen kamen die mit sechs Bundesliga-Legionären angetretenen Franzosen immer besser ins Spiel. Besonders Rückraum-Ass Karabatic fand immer wieder eine Lücke und war mit fünf Treffern maßgeblich an der zwischenzeitlichen Zwei-Tore-Führung (12:10/30.) der Franzosen beteiligt.

Nach dem Wechsel kämpften sich die Deutschen immer wieder heran. Beim Stand von 17:17 (49.) war der Ausgleich erstmals wieder hergestellt, ehe die Gastgeber drei Minuten später durch Glandorf zum 18:17 die Führung eroberten und wieder im Spiel waren. Bundespräsident Köhler war fünf Tage nach dem Hauptrundensieg gegen Frankreich (29:26) schon zur Halbzeit trotz des Rückstandes aus dem Häuschen. "Diese Mannschaft ist einfach toll. Ich kann kaum an mich halten", sagte er.

Der Einzug ins WM-Finale ließ auch den Bundestag nicht unberührt: Wenige Sekunden, nachdem der Erfolg perfekt war, kam unter den verbliebenen Abgeordneten so viel Unruhe auf, dass SPD-Außenpolitiker Gert Weisskirchen seine Rede zum deutsch-russischen Verhältnis kurzzeitig unterbrechen musste.

Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse ließ es sich daraufhin nicht nehmen, das Ergebnis offiziell zu verkünden - was allerdings nicht ohne Patzer ablief. Deutschland habe im Siebenmeterwerfen gewonnen, behauptete Thierse. Erst nach lautstarkem Einspruch besser informierter Abgeordneter ruderte der SPD-Politiker zurück - und verkündete einen Sieg nach der zweiten Verlängerung.

fpf/sid/dpa



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