Skispringen "Mit Hannawald muss gerechnet werden"

Reinhard Heß, 55, hat die Skispringer Martin Schmitt und Sven Hannawald in die Weltspitze geführt. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE äußert sich der Bundestrainer zur Gratwanderung zwischen Sport und Kommerz sowie den Aussichten für die in dieser Woche beginnende Saison.

Von Andreas Kötter


Reinhard Heß: Anspruch Weltspitzenbereich
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Reinhard Heß: Anspruch Weltspitzenbereich

SPIEGEL ONLINE:

Herr Heß, in der finalen Vorbereitungsphase mussten Sie und Ihre Mannschaft das Trainingslager im hohen finnischen Norden wegen zu milden Wetters abbrechen. Werten Sie das als schlechtes Omen für die am Freitag beginnende Saison?

Reinhard Heß: Es ist in der Tat etwas ungewöhnlich, wenn selbst beinahe auf Höhe des Polarkreises zu dieser Jahreszeit keine winterlichen Verhältnisse anzutreffen sind. Ich möchte zwar nicht gleich von einem schlechten Omen sprechen, uns aber hat das in der Vorbereitung auf die Saison schon recht stark belastet. Unser eigentliches Problem war aber, dass wir eine Großschanze gesucht haben, um das zu überprüfen, was wir uns auf der Normalschanze erarbeiten konnten.

SPIEGEL ONLINE: Mit welchen Erwartungen gehen Sie in die neue Saison?

Heß: Auf Grund der Entwicklung der letzten beiden Jahre herrschen natürlich gewisse Erwartungen in der Öffentlichkeit. Die erbrachten Leistungen waren aber so außergewöhnlich, dass man nicht per se davon ausgehen, dass die Ergebnisse in diesem Winter wiederholt werden. Selbstverständlich haben wir aber den Anspruch im Weltspitzenbereich präsent zu sein. Das halte ich auch für ein legitimes Ziel.

SPIEGEL ONLINE: Wen sehen Sie, der innerhalb der deutschen Mannschaft in die Phalanx Schmitt/Hannawald eindringen könnte ?

Heß: Wir haben ein System, das von Vertrauen und Geduld geprägt ist. Das heißt, dass wir unseren Burschen über Jahre die Möglichkeit gegeben haben, als Talente zu gelten. Jetzt beginnen diese Talente zu reifen. Michael Uhrmann und Frank Löffler könnten diejenigen sein, die Anschluss finden an die Leistungen von Schmitt und Hannawald.

SPIEGEL ONLINE: In der letzten Saison, vor dem Comeback von Sven Hannawald, hatten auch Sie selbst Sorge, dass die Schere zwischen Martin Schmitt und dem Rest der Mannschaft immer weiter auseinander klaffen könnte. Es soll Spannungen innerhalb der Mannschaft gegeben haben.

Heß: Es ist nicht ganz so krass gewesen, wie Sie das gerade formuliert haben. Man kann aber auch nicht verhehlen, dass in unserer modernen Medien- und Kommerz-Gesellschaft das jeweilige Produkt natürlich nach Leistung honoriert wird. Meine Aufgabe ist es, immer wieder klarzumachen, dass die Mannschaft im Mittelpunkt steht. Zwar sind wir eine Individualsportart, aber der Athlet, der in ein Loch fällt, merkt schnell, wie wichtig der Mannschaftsverbund ist.

Skiflugweltmeister 2000: Sven Hannawald
AP

Skiflugweltmeister 2000: Sven Hannawald

SPIEGEL ONLINE: Sie haben die Kommerzialisierung angesprochen. RTL wollte Skifliegen zur "Formel 1 des Winters" machen. Hat der TV-Sender sein Ziel erreicht?

