Sommerspiele Der Kampf um die Olympische Flamme

Tibets Schatten liegt über Olympia. Als an der antiken Stätte das Olympische Feuer entfacht wird, kommt es zu einem Zwischenfall. Demonstranten stören die Zeremonie - und fordern einen Boykott. Doch die Funktionäre sind sich einig: Die Spiele in Peking müssen stattfinden.
Von Gerd Höhler

Athen - Diese Bilder sollte die Welt nicht sehen: Als der Pekinger Olympiachef Liu Qi im antiken Stadion von Olympia zu einer staatstragenden Rede anhebt, stürmen plötzlich drei Demonstranten auf ihn zu. Nach einer Schrecksekunde schwenken die Kameraleute des griechischen Staatsfernsehens NET rasch ab. Die Regie im Übertragungswagen blendet idyllische Bilder blühender Mandelbäume und antiker Ruinen ein.

Protest in Olympia: Reporter ohne Grenzen fordern einen Boykott der Spiele

Protest in Olympia: Reporter ohne Grenzen fordern einen Boykott der Spiele

Foto: REUTERS

Derweil versuchen herbeigeeilte Polizisten, die Protestierer zu überwältigen. Während hinter ihm ein heftiges Handgemenge tobt, trägt Lui Qi mit schriller Stimme sein Redemanuskript vor: "Die Olympische Flamme wird Licht und Freude, Friede und Freundschaft sowie Hoffnung und Träume über das chinesische Volk und die ganze Welt bringen."

Was das griechische Fernsehen nicht zeigen will, erhaschen immerhin einige Pressefotografen: das schwarze Spruchband der Demonstranten. Auf ihm sind die Olympischen Ringe zu sehen - in Form von Handschellen. Darunter steht: "Boykottiert das Land, das die Menschenrechte mit Füßen tritt."

Schließlich gewinnen die Polizisten die Oberhand. Die Männer werden abgeführt. Sie geben sich als Mitglieder der Organisation "Reporter ohne Grenzen" (RSF) zu erkennen. Unter ihnen ist der Vorsitzende der Organisation, Robert Menard, und ein 48-jähriger Tibeter.

Menschenrechte seien noch heiliger als das Olympische Feuer, begründet RSF an seinem Sitz in Paris den Protest. "Wir lassen nicht zu, dass die chinesische Regierung nach der Olympischen Flamme - einem Symbol des Friedens - greift, ohne die dramatische Lage der Menschenrechte in dem Land anzuprangern", heißt es in der Erklärung.

Störrischer Sonnengott

RSF kritisiert außerdem, dass China keine ausländischen Journalisten nach Tibet reisen lasse. "Die Unterdrückung der tibetischen Proteste spielt sich hinter verschlossenen Türen ab", heißt es. Am heutigen Montag ist erneut ein Reporter der Nachrichtenagentur AFP daran gehindert worden, die Stadt Kangding in der westchinesischen Provinz Sichuan zu verlassen, um in die von Unruhen betroffenen Gebiete nahe Tibet zu reisen.

Mit versteinerten Mienen verfolgen die griechische Politprominenz, darunter Staatspräsident Karolos Papoulias und Regierungschef Kostas Karamanlis, die Funktionäre des IOC und die aus China angereiste Delegation das Schauspiel. Viele chinesische Touristen, die die Zeremonie vom Rand des Stadions verfolgen, halten die Szene mit Videokameras fest.

Das sollte nicht der einzige bange Moment bleiben. Auch die Sonne, an deren Strahlen das Olympische Feuer im Heiligen Hain von Olympia traditionell entzündet wird, scheint nicht mitspielen zu wollen. "Oh Apollon, Gott der Sonne", fleht die als "Hohe Priesterin" agierende Schauspielerin Maria Nafpliotou zwar: "Sende deine Strahlen und wärme unsere Herzen!"

