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22. Januar 2011, 09:48 Uhr

Skisportler bei Rallye Dakar

Eiskalt im Wüstensand

Von Torsten Schwenke

Sand statt Schnee, Reifen statt Bretter: Viele ehemalige Skifahrer haben den Motorsport für sich entdeckt - einige feiern sogar bei der Rallye Dakar überraschende Erfolge. Die Sportarten sind sich näher, als es scheint.

Ausgelaugt, aber glücklich steigt Nasser Al-Attiyah aus seinem staubigen Rennwagen. Der PS-Freak reißt die Arme hoch und ballt die Fäuste. Er hat soeben die Rallye Dakar gewonnen - eines der härtesten Rennen der Welt. Hinter dem Mann aus Katar liegen harte Wochen. Druck ist Al-Attiyah allerdings gewohnt. Er war als Sportschütze 2004 bei den Olympischen Spielen in Athen dabei und erreichte den vierten Platz im Tontaubenschießen.

Damit ist Al-Attiyah nicht der einzige Überläufer ins Rallyegelände. Auch zahlreiche frühere Skiprofis haben den Quereinstieg in den Motorsport gewagt. Ihre Erfahrungen auf Eis und Schnee sind ideale Voraussetzungen, um eine Rallye auf Schotter- und Sandpisten erfolgreich zu überstehen. Skirennläufer besitzen das nötige Fahrgefühl und können instinktiv mit starker Beschleunigung umgehen.

Nach Einschätzung des Sportpsychologen Ralf Brand von der Universität Potsdam ist der Wechsel kein Zufall: "Die psychologischen Anforderungen, beispielsweise beim Abfahrtslauf, sind mit denen einer Rallye zu vergleichen", so Brand. Skifahrer und Motorsportler hätten die besondere Aufgabe, ihre Aufmerksamkeit sehr ausdauernd aufrechterhalten zu müssen. Im Rennen würden die Piloten laut Brand eine Art Tunnelblick nutzen, der "alle aufgaben-irrelevanten Störfaktoren ausblendet und ihr Augenmerk vollends auf das Fahren richtet". Dies sei sehr wichtig, so Brand, denn "bei der kleinsten Unachtsamkeit kann das Rennen bereits vorbei sein".

Luc Alphand ist einer der berühmtesten Wanderer zwischen beiden Welten. Der Franzose feierte bereits in seiner ersten Karriere als Skifahrer zahlreiche Erfolge. Als Seriensieger im Abfahrtslauf gewann er den Gesamtweltcup der alpinen Skifahrer. Der 45-Jährige galt als einer der besten Abfahrer seiner Zeit. Nach der aktiven Wintersportkarriere war Alphand mehrfacher Teilnehmer der Rallye Dakar. 2006 gewann der Quereinsteiger die ruhmreiche Rundfahrt sogar, vier Jahre später musste er seine Karriere wegen einer Wirbelsäulenverletzung allerdings beenden.

Erfolg auf ungewohntem Terrain

Auch Guerlain Chicherit war bereits vor seiner Zeit als Rennfahrer in einer anderen Sparte äußerst erfolgreich. Der Franzose gewann viermal die WM der Ski-Freerider. Seit 2002 sitzt er nebenberuflich als Rallyefahrer im Rennwagen. Übergangsschwierigkeiten gab es dabei nicht. Der 31-Jährige entschied auf Anhieb die französische Rallye-Meisterschaft für sich. Chicherits beste Gesamtplatzierung bei der Dakar war Platz fünf.

Dass der Wechsel vom eisigem Untergrund auf trockene oder geteerte Pisten reibungslos funktionieren kann, belegen auch andere namhafte Beispiele. Die Skisprung-Stars Sven Hannawald und Janne Ahonen betreiben seit Jahren Motorsport. Hannawald fährt im Porsche die Rennserie ADAC GT Masters, Ahonen bändigt in den Sommermonaten einen über 1000 PS starken Dragster.

Warum der Wechsel ins warme Cockpit für frühere Wintersportler so erfolgreich verläuft, erklärt Brand am Beispiel der alpinen Skifahrer. "Ein normaler Mensch empfindet Angst oder Unwohlsein bei starker Beschleunigung. Solche Situationen sind für uns ungewohnt und können Schwindel erzeugen. Ski-Profis macht so etwas nichts aus", sagt Brand. Zudem verfügten erfolgreiche Rennläufer über eine echte Siegermentalität und würden den nötigen Glauben an die eigene Stärke besitzen: "Das Selbstvertrauen eines Weltcupsiegers der alpinen Skifahrt wird nicht so einfach zerrüttet. Es fällt ihm leicht, sich immer wieder neu zu motivieren", so der 39-Jährige.

Egal ob cooler Wintersportler oder hitziger Rennfahrer - den unbedingten Willen, die zähesten Regionen der Erde im Eiltempo zu durchfahren, brauchen sie alle. Dies ist die Grundvoraussetzung, um in einem Rennen wie der Rallye Dakar zu bestehen. Luc Alphand, Guerlain Chicherit und andere haben es bewiesen.

Der Luxus, eine Zieleinfahrt bei der Rallye Dakar als Teilnehmer zu erleben, ist nicht nur für klassische Piloten reserviert. Psychisch sind Skifahrer bestens geeignet, um Torturen dieser Art zu überstehen. Nasser Al-Attayih hat gezeigt, dass aber auch Tontaubenschützen Siegfahrer sein können.

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