Snooker Weltmeister ohne Namen

Shaun Murphy ist gerade mal 22, aber seit gestern Snooker-Weltmeister. Der Qualifikant, den niemand auf der Rechnung hatte, spielte bei der WM die Weltelite in Grund und Boden. Sein Triumph brachte Murphy in die Geschichtsbücher des Sports - und seinem Finalgegner ein schauerliches Déjà-vu.

Von Rüdiger Voßberg


Sheffield - Der junge Mann mit den roten Wangen lächelt schüchtern in die Kameras. In der rechten Hand hält er einen Pokal, in der linken eine Flasche edlen Schampus. Er wirkt in diesem Moment, als könne er selbst nicht glauben, was gerade passiert ist. Shaun Murphy ist Snookerprofi, und vor wenigen Minuten hat der 22-Jährige den WM-Titel gewonnen, in einem dramatischen Finale gegen seinen walisischen Kontrahenten Matthew Stevens. 18:16, denkbar knapp ging das Spiel aus, doch am Ende stand der Triumph des krassen Außenseiters, der mit seinem frechen Spiel die versammelte Weltelite überrascht hatte.

Ebenso frech hatte Murphy nach seinem Erfolg den Siegerscheck in Höhe von 250.000 Britischen Pfund (etwa 366.000 Euro) einfach geknickt und in seine Tasche gesteckt. Auch wenn ihm das viele Geld eigentlich gar nicht egal war. "Na klar denke ich auch an das Preisgeld", sagte Murphy. Er wünsche sich nämlich nichts sehnlicher als einen Mercedes Benz. Dann tat der Qualifikant noch kund, dass er vom Restgeld die Hochzeitsreise mit seiner Verlobten Claire bezahlen wolle.

Ein Sieg für die Geschichtsbücher

Mit einer Quote von 150:1 notierten die Buchmacher den Namen Shaun Murphy zu Beginn des Turniers auf ihre Wettzettel. Doch von der ersten Runde an erstaunte er die Fachwelt mit seinem furchtlosen und aggressiven Spiel - die Sympathie des Publikums war dem Lokalmatador eh sicher. Auf seinem Weg ins Finale besiegte Murphy drei Ex-Weltmeister: John Higgins, Peter Ebdon und Gentleman Steve Davis. Der 47-Jährige spielte in seiner Karriere 26 Mal bei Weltmeisterschaften und holte sechs Titel, den ersten 1981. Da war Murphy noch gar nicht geboren. Mit zwölf trat Murphy dann bei Schauturnieren selbst gegen Davis an, bevor er mit 15 Jahren Profi wurde.

Sieben Jahre später hat der neue Weltmeister Geschichte geschrieben. Nach 26 Jahren stand erstmals wieder ein Qualifikant im Finale der Snooker-WM. Nur drei andere Spieler schafften so ein "Wunder von Sheffield" und hatten als Qualifikant das Endspiel erreicht: Cliff Thorburn im Jahr 1977, Perry Mans 1978 und Terry Griffiths 1979. Griffiths wurde sogar Weltmeister. Murphy tat es ihm gestern Nacht gleich, als zweitjüngster Champion aller Zeiten. Nur der Schotte Stephen Hendry war 1990 mit 21 Jahren noch jünger. Sogar seine Nervosität konnte den Jungstar nicht aufhalten. Vor dem letzten Spielabschnitt beim Halbfinalsieg gegen Peter Ebdon war Murphy so aufgeregt, dass er weder frühstückte noch zu Mittag aß. Mit leerem Magen spielte es sich wohl sogar leichter.