Aber der Sonnengott gibt sich störrisch. Schwach nur scheint das Zentralgestirn durch den wolkenverhangenen Himmel über dem antiken Olympia. Lange hält Nafpliotou die silberne Fackel vergeblich in den Hohlspiegel, der die Sonnenstrahlen einfangen und in einem Brennglas bündeln soll. Schon scheint es, als müsse man auf das "Ersatzfeuer" zurückgreifen, das Tags zuvor bei der Generalprobe planmäßig entzündet wurde und nun in einer Schale brennt. Doch dann reißen die Wolken für einen Moment auf, die Sonne bricht sich Bahn, und die Flamme an der Spitze der Fackel lodert doch noch: Aufatmen.

"Katalysator für den Wandel"

Während die Olympische Flamme nun zunächst auf eine siebentätige Reise durch Griechenland geht, bereiten sich die griechischen Organisatoren auf die nächste Zitterpartie vor: die offizielle Übergabe des Feuers an die Chinesen. Sie soll am Sonntag im alten Athener Olympiastadion stattfinden, wo 1896 die ersten Spiele der Neuzeit ausgetragen wurden. Nach dem Zwischenfall bei der Zeremonie in Olympia werden jetzt die Sicherheitsvorkehrungen für die Übergabe noch einmal verschärft. Von Athen aus soll die Flamme zu ihrer 137.000 Kilometer langen "Reise der Harmonie" rund um die Welt starten. Wie harmonisch sie verläuft, bleibt angesichts der bereits angekündigten Proteste aber abzuwarten.

Außerhalb der drei Kilometer messenden Bannmeile im antiken Olympia und parallel zur offiziellen Feier entzündeten Tibet-Aktivisten ihre eigene Olympische Flamme. Ihr Protest verlief friedlich. IOC-Präsident Jaques Rogge spielte auf die Unruhen in Tibet an, als er in seiner kurzen Rede während der offiziellen Zeremonie auf die Idee der Olympischen Waffenruhe zu sprechen kam und mahnte: "Die Spiele müssen in einer friedlichen Atmosphäre stattfinden." Die Ereignisse in Tibet seien "Anlass für große Sorge beim IOC", hatte Rogge bereits vor der Zeremonie erklärt. Die Olympischen Spiele seien "eine Macht des Guten" und ein "Katalysator für den Wandel", meinte Rogge. Sie seien aber "kein Allheilmittel gegen alle Krankheiten".

Damit scheint klar: massiver Druck des IOC auf die Chinesen ist nicht zu erwarten. Es dürfte bei wohlmeinenden Appellen bleiben - "the games must go on". Anzeichen für eine Boykottbewegung sehe er nicht, sagte Rogge. Und wohl erst recht keinen Anlass.

Fackelflug im Airbus

1936 fand der erste Olympische Fackellauf statt. Über eine Entfernung von 3187 Kilometern trugen damals 3331 Läufer die Flamme von Olympia nach Berlin. Der jetzige Fackellauf führt über 137.000 Kilometer, allein 40.000 davon in China. Beteiligt sind 21.880 Läufer. Allerdings absolvieren sie nur einen kleinen Teil der Strecke, nämlich etwa 4200 Kilometer. Den größten Teil ihrer Reise wird die Flamme an Bord eines eigens gecharterten Airbus A330 der Air China zurücklegen.

Zunächst geht es sieben Tage durch Griechenland. Dann beginnt von Peking aus die Reise durch fünf Kontinente und 20 Länder - Deutschland ist nicht dabei. Allerdings waren unter den Fackelläufern des ersten Tages bereits drei Deutsche: Hockey-Olympiasiegerin Nadine Ernsting-Krienke, Fußballtrainer Felix Magath und der frühere Formel-1-Pilot Hans-Joachim Stuck.

Einer der umstrittenen Höhepunkte des Fackellaufs liegt 8848 Meter über dem Meeresspiegel: ein Bergsteigerteam soll die Flamme in einer sturmsicheren Speziallampe auf den höchsten Punkt der Erde bringen, den Gipfel des Mount Everest. Vor allem diese Etappe empört viele Tibeter. Denn der Weg auf den Gipfel des Berges führt durch ihre Heimat.

mit Material von AFP

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