Spielergewerkschaft G.O.A.L. Kampf dem Kalender

Einfluss statt Dauereinsatz: Mit der Interessengemeinschaft G.O.A.L. wollen die deutschen Handball-Profis endlich mitgestalten. Vor allem der Spielkalender soll verschlankt werden. Doch wie das "Handball-Magazin" zeigt, treffen Johannes Bitter und Co. auf starken Widerstand der Verbände.

Torhüter Johannes Bitter: Endlich mitgestalten
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Torhüter Johannes Bitter: Endlich mitgestalten

Von Arnulf Beckmann


Isländischen Handballprofis eilt der Ruf voraus, pflegeleicht zu sein. Es heißt, sie seien leistungsbereit, leicht zu integrieren und charakterlich sehr angenehm. Das gilt sicher auch für Gudjon Valur Sigurdsson, der zunächst in Essen beim TUSEM, später beim VfL Gummersbach und seit 2008 bei den Rhein-Neckar Löwen unter Vertrag steht. Doch vor einigen Monaten platzte dem 31-jährigen Linksaußen der Kragen. Als durchsickerte, dass die Spielplangestaltung der Bundesliga vorsah, einen Spieltag am 1. und 2. Januar 2011 durchzuführen, war er stinksauer. Damit war der ohnehin kurze Neujahrsurlaub für ihn passe, "weil ich", so Sigurdsson, "bereits am 3. Januar von meinem Nationaltrainer zur EM-Vorbereitung in Reykjavik erwartet werde".

So wie ihm erging es vielen in der Liga tätigen Auswahlspielern. Doch der Isländer wollte sich damit nicht abfinden. "Ich bin bestimmt kein schwieriger Typ", so Sigurdsson, "aber das war mir damals einfach zu viel". Kurzerhand wandte er sich an Marcus Rominger, Torhüter des TV Grosswallstadt, von dem bekannt war, dass er bereits Anfang 2006 den Aufstand geprobt hatte, als sein damaliger Arbeitgeber, die SG Wallau/Massenheim, Konkurs anmeldete. Sein damaliger Versuch, die Handballprofis hierzulande zu organisieren, scheiterte - diesmal handelte er unbürokratisch. Rominger schrieb alle Kapitäne der Erstligisten an, sammelte innerhalb von zehn Tagen die Unterschriften sämtlicher Spieler und übergab Liga-Präsident Reiner Witte noch im Januar eine entsprechende Petition mit dem Tenor: "Geht gar nicht!"

Mit Erfolg. Zwar wurde der Spieltag auch deshalb vom Saisonkalender gestrichen, weil die Internationale Handball-Federation die WM in Schweden um eine Woche vorverlegte, aber der Teilerfolg dieser Aktion wurde dennoch zur Initialzündung. Zum ersten Mal hatten die Profis gespürt, dass sie Einfluss nehmen können, wenn sie mit einer Stimme sprechen. Und die Konsequenz dieses erstmals laut formulierten Widerstandes war die Gründung einer Spielervertretung, die unter dem Label G.O.A.L. firmiert und wohinter sich die Gemeinschaftliche Organisation aller Lizenzhandballer in Deutschland e. V. verbirgt. Was in anderen europäischen Top-Ligen, etwa in Frankreich und Spanien, bereits etabliert ist, gehört nun auch in der Bundesliga dazu.

Nationaltorhüter Johannes Bitter als prominentester Mitstreiter

Der 37-jährige Rominger hat dabei prominente Mitstreiter. Da ist zum einen Volker Michel, einst Nationalspieler. Und da ist vor allem Johannes Bitter, Torhüter des HSV Hamburg und der DHB-Auswahl. Gemeinsam mit diesen beiden steht Rominger dem gewerkschaftsähnlichen Gebilde vor, die primären Ziele der Organisation formuliert er so: bei der Handball-Bundesliga (HBL) und den internationalen Verbänden (IHF/EHF) ein Mitspracherecht in punkto Terminkalender, Lizenzierung und Anti-Doping-Bestimmungen erwirken.

Es geht also um klassische Gewerkschaftsthemen: Arbeitsplätze sind für Handballprofis unsicher, weil einige Vereine unseriös wirtschaften und insolvent werden. Rechts- und Karriereberatung ist notwendig. Doch das Hauptanliegen von G.O.A.L. ist ein Politikum: die Reduzierung des internationalen Spielkalenders. Neben der Bundesliga und den ständig zunehmenden Verpflichtungen der Vereine im Europacup stehen für viele Spieler in einem Vier-Jahres-Zyklus zwei Weltmeisterschaften, zwei Europameisterschaften und einmal Olympische Spiele auf dem Programm. "Der Jahresurlaub", so Nationalspieler Michael Kraus, "verringert sich in manchen Jahren auf zwei Wochen im Sommer."



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