Snooker in Deutschland Kick mit dem Queue

Hunderttausende vor den Fernsehern, Aufnahmestopps in den Vereinen: Snooker boomt in Deutschland. Noch hat der Sport zwar nicht die Popularität wie in England, aber das könnte sich bald ändern. Zwei deutsche Talente wollen es sogar auf die Profi-Tour schaffen.

Von Rüdiger Voßberg


Snookerwart Hein: "Dann haben wir hier britische Verhältnisse"
BillardTalk

Snookerwart Hein: "Dann haben wir hier britische Verhältnisse"

Es ist nicht bekannt, ob auch Quizmaster Günther Jauch mittlerweile Snooker-Fan ist. Aber die Frage, wie viele Spieler die Sportart in Deutschland aktiv betreiben, würde bei "Wer wird Millionär?" wohl erst gestellt werden, wenn es um ganz viel Geld geht. Sie ist einfach zu schwer. A) 450, B) 4500, C) 45.000 oder D) 450.000? Nur Thomas Hein hat da leichtes Spiel: "B, 4500 aktive Spieler in 550 Vereinen, dazu kommen noch einmal etwa 8000 nicht organisierte Spieler", sagt der Snooker-Wart und Vizepräsident der Deutschen Billard-Union DBU. Hein ist Co-Kommentator bei Eurosport, war zweimal Deutscher Snooker-Meister und hat schon mal 138 Punkte am Stück gemacht. Hein ist der Mann für Snooker in Deutschland.

600.000 deutsche Zuschauer verfolgten in den vergangenen drei Wochen die WM auf Eurosport. Litten mit den Virtuosen an den bunten Bällen, blieben selbst zu nachtschlafender Zeit auf. Von einem neuen Volkssport kann man jedoch noch lange nicht sprechen, denn das Verhältnis von Zuschauern und Aktiven steht noch in einem deutlichen Missverhältnis.

In Großbritannien saßen 1985 mehr als 18 Millionen Menschen vor dem Fernseher, als Dennis Taylor das legendäre "Black Ball Final" gegen Steve Davis mit dem letzten aller möglichen Bälle für sich entschied und Weltmeister wurde. Nie wieder haben so viele Menschen bei einer Sportübertragung in Großbritannien vor dem Bildschirm mitgezittert. Noch bemerkenswerter: Etwa ein Drittel von ihnen sucht auch selbst den Kick mit dem Queue.

Deutscher Meister Kaufbeuren

In Deutschland sind solche Zahlen Utopie. Noch. Denn mittlerweile müssen Vereine Aufnahmestopps erlassen, so groß ist der Andrang. Die Zahl der aktiven Snooker-Spieler ist in den vergangenen 18 Monaten um rund 250 Prozent gestiegen. "Wenn das so weiter geht, haben wir in elf Jahren britische Verhältnisse", sagt Hein. Den Zuwachs erklärt sich Hein mit den tagelangen TV-Übertragungen und nicht zuletzt auch mit seiner eigenen Website (www.snookermania.de), die selbst Eurosport-Kommentator Rolf Kalb als Fundgrube nutzt. Bis zu 15 Stunden in der Woche verbringt Hein damit, seinen Internetdienst auf dem Laufenden zu halten. Geld verdienen kann und will er damit nicht.

Als Bundesliga-Spieler übrigens auch nicht. "Man kann in Deutschland mit Snooker nur als Trainer oder Clubeigner sein Geschäft machen", sagt Hein, der mit seinen Barmer Billard Freunden aus Wuppertal am vergangenen Wochenende noch kurz vor der Ziellinie von Kaufbeuren abgefangen wurde. Die Bayern sicherten sich somit am allerletzten Spieltag doch noch den Titel, punktgleich vor Heins Männern. Dritter wurde der BSV Berlin. Insgesamt spielen acht Mannschaften in der ersten Liga.

