Ski alpin Abfahrt auf Crash-Kurs

Gerade hat der Ski-Weltcup-Winter angefangen, schon sind zahlreiche Olympia-Favoriten mit schweren Verletzungen ausgefallen. Nach der Sturzserie beginnt ein heftiger Streit über die Ursachen - liegt es an den vor zwei Jahren eingeführten breiteren Skiern?

Olympia-Hoffnung Kucera: Saison mit Schienbeinbruch beendet
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Olympia-Hoffnung Kucera: Saison mit Schienbeinbruch beendet

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Hamburg - Thomas J. Lanning hatte sich für diesen Winter viel vorgenommen. Die Vorsaison war nach einem Sturz in Kitzbühel komplett verkorkst, jetzt sah der US-Amerikaner die Zeit gekommen, wieder anzugreifen. Im Februar wartet schließlich der Saisonhöhepunkt Olympia. Also stürzte sich Lanning zum Auftakt des Winters die Abfahrtsstrecke im kanadischen Lake Louise herunter. An einem Tor erwischte er die Kurve falsch, nahm das halbe Tor mit seinem rechten Ski mit und versuchte, die lästige Torfahne, die an seinem Ski hängengeblieben war, mit einem Schlenker loszuwerden. Dabei geriet er mit seinem rechten Ski kurz auf seinen linken, verlor die Balance, überschlug sich und landete im Fangzaun. Ein alptraumhafter Sturz, Lanning schrie vor Schmerz - alles live im Fernsehen zu sehen und zu hören. Diagnose: Nackenwirbel gebrochen, das linke Knie ausgekugelt.

Ob Lanning jemals wieder Ski fahren kann, weiß niemand. Die Olympia-Saison ist auf jeden Fall für ihn vorbei, bevor sie richtig begonnen hat - wie für Abfahrtsweltmeister John Kucera, wie für die österreichische Ex-Weltmeisterin Nicole Hosp, wie für den italienischen Super-G-Vizeweltmeister Peter Fill, wie für das Schweizer Großtalent Sandra Gini. Eine Sportart frisst ihre Kinder, und bei der Suche nach der Ursache herrscht Uneinigkeit.

"Alle sind sich bewusst, dass diese Bilder dem Sport nicht zuträglich sind", sagt Ralph Eder, der Sprecher des Deutschen Skiverbandes (DSV). Dass die Sportler unter dem Druck einer Olympia-Saison bewusst ein höheres Risiko in Kauf nehmen, glaubt er nicht: "Wir bewegen uns hier ohnehin dauernd im Grenzbereich. Grundsätzlich sind sich die Damen und Herren absolut bewusst, dass sie eine Risikosportart ausüben."

Eine Risikosportart, die offenbar einen Punkt erreicht hat, wo das Risiko unkalkulierbar geworden ist. Die Strecke in Lake Louise gilt als eine der leichteren im Weltcup-Terminkalender, dennoch erwischte es außer Lanning auch Kucera auf der Piste. Der große Hoffnungsträger des Gastgeberlandes für Olympia in Vancouver erlitt einen Bruch des linken Schien- und Wadenbeins. Einen Start in Vancouver kann er vergessen. Den Finnen Marcus Sandell erwischte es in der Vorbereitung noch schlimmer. Nach seinem Trainingssturz im Pitztal musste ihm eine Niere entnommen werden. Erinnerungen an den Horrorsturz des Österreichers Matthias Lanzinger wurden wach. Dem Fahrer musste nach seinem Unfall im März 2008 der Unterschenkel amputiert werden.

Breitere Skier - höheres Risiko?

Eder spricht zurückhaltend von einer "Verkettung unglücklicher Umstände", Österreichs Top-Fahrer Benjamin Raich will das als Erklärung nicht akzeptieren. Für ihn liegt die Ursache klar auf der Hand, beziehungsweise unterm Fuß. Die breiteren Skier, die der Internationale Skiverband Fis vor zwei Jahren eingeführt hatte, sind nach seiner Lesart schuld: "Ich verstehe nicht, dass man nicht kapiert, dass diese Ski gefährlicher sind", wird er im österreichischen "Standard" zitiert.

