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07. Februar 2018, 18:45 Uhr

Sportförderung in Deutschland

Maximal 1100 Euro pro Monat

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Wohin führt der Weg des deutschen Spitzensports? Die Reform des DOSB lässt weiter auf sich warten, auch weil die Athleten sich nicht vertreten fühlen. Es geht vor allem um eine angemessene Bezahlung.

Die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi waren ein Wendepunkt im deutschen Sport. Acht Gold-, sechs Silber- und fünf Bronzemedaillen wurden vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) als Tiefpunkt angesehen. Der Anschluss an die Weltspitze drohte nach Meinung des DOSB verloren zu gehen, und die Sotschi-Bilanz wurde auch als Bestätigung rückläufiger Ausbeute bei Sommerspielen gesehen.

Was folgte, war ein mehr als zweijähriger Prozess, in dem der DOSB gemeinsam mit dem für Sportförderung zuständigen Bundesinnenministerium (BMI) eine Spitzensportreform auf den Weg brachte, die nach der Vorstellung 2016 schnell auf Kritik stieß und deshalb immer noch nicht eingeführt wurde. Mittlerweile ist klar, dass das Konzept frühestens nach den Sommerspielen 2020 in Tokio greifen wird.

Der DOSB hatte sich auf die Fahne geschrieben, die Athletinnen und Athleten sowie deren Trainer und Betreuer in den Mittelpunkt der Reform zu stellen. Doch genau das ist laut Athletensprecher Maximilian Hartung nicht geschehen (hier lesen Sie das Interview mit Hartung und seiner Stellvertreterin Silke Kassner). "Was mich stört, ist die mangelhafte Kommunikation mit den Sportlern", sagt Hartung im Gespräch mit dem SPIEGEL.

Zentralisierung am Athleten vorbei gedacht

Der Fechter betont, dass der DOSB auch wichtige Punkte angepackt habe. Zu den Kernpunkten der neuen, "potenzialorientierten" Förderung gehört eine Zentralisierung basierend auf der Reduzierung der Olympiastützpunkte (von 19 auf 13) und der Bundesstützpunkte (von 204 auf etwa 160).

"Die Mittel auf einige wenige Standorte mit Weltklasseniveau zu konzentrieren, ist sinnvoll - solange die Nachwuchsförderung in den Bundesländern erhalten bleibt und auf Freiwilligkeit gesetzt wird", sagt Hartung: "Wenn jemand alleine im Wald trainiert und am Ende schneller läuft als der Beste auf der neuesten Tartanbahn, dann sollte er auch zu den internationalen Wettkämpfen fahren dürfen."

Die Athleten wehren sich zudem gegen die vom DOSB geplante zeitliche Umsetzung der Reform. Die Sportler werden in der Frage der Zentralisierung vor vollendete Tatsachen gestellt", sagt Kassner: "Wir fordern, dass man den Athleten die Chance gibt, wenigstens ihren laufenden Lebensabschnitt vernünftig abzuschließen."

Im Mittelpunkt der Kritik steht jedoch die fehlende finanzielle Perspektive für olympische Spitzensportler, die nicht im Militär, bei der Polizei oder beim Zoll angestellt sind. Bisher ist es so, dass die Stiftung Deutsche Sporthilfe pro Jahr rund 13 Millionen Euro ausschüttet und Athleten - das betrifft aber nur Sportler mit Eliteförderung - mit maximal 1100 Euro pro Monat gefördert werden. Die in der Reform ursprünglich verankerte Aufteilung in "Exzellenzcluster", "Potenzialcluster" und "Cluster mit wenig oder keinem Potenzial" würde daran wenig ändern. Eine Basisförderung liegt derzeit bei 300 Euro im Monat - auch deshalb geht in Deutschland in vielen Sportarten der Nachwuchs verloren.

"Für Sportler, die bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen mitmachen wollen", sagt Hartung, "verursachen Förderungen unter 1500 Euro im Monat prekäre Lebensverhältnisse." Hartung und Kassner zweifeln an einer langfristigen Verbesserung der finanziellen Mittel der Sporthilfe und gründeten gemeinsam mit anderen Sportlern im vergangenen Jahr den Verein "Athleten Deutschland", der mit hauptamtlichen Mitarbeitern die finanzielle Förderung mehr in den Vordergrund stellen möchte. Und wie soll das finanziert werden? "Der Staat trägt Verantwortung für die Sportler, die für ihn antreten. Dennoch ist das Ziel, die Privatwirtschaft zu mobilisieren."

Wie werden Spitzensportler in anderen Ländern gefördert?

Ein Blick ins europäische Ausland zeigt, dass es in der Spitzensportförderung keinen Königsweg gibt:

Hartung blickt noch weiter über den Tellerrand: "Ich möchte mit keinem meiner ausländischen Konkurrenten tauschen. Ich bin als deutscher Athlet sehr frei, ich konnte studieren, das würde ich für kein Geld der Welt eintauschen wollen." Der 28-Jährige will Erfolg, aber nicht um jeden Preis. "Andere Sportsysteme, die erfolgreicher sind, verschleißen auf dem Weg eine große Menge junge Leute - sowohl körperlich als auch in ihrer persönlichen Entwicklung."

Eine andere Sorge einiger Sportverbände ist die "erfolgsorientierte Bewertung der Zukunftschancen" innerhalb der Spitzensportförderung. Randsportarten wie Curling oder Bogenschießen könnten in der Versenkung verschwinden, wenn der DOSB in einer Einzelfallbetrachtung nicht eine Ausnahme festlegt. "Wir wollen ganz klar die Vielfalt im deutschen Spitzensport erhalten", sagt Kassner.

Der olympische Sport in Deutschland muss laut Hartung einen eigenen Weg finden: "Wir werden uns in Zukunft im Medaillenspiegel nicht mit China messen können, aber das ist auch okay."

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