Turn-Superstar Simone Biles bei den Spielen 2016 Jetzt schon die Größte

Simone Biles erlebt in Rio ihre ersten Olympischen Spiele. Die 19-jährige US-Amerikanerin ist einer der größten Stars in ihrer Heimat - und gilt als die vielleicht beste Turnerin der Geschichte.
Simone Biles am Schwebebalken

Simone Biles am Schwebebalken

Foto: How Hwee Young/ dpa

Es gibt sportliche Leistungen, die muss man sehen, um ihre Besonderheit zu erkennen, egal ob live, vor dem Fernseher oder bei YouTube.

Worte reichen nicht aus, um diesen Sekundenbruchteil richtig zu beschreiben, den Michael Jordan in der Luft zu hängen schien, wenn er zu einem Dunking ansetzte. Diese Leichtigkeit, mit der Michael Phelps durchs Wasser zu gleiten vermag, als könne er selbst seinen Aggregatzustand verändern. Diese Dynamik, die Serena Williams in Normalform für ihre Gegnerinnen nahezu unbezwingbar macht.

US-Superstar Simone Biles

US-Superstar Simone Biles

Foto: Elsa/ Getty Images

Wenn Simone Biles, für die mit ihren 1,45 Metern und 47 Kilogramm der Begriff Energiebündel erfunden worden sein muss, auf den Schwebebalken klettert, dann passiert etwas Ähnliches wie bei den zuvor genannten Superstars. Dann muss man kein Experte fürs Turnen sein, um zu merken, wie besonders diese 19-Jährige ist.

Es reicht, im Schulunterricht mal Bekanntschaft mit dem Gerät gemacht zu haben, fünf Meter lang, zehn Zentimeter breit. Für Laien geht es nur darum, oben zu bleiben. Aber selbst Spitzenturnerinnen scheinen nie diesen Rest an Respekt davor abzulegen, wie schnell man seine Füße oder Hände einen Millimeter falsch platziert, die Balance verliert und die Übung ruiniert.

Für Biles gilt das nicht.

Wer sich ihre Übung bei der Pacific Rim, einem Turnwettkampf von Pazifik-Anrainerstaaten, aus dem April anschaut, sieht nichts als Power, Selbstsicherheit, Talent und Perfektion.

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Turnexperten sprachen anschließend ziemlich einhellig von einer Darbietung für die Ewigkeit, einzig einen Mangel an Eleganz im Vergleich zum Turnstil vergangener Jahrzehnte beklagen Kritiker. Doch im modernen Turnen ist Biles der Maßstab, das wird auch in Rio zu sehen sein.

In den USA schon ein Superstar

Sie ist in den USA jetzt schon ein Mega-Star, ihre Glitzertrikots und das dazu passende Dauerlachen sind ihre Markenzeichen, bei Twitter und Snapchat ist sie dauerpräsent und scherzt nebenbei mit Promis wie Kim Kardashian.

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Das Damen-Turnteam der USA gilt ohnehin als ganz großer Favorit auf Gold. Neben Biles starten die London-Mehrkampf-Goldgewinnerin Gabrielle Douglas, Aly Raisman, die 2012 im Bodenturnen triumphierte, Stufenbarren-Weltmeisterin Madison Kocian und Laurie Hernandez. Auch so schon Weltspitze.

Die große Favoritin in Rio

Die große Favoritin in Rio

Foto: Rebecca Blackwell/ AP

Doch Biles' Leistungen sind noch einmal in einer anderen Dimension. "Alle Mädchen sind sich einig, dass Simone in ihrer eigenen Liga spielt", sagte Raisman dem "New Yorker". Wer Zweite wird, darf sich schon als echte Gewinnerin fühlen.

In London war sie noch zu jung

Sechs Goldmedaillen kann Biles in Rio gewinnen, eine im Mehrkampf mit dem Team, eine im Einzel-Mehrkampf und jeweils eine in den Einzeldisziplinen am Boden, am Stufenbarren, am Pferd und am Schwebebalken. Die Turnwelt erwartet von dem Superstar fünfmal Gold, mindestens. Einzig am Stufenbarren gilt sie als schlagbar. Fragt man sich in Rio durch die Nationen, heißt es immer wieder, Biles sei die wahrscheinlich beste Turnerin der Geschichte - mit 19 Jahren und bisher ohne Olympische Medaille. 2012 war sie ein paar Monate zu jung, um starten zu dürfen.

Seitdem hat sie dreimal in Folge den WM-Titel gewonnen, im vergangenen November überholte sie mit ihrer insgesamt zehnten Goldmedaille Turnlegenden wie Svetlana Khorkina, Gina Gogean und Larisa Latynina. Gewinnt sie in Rio drei Medaillen, hätte sie auch den US-Rekord für die meisten Medaillen insgesamt gebrochen. Und all das innerhalb von drei Jahren, seit sie 2013 fast aus dem Nichts auf Top-Niveau schnellte.

Mit sechs Jahren fing Biles mit Turnen an, mit 14 Jahren schaffte sie es in das US-Nachwuchsteam. Schon seit früher Kindheit war auffällig, wie athletisch Simone Biles ist. Aber lange fehlte ihr ein Gespür dafür, wie sie ihre Kraft in den Griff bekommt. Noch im Frühjahr 2013 machte sie bei einem Turnmeeting so viele Fehler, dass sie aus dem Wettkampf genommen wurde.

Doch Aimee Boorman hat Biles nach und nach geholfen, ihr Talent voll auszuschöpfen. Die 43-Jährige trainiert Biles seit dem Tag vor neun Jahren, als sie das erste mal turnte. Für Biles, die als Zweijährige in ein Pflegeheim kam und später bei ihren Großeltern aufwuchs, weil ihre Mutter alkoholkrank war, wurde Boorman schnell mehr als nur eine Trainerin.

"Ich habe sie immer als eine zweite Mutter gesehen", sagte Biles dem Sender NBC. Natürlich ist sie auch in Rio mit dabei, gemeinsam posierten die beiden im Athletendorf mit den Olympischen Ringen.

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Fotostrecke: Mit Kreuzbandriss zur Bestwertung

Foto: MIKE BLAKE/ REUTERS

"Sie kennt mich inzwischen so gut, dass sie mir schon ansieht wie ich drauf bin, wenn ich in die Halle komme." Das ist allerdings oft einfach, denn Biles strahlt fast immer und redet munter drauf los, selbst kurz vor dem Wettkampf, wenn die Konkurrentinnen vor lauter Konzentration und Anspannung verschlossen vor sich hinstarren.

Nur manchmal habe ihr Schützling andere Sachen im Kopf, Jungs zum Beispiel. Biles sei eben "zu 85 Prozent ein toller Profi und zu 15 Prozent ein Teenage Girl", sagte Boorman dem "New Yorker".

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Foto: ANTHONY BOLANTE/ REUTERS

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Zu Biles Grundaufregung kam in den vergangenen Wochen zumindest laut ihrer Aussagen bei Twitter eine große Vorfreude auf die Spiele und die Eröffnungsfeier. Bei der Show im Maracanã fehlte sie allerdings, der Grund, den NBC meldete, dürfte der Konkurrenz nicht eben Hoffnung machen: Sie wolle sich lieber in Ruhe auf den Wettkampf vorbereiten, als Party zu machen.

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