Die Fis hatte die Ausrüstung 2007 eigentlich verändert, um die Sicherheit der Aktiven zu verbessern. Zudem wurde die Standhöhe auf den Skiern verringert, die Schuhe sind immer leichter und dünner geworden.

All das aber, so Raich, habe die Gefährlichkeit des Sports erhöht. Unterstützung erhält er von der Sportmedizin. Christian Fink, Chirurg an der renommierten Innsbrucker Unfallklinik Hochrum, sagte zu SPIEGEL ONLINE: "Die Rennläufer haben ein gutes Gefühl dafür. Tatsache ist, dass trotz Regeländerungen die Skier noch aggressiver geworden sind." Fink hat zahlreiche österreichische Spitzensportler in seiner Klinik operiert. Zuletzt war Nicole Hosp nach ihrem schweren Sturz in Sölden bei Fink unterm Messer.

Die Verbände sind in ihren Schuldzuweisungen vorsichtiger als Raich. Eder betont, dass die Fis schon bemüht sei, "die Risiken so weit wie möglich zu minimieren". Vor jeder Abfahrt seien mindestens zwei Trainingsläufe vorgeschrieben, und die Trainer "wirken auch mal auf die Fahrer ein, wenn einer zu forsch zur Sache geht". Ansonsten sei der Skisport "aber schon ein Sport mit hoher Eigenverantwortung". Letztlich müsse man, so der DSV-Sprecher, auch sehen, dass "Kreuzbandverletzungen einfach immer schon zum Skifahren dazugehört haben".

DSV-Funktionär Eder bringt ein anderes Thema ins Spiel: "Wir bewegen uns gerade bei der Abfahrt im Spannungsfeld zwischen attraktiven TV-Bildern und dem Risiko, das der Athlet eingeht." Je schneller, je atemberaubender es den Berg heruntergeht, je weiter die Sprünge über die Kanten werden, desto mehr schauen am Fernsehen zu. Eine Entwicklung, die für Eder an ein Ende angekommen ist. Er appelliert denn auch an die Kreativität der Fernsehmacher. "Mittlerweile ist die TV-Übertragungstechnik so ausgefeilt, dass man ein Rennen auch hochattraktiv zeigen kann, ohne das Risiko für die Fahrer zu erhöhen."

Bis dahin geht die Sturzserie weiter. Die erste Bilanz des Trainings von Beaver Creek, wo die Herren am Wochenende gastieren: Kreuzbandriss und Saisonende für das österreichische Top-Talent Max Franz, Sturz und Knieverletzung bei seinem Weltklasse-Landsmann Rainer Schönfelder. Die Strecke von Beaver Creek heißt übrigens "Birds of Prey". Raubvögel.



