Spiel um Platz fünf Vom Torrausch an den Tresen

Versöhnlicher Abschluss: Die deutschen Handballer haben die WM in Kroatien durch einen Sieg gegen Ungarn als Fünfter beendet. Überragender Spieler im Team von Bundestrainer Heiner Brand war Lars Kaufmann, der vom Ausfall eines Stammspielers profitierte.

Aus Zagreb berichtet


Die Umarmung war erdrückend. Als Lars Kaufmann knapp eineinhalb Minuten vor dem Ende Martin Strobel in seine Arme schloss, musste man sich ein wenig Sorgen um den schmächtigen Spielmacher der deutschen Handballnationalmannschaft machen. Strobel hatte gerade das 28:24 gegen Ungarn erzielt, mustergültig vorbereitet von Kaufmann, der zu einem Freiwurf hoch stieg, antäuschte und ablegte. Obwohl der vorletzte Treffer in dem Spiel um den fünften Platz, das Deutschland am Ende 28:25 (16:13) gewann, eigentlich bedeutungslos war, freute sich Kaufmann riesig über die gelungene Aktion. Und darüber, dass es bei weitem nicht die einzige Szene in diesem Spiel war, in der sich Kaufmann sich nach einem wahren Torrausch feiern lassen durfte. Der Lemgoer, der auf der halblinken Rückraumposition hinter dem Hamburger Pascal Hens meist nur zu Kurzeinsätzen kommt, spielte gegen Ungarn überragend. Sprungwürfe, Schlagwürfe, Kreisanspiele, Abwehrblöcke - dem 26-Jährigen gelang einfach alles. Teilweise musste Bundestrainer Brand ihn von außen sogar ermahnen, sein Glück nicht auch noch mit einem Standwurf aus 13 Metern Torentfernung zu suchen. Am Ende hatte Kaufmann acht seiner 13 Versuche im Tor der Ungarn untergebracht und war damit zugleich bester deutscher Torschütze und der Mann des Spiels.

"Wir wollten heute noch mal allen zeigen, dass wir es können", sagte Kaufmann, der durch Hens' Oberschenkelverletzung von Beginn an spielte und sofort Verantwortung übernahm. "Wenn die ersten Bälle drin sind, merkt man, dass man einen Lauf hat", sagte der Weltmeister von 2007. Der Mann, der ein wenig so aussieht, als würde er sich die Haare mit einem Flugzeug-Triebwerk fönen, will diesen Höhenflug und den daraus resultierenden Schwung jetzt mit in die Bundesliga nehmen. Zur kommenden Saison wird Kaufmann das Trikot von Frisch Auf Göppingen tragen.

Einer, der sich wenig überrascht von der Leistungsexplosion zeigte, war Silvio Heinevetter. Der Torhüter, der am Donnerstag in der zweiten Hälfte durchspielte und dabei erneut eine starke Leistung zeigte, teilt sich ein Zimmer mit Kaufmann. "Ich habe dem Lars gestern gesagt, dass er heute rocken wird", sagte Heinevetter und verwies auf "seherische Fähigkeiten". Auch der Bundestrainer lobte Kaufmann: "Die spielerische Konstanz über 45 Minuten mit diesem Rückraum war schon beeindruckend."

Neben Hens musste Brand den grippekranken Kreisläufer Sebastian Preiß ersetzen. Auch dessen Vertreter Jens Tiedtke machte seine Sache hervorragend und brachte 86 Prozent seiner Versuche (6 von 7) im gegnerischen Tor unter. Überhaupt zeigte die "B-Sieben", dass mit ihr in der Zukunft zu rechnen ist.

Einer der Nachwuchsspieler erwischte einen umwerfenden Einstand: Sven-Sören Christophersen, mit 122 Treffern auf Rang vier der Bundesliga-Torschützenliste, wurde gegen Ungarn erstmals in den WM-Kader berufen. Kurz nachdem der Rückraumspieler der HSG Wetzlar zum ersten Mal den Platz betreten hatte, streckte Christophersen seinen Mannschaftskollegen Tiedtke mit einem Wurf an den Kopf nieder. Auch im weiteren Verlauf hatte der 23-Jährige Pech: Keiner seiner vier Versuche führte zum Torerfolg.

Brand war am Ende trotzdem zufrieden mit dem Auftritt der Nachwuchsspieler: "Ich freue mich für die Mannschaft, die heute das fortgeführt hat, was wir während der WM begonnen haben." Damit spielte der 58-Jährige auf die von ihm forcierte Verjüngung des Teams an. Heinevetter brachte dann die Gefühlslage stellvertretend für das Team auf die ihm eigene, erfrischend direkte Art zum Ausdruck: "Fünfter ist besser als Sechster."

Am Freitag entscheidet sich, wer am kommenden Sonntag um den ersten Platz und damit um den WM-Titel spielen wird, den die Deutschen dann wohl oder übel abgeben müssen. Im ersten Halbfinale trifft Europameister Dänemark dabei in Split um 17.30 Uhr (Liveticker SPIEGEL ONLINE) auf Olympiasieger Frankreich. Danach kommt es ab 20.30 Uhr (Liveticker SPIEGEL ONLINE) zum Duell zwischen Vizeweltmeister Polen und Vizeeuropameister Kroatien. Die Sieger der beiden Begegnungen treffen am Sonntag um 17.30 Uhr (Liveticker SPIEGEL ONLINE) im Finale aufeinander.

Brand glaubt wie viele Beobachter an ein Endspiel zwischen Gastgeber Kroatien und Frankreich. "Die Franzosen sind im Augenblick einfach eine Macht", so Brand. Zudem hätten sich die Kroaten in einigen WM-Spielen ganz schön schwer getan. "Ich tippe auf die Franzosen. Der vermeintliche Heimvorteil kann auch zuviel Druck für die Kroaten bedeuten", spekuliert der deutsche Trainer.

Die Prognose für den letzten Abend des deutschen Teams, das am Freitag um 9.55 Uhr die Heimreise antritt, fiel dagegen etwas kürzer aus: "Wir werden sicher heute noch zwei, drei Bierchen trinken", sagte Brand.

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