Silvio Smalun "Oft versagen die Nerven"

Ohne große Erwartungen fährt der Deutsche Eiskunstlaufmeister Silvio Smalun zur am Montag beginnenden EM in Bratislava. SPIEGEL ONLINE sprach mit dem Überraschungsteilnehmer über halsstarrige Funktionäre, Tanja Szewczenko und die Angst vor dem Axel.

Von Hubertus von Hörsten


SPIEGEL ONLINE:

Herr Smalun, die Deutsche Eislauf-Union scheint nicht viel von Ihnen zu halten. Schon vor Ihrer Meisterkür in Oberstdorf bescheinigte Ihnen ein hoher Verbandsfunktionär "Perspektivlosigkeit". Wie fühlt man sich als Loser?

Silvio Smalun: Ich finde es völlig unverständlich, so etwas gerade mir vorzuwerfen. Ich habe ja schon nach dem Pflichtprogramm geführt. Wenn es statt Aufmunterung nur Kritik gibt, ist es doch klar, dass keine grandiosen Leistungen herauskommen können.

SPIEGEL ONLINE: Der Verband ist schuld an der Krise im deutschen Eiskunstlauf?

Smalun: Nein, das ist natürlich nicht der einzige Grund. Aber offensichtlich wurmt es die hohen Herren, dass es hier zu Lande nicht so gut läuft und sie deshalb auch selbst in der Kritik stehen. Die Funktionäre haben jedoch in der Vergangenheit manchmal auch auf die Falschen gesetzt. Zum Beispiel Tanja Szewczenko: Die wurde jahrelang von oben hochgejubelt, und jetzt ist sie weg.

SPIEGEL ONLINE: Dann muss es Sie ja freuen, dass Tanja Szewczenko diese Woche ihre Karriere beendet hat und nun mit einer irischen Stepptanztruppe durch die Lande tingelt.

Silvio Smalun: "Der Axel ist schon so einer"
DPA

Silvio Smalun: "Der Axel ist schon so einer"

Smalun: Überhaupt nicht. Es hatte ja auch Vorteile, als sie noch dabei war. Sobald Tanja auf der Bildfläche erschien, stürzten sich alle Medien auf sie - die anderen konnten sich in Ruhe vorbereiten. Aber ich glaube, bei den meisten Läufern war Tanja nicht sonderlich beliebt. Sie hat sich oft in den Vordergrund gedrängt und manche an der Nase herumgeführt: Tanja war zu Wettkämpfen eingeladen und hat dann plötzlich abgesagt. Das ist nicht gut angekommen.

SPIEGEL ONLINE: Alles andere als erfreut war auch Ihr Konkurrent Andrejs Vlascenko, dass Sie ihm vor zwei Wochen den sicher geglaubten Meistertitel vor der Nase weggeschnappt haben.

Smalun: Andrejs war schon sauer und hat gesagt, er könne die Entscheidung nicht nachvollziehen. Aber wir haben das inzwischen geklärt, und er hat mir auch zum Sieg gratuliert. Es war eine extrem knappe Entscheidung der Preisrichter. Ich habe mir unsere beiden Läufe direkt nacheinander auf Video angeschaut. Andrejs hatte in seiner Kür einen langen, langsamen Teil, in dem wirklich ein bisschen die Action fehlte. Und im künstlerischen Ausdruck, in der letztendlich entscheidenden B-Note, fand ich dann die Entscheidung der Preisrichter zu meinen Gunsten auch in Ordnung.

SPIEGEL ONLINE: Mit Ihren Sprüngen haben Sie bislang nicht für besonderes Aufsehen gesorgt. Wie sieht es mit Vierfachsprüngen aus, die in der internationalen Spitze Pflicht sind?

Silvio Smalun: "Das ist eine reine Kopfsache"
DPA

Silvio Smalun: "Das ist eine reine Kopfsache"

Smalun: Im Training bin ich schon mal den vierfachen Toeloop gesprungen. Aber es stimmt: Wenn es um die Wurst geht, im Wettkampf, versagen mir oft schon bei den dreifachen Sprüngen die Nerven. Körperlich stehe ich der Konkurrenz in nichts nach, das ist eine reine Kopfsache.

SPIEGEL ONLINE: Insbesondere der Axel müsste Ihnen demnach Kopfschmerzen bereiten.

Smalun: Der Axel ist schon so einer, die Umsetzung ist sauschwer. Den muss man aber draufhaben, weil er mittlerweile Standard ist. Beim Toeloop oder Salchow ist es von den Ansätzen einfacher, diese vierfach zu springen - sie verzeihen eher Fehler. Das Blöde am Axel ist: Je mehr Kraft man einsetzt, desto eher geht er daneben.

SPIEGEL ONLINE: Viel Zeit für entscheidende Verbesserungen ist nicht mehr. Am Montag beginnt die EM. Was erwarten Sie von Bratislava?

Smalun: Zuallererst ist es Andrejs und mein Ziel, dass wir gut genug laufen, um Deutschland auch für die nächste EM zwei Startplätze zu sichern. Andrejs traue ich eine Top-Ten-Platzierung zu. Ich würde mich über einen Platz unter den ersten 15 freuen. Gespannt bin ich auch auf die Halle. Ich bin dort schon dreimal gelaufen, die Bedingungen sind extrem. Das Eis ist nach ein paar Läufern brüchig. Hoffentlich haben sie wenigstens eine Heizung installiert. Beim letzten Mal war es saukalt.



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