Heß: Ich mag dieses Wort von der "Formel 1 des Winters" eigentlich gar nicht hören. Ich bin zwar nicht böse, dass wir eine gewisse Entwicklung durchgemacht haben, heraus aus dem Dasein einer Randsportart in die Mittelpunkt des öffentlichen Interesses, aber natürlich hat diese Medaille auch zwei Seiten. Ich denke, dass RTL zunächst ein wenig überzogen hat, man kann das Skispringen nicht neu erfinden. Die verantwortlichen Herren haben das schnell erkannt und sich etwas zurückgenommen.

SPIEGEL ONLINE: Wie gelingt die Gratwanderung zwischen zunehmender Kommerzialisierung und Sport?

Heß: Es gibt ein Grundprinzip, an dem sich nichts geändert hat: Der Athlet muss seine Hausaufgaben ordentlich erledigen, will er auch Leistung bringen. Denn ohne Leistung ist dieser Sport für die Öffentlichkeit nicht interessant. Nur die Persönlichkeit und die Ausstrahlung der jungen Burschen werden nicht reichen, wenn sie nur auf der dritten Seite der Ergebnisliste stehen. Natürlich gehört die Medienarbeit heute dazu, und wir machen diese Arbeit gut. Wenn aber überzogen wird, muss ich die Schraube etwas anziehen.

SPIEGEL ONLINE: Der Druck auf die Athleten scheint groß zu sein. Sven Hannawald hat sich an die Grenze zur Magersucht hungert.

Heß: Ich kann Ihre Meinung zu Sven Hannawalds vermeintlicher Krankheit nicht bestätigen.

SPIEGEL ONLINE: Dann klären Sie uns doch bitte auf.

Heß: Das Thema geistert schon seit beinahe zwei Jahren durch die Medien, aber es hat diese Krankheit nicht gegeben. Ich schließe allerdings nicht aus, dass das Skispringen zuletzt in den Verdacht geraten ist, Dinge zu provozieren, die in diese Richtung gehen könnten. Deshalb gibt es Bestrebungen im Weltverband Fis und im Deutschen Skiverband, eine Gewichtsreglementierung durchzusetzen, damit die Springer nicht immer noch leichter werden. Was Sven betrifft, war die mangelnde Regenerationszeit der Auslöser. Sven selbst hat es sehr spät erkannt und hat auch gewisse Ratschläge nicht angenommen, so dass wir entscheiden mussten: "Jetzt ist Pause angesagt!" Die Probleme sind ausgeräumt, mit Sven Hannawald muss wieder gerechnet werden.

SPIEGEL ONLINE: Weil der TV-Vertrag durchführungsabhängig ist, kostet es viel Geld, wenn ein Springen ausfällt. Hat man da in der letzten Saison - wie etwa im norwegischen Vikersund, als es zu chaotischen Verhältnissen kam - nicht doch zugunsten einer reibungslosen Übertragung die Gesundheit der Springer aufs Spiel gesetzt?

Heß: Wir sind eine Risiko-Disziplin, und wenn auch alles getan wird, dieses Risiko zu minimieren, ganz ausschließen kann man es nicht. In Vikersund allerdings wurde eine Grenze überschritten, was mir auch sehr weh getan hat. Allerdings kann ich nicht bestätigen, dass das von RTL provoziert wurde. Schließlich gibt es mit der Fis und dem örtlichen Veranstalter zwei weitere Kräfte, die entscheidend sind.

SPIEGEL ONLINE: Wie stehen Sie der Entwicklung gegenüber, die demnächst vielleicht 250-Meter-Sprünge möglich macht?

Heß: Natürlich ist diese Entwicklung abhängig von der Schanzengröße und von einer modernen Schanzengestaltung. Ich möchte aber noch einmal davor warnen, die Schraube zu überdrehen. Die Schanze ist die eine Seite, die andere ist der Athlet und sein Material. Hier sehe ich Grenzen und befürchte, dass das Material den zunehmenden Druckverhältnissen irgendwann nicht mehr stand hält. Man kann nicht alles im Vorfeld in der Theorie abklären, die Praxis beweist immer wieder genau das Gegenteil. Also muss man irgendwann mit Rücksicht auf die Athleten auch akzeptieren: "Bis hierhin und nicht weiter!"



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