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Die Besessenen unter den fünf Millionen registrierten Snookerspielern im Vereinigten Königreich werden ihn nun vergöttern; alle anderen verneigen sich zumindest vor Hochachtung. Denn das bizarre Spiel mit den 22 bunten Bällen ist im Inselreich fast so populär wie der Fußball. Und was für den Kickerprofi der heilige Rasen von Wembley war, ist für die Snooker-Elite das heilige Tuch von Sheffield. Vor zwei Jahren hämmerten die Abrissbirnen den Fußballmythos von London in Schutt und Asche, die Snookerstätte in Sheffield - eine zeitlang ebenfalls von der Schließung bedroht - hingegen soll nun gar ausgebaut werden. Und das, obwohl Veranstalter und Spieler seit Jahren klagen, das Crucible platze aus allen Nähten. Zudem sei die Tribüne mit nur knapp 1000 Sitzplätzen viel zu klein, und die engen Räume hinter der Bühne genügten nicht mehr den Ansprüchen eines hoch dotierten Snookerprofis.

O'Sullivan will Pause machen

Ob dagegen Ronnie O'Sullivan im kommenden Jahr wieder einen Auftritt im Crucible Theatre haben wird, steht in den Sternen. Der Ex-Weltmeister, Nummer 1 der Rangliste und als Enfant Terrible des Sports geliebt und gefürchtet zugleich, will sich eine Auszeit nehmen. "Ich werde nächstes Jahr wohl nicht spielen", erklärte "The Rocket" nach seiner Niederlage im Viertelfinale gegen Peter Ebdon. Es sei keine spontane und unüberlegte Eingebung, er habe schon länger mit dem Gedanken gespielt, den Queue aus der Hand zu legen. Für immer? Seine Entscheidung soll jedenfalls zu 90 Prozent feststehen. O'Sullivans Mentor Ray Reardon bestätigte im BBC Radio zwar die Auszeit seines Schützlings, glaubt aber, dass er nicht länger als sechs Monate dem Snookertisch fernbleiben wird.

Vielleicht nutzt er die Zeit, um ein zweites Buch zu schreiben; in seinem Erstlingswerk "Ronnie" hatte sich der 29-jährige Engländer seinen Kummer auf 241 Seiten von der Seele geschrieben: Vater Ron wurde wegen Mordes zu 18 Jahren Haft verurteilt, Mutter Maria saß wegen Steuerhinterziehung ein Jahr im Knast und auch O'Sullivan selbst war allzu oft von der Rolle. Genügend Stoff, um vor zwei Jahren die englischen Zeitungen zu füllen. Und heute? "Snooker bereitet mir nicht mehr so viel Freude wie früher", erklärte der entthronte Titelverteidiger. Er könne sich sogar vorstellen, ganz mit dem Profisnooker zu brechen. "Und wenn ich mich von der Szene verabschiede, bleibt für alle, die mich in der Vergangenheit unterstützt haben, ein Platz in meinem Herzen".

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Doch während der bestimmende Spieler der vergangenen Jahre ernsthaft eine Pause erwägt, hat der neue Weltmeister ein kleines Problem: Ihm fehlt im Gegensatz zur Weltelite noch ein Spitzname. Erste Vorschläge werden schon gemacht. "Magic Murphy", "Mighty Murphy" und "Marvellous Murphy" stehen in der engeren Auswahl. Oder gar "Shaun, der Scherer von Sheffield"? Schließlich hatte er den "Walisischen Drachen" Matthew Stevens im Finale halbiert - und an einem weiteren Kapitel von dessen Leidensgeschichte mitgeschrieben.

"Ich habe es satt, gut zu spielen und trotzdem das Halbfinale oder das Endspiel zu verlieren", hatte der 27-jährige nach seinem deutlichen Sieg gegen Andy Hicks in der ersten Runde noch kämpferisch verkündet. Doch stattdessen wurde das WM-Finale zum schauerlichen Déjà-vu-Erlebnis für den Weltranglisten-Sechsten. Im Jahr 2000 spielte Stevens sein letztes Finale gegen Mark Williams, und verlor ebenfalls mit 16:18. Dabei hatte er schon mit 10:6 und 13:7 geführt.

Trösten konnte sich Stevens gestern immerhin mit einem Scheck über 125.000 Britische Pfund (etwa 183.000 Euro). Und im Gegensatz zu seinem siegreichen Kontrahenten ließ der Waliser das wertvolle Papier auch ungeknickt.



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