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wago 04.12.2009
1. Ohne Knautschzone bei 130 km/h
Jeder der sich auf diesen Sport als Profi einläßt, muss wissen, dass er bei einem Fahrfehler seine Gesundheit riskiert. Knieverletzungen sind deshalb an der Tagesordnung. In letzter Zeit mehren sich allerdings auch die Brüche wieder und die Luxationen. Die Schweizerin Lara Gut wird im Artikel nicht erwähnt, die sich eine Hüftluxation im Training zuzog. Wer gesehen hat, wie sich das Knie von Lanning um sich selbst gedreht hat, dem wurde es regelrecht schlecht. Aber wie gesagt, die Leute sind selbst verantwortlich. Lanning galt schon immer als Crash-Pilot. Man sollte auch aufhören können, wenn man merkt, man beherrscht die Geschwindigkeit nicht.
purple 04.12.2009
2. Scheiß Carver
Ich denke, dass ich ein rasanter Skifahrer bin - schätze häufig um die 100 Kmh. Jedenfalls zeigt die Geschwindigkeitsmessung in Ischgl immer > 70 und das empfinde ich als arg langsam. Wie auch immer. Ich fahre Völkl P10 (handgefertigte) Rennski, die ich vor 2 Jahren im Keller eines kleinen Sportgeschäfts aufgetrieben habe. Damit fühle ich mich sicher. Mit Carvern kann man nicht skifahren. Sobald man nicht auf der Kante steht, fliegt man ab. Ich nenne die Leute Schußpflugfahrer - d.h. in relativ hohem Tempo quer auf der Piste. Carver sind für Slalom ok, auch für Riesenslalom - aber dann wirds lebensgefährlich. Deswegen hat man die Abfahrtsstrecken - kann sich noch jemand an die Kamelbuckel erinnern? - in bessere Slalompisten verwandelt - und trotzdem ist es mit Carvern unfahrbar! purple
Gertrud Stamm-Holz 05.12.2009
3. Olympia
Jetzt wird das Thema wegen Olympia aufgegriffen. Die Jahre vorher hat sich kein Mensch für Verletzungen und Risiken interessiert. Der Aufhänger ist natürlich T. J. Lanning mit seinem Horrorcrash. Es geht nicht um die vielen Langzeitverletzten mit ihren Bänderrissen und Meniskusschäden, die aktuell obligatorischen Verletzungen, es geht um die ganz große Sache. Skirennsport wird immer gefährlicher! Genau das tut er nicht. Ob es an den Skiern liegt können nur die Rennfahrer selber beurteilen. Aussenstehende haben darüber schlicht keine Erfahrungen. Immerhin sind diese Umstände (http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_t%C3%B6dlicher_Unf%C3%A4lle_im_Skisport) aus den Nachrichten verschwunden. Nur damit man nicht den Überblick verliert, natürlich.
taiga, 05.12.2009
4. Frage an den Purpurblitz
Zitat von purpleIch denke, dass ich ein rasanter Skifahrer bin - schätze häufig um die 100 Kmh. Jedenfalls zeigt die Geschwindigkeitsmessung in Ischgl immer > 70 und das empfinde ich als arg langsam. Wie auch immer. Ich fahre Völkl P10 (handgefertigte) Rennski, die ich vor 2 Jahren im Keller eines kleinen Sportgeschäfts aufgetrieben habe. Damit fühle ich mich sicher. Mit Carvern kann man nicht skifahren. Sobald man nicht auf der Kante steht, fliegt man ab. Ich nenne die Leute Schußpflugfahrer - d.h. in relativ hohem Tempo quer auf der Piste. Carver sind für Slalom ok, auch für Riesenslalom - aber dann wirds lebensgefährlich. Deswegen hat man die Abfahrtsstrecken - kann sich noch jemand an die Kamelbuckel erinnern? - in bessere Slalompisten verwandelt - und trotzdem ist es mit Carvern unfahrbar! purple
Lieber Sportsfreund, verrate mir mal, wo du deine 100 km/h-Flüge ausleben kannst, ohne andere zu gefährden. In Italien holen sie nämlich die Pistenraudis von der Piste. Oder hast du eine Piste für dich allein gepachtet? Ich bin 58, fahre seit meiner Kindheit, inzwischen dem Alter und den Knochen gemäß angepasst und liebe meine Carver (sanfter Radius), mit denen ich es auch mal duschen (für die Norddeutschen: krachen) lasse. In Lebensgefahr wähne ich mich dabei nicht.
Gertrud Stamm-Holz 05.12.2009
5. und wieder gebe ich einen tietel ein
Zitat von taigaLieber Sportsfreund, verrate mir mal, wo du deine 100 km/h-Flüge ausleben kannst, ohne andere zu gefährden. In Italien holen sie nämlich die Pistenraudis von der Piste. Oder hast du eine Piste für dich allein gepachtet? Ich bin 58, fahre seit meiner Kindheit, inzwischen dem Alter und den Knochen gemäß angepasst und liebe meine Carver (sanfter Radius), mit denen ich es auch mal duschen (für die Norddeutschen: krachen) lasse. In Lebensgefahr wähne ich mich dabei nicht.
Sie haben schon begriffen, dass es sich hier um den Ski-Weltcup dreht und nicht um korrekte Geschwindigkeit auf den Amateurpisten?
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