Knifflige Situation auf dem Tisch: Snooker ist eine Männerdomäne
Christian Ruppert

Knifflige Situation auf dem Tisch: Snooker ist eine Männerdomäne

Eine Frauenliga gibt es nicht - Snooker ist eine Männerdomäne. Nur etwa hundert Frauen haben sich in Deutschland als aktive Spielerinnen registrieren lassen. "Die meisten Frauen hören wieder auf, wenn sie nur mit Männern spielen müssen", erklärt Hein. Deshalb organisiert die DBU auch Turniere nur für Spielerinnen: die Grand Prix Serie für Damen. Die Regelung, dass den Frauen zu Beginn eines Matches gegen einen männlichen Konkurrenten 20 Punkte Vorsprung gewährt werden, gibt es nur bei "privatwirtschaftlichen Turnieren", sagt Hein. Ansonsten beginnen Mann und Frau bei Null.

Zwei Deutsche im Drillcamp

Lasse Münstermann, 26, und Patrick Einsle, der vor kurzem gerade 18 geworden ist, wollen den Amateurbereich dagegen verlassen und sind nach England ausgewandert, um Profi zu werden. Die beiden größten deutschen Talente haben sich in der legendären Snooker-Akademie von Rushden einquartiert, um dort von Ex-Weltmeistern wie Peter Ebdon oder Ken Doherty zu lernen. Kein billiger Spaß: Für Logis und Trainingsstunden mit den Profis bezahlt jeder etwa 12.000 Britische Pfund (rund 17.500 Euro) pro Jahr, Verpflegung und Spesen für Reisekosten oder Startgelder nicht eingerechnet. "Mit etwa 40.000 Euro pro Saison muss man rechnen", erklärt Hein.

Die Formalitäten einer Profikarriere beginnen mit der Anmeldung beim Weltverband für Snooker, der World Snooker Association (WSA). Der Mitgliedsbeitrag liegt aktuell bei 400 Britischen Pfund (etwa 590 Euro) jährlich. Aber damit ist noch nichts gewonnen. Dieser Ausweis berechtigt den Inhaber lediglich, an den Spielen der sogenannten "Open Tour" teilzunehmen. Pro Saison sind das nur acht Turniere. Wer es schafft, am Ende der Serie zu den besten Acht zu zählen, hat einen Platz auf der Profi-Tour (Main Tour) ergattert. Dort, wo sich die Ikonen wie Ronnie O'Sullivan, Stephen Hendry oder Paul Hunter tummeln. Ob man auch gegen sie spielen darf, hängt wiederum von der eigenen Qualifikation ab.

Snooker-Star Hunter: Lehrmeister für die Deutschen
Christian Ruppert

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Denn bei einem Turnier der Main Tour, wie zum Beispiel den British Open, sind immer nur die ersten 16 der Weltrangliste automatisch gesetzt. Die Kandidaten der Plätze 17 bis 32 spielen gegen die ersten 16 der jeweiligen Qualifikationsrunden. Das wiederum können alle Spieler der Weltranglistenplätze 33 bis 96 sein. Sogenannte Wildcards erhalten außerdem die Welt- und Europameister aus dem Amateurbereich, gleiches gilt für den U21-Weltmeister sowie den U19-Europameister. "Ein Zugeständnis der WSA an die Amateurverbände", sagt Hein. Wer also nicht unter die ersten Acht der Open Tour gelangt, muss einen dieser Titel gewinnen, um auf der Main Tour starten zu können. Die beiden Deutschen arbeiten hart daran.

Patrick Einsle hat auch schon unter Wettkampfbedingungen nur knapp mit 4:5 gegen den Weltmeister von 2002, Peter Ebdon, sowie gegen den Iren Ken Doherty verloren. Das spielerische Potenzial von Einsle und Münstermann schätzt DBU-Snooker-Wart Hein auf "mindestens Weltranglistenplatz 50" ein. Schafft es einer von ihnen, könnte es der Beliebtheit von Snooker in Deutschland einen ähnlichen Schub geben wie in China. Im Finale der China Open besiegte kürzlich der gerade 18-Jährige Jungstar Ding Junhui überraschend den siebenmaligen Weltmeister Stephen Hendry.

Am Fernseher schauten übrigens 100 Millionen Chinesen zu.



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