Schmiergeldzahlungen im Weltsport Gesucht wird "Mitverschwörer #2"

Die US-Justiz gräbt im Sumpf des Weltsports. Nach dem Geständnis eines ranghohen Fifa-Mitglieds wird es eng für Scheich Ahmad Al-Fahad Al-Sabah. Der Kuwaiter ist ein enger Vertrauter von IOC-Boss Thomas Bach.

Scheich Ahmad Al-Fahad Al-Sabah
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Scheich Ahmad Al-Fahad Al-Sabah


Es war einmal ein Scheich, der während der Fußball-WM 1982 einen Skandal auslöste und der Nachwelt weitsichtige Worte überlieferte: Scheich Fahd Al-Ahmad Al-Jaber Al-Sabah, Präsident des kuwaitischen Fußballverbandes, ärgerte sich damals über einige Schiedsrichterentscheidungen beim Vorrundenspiel seines Teams in Valladolid gegen Frankreich (1:4). Der Scheich tobte außerordentlich, holte seine Mannschaft zwischenzeitlich vom Feld und schimpfte: "Diese Fifa ist schlimmer als die Mafia."

Damals war diese Aussage ein Skandal, inzwischen haben Experten für organisierte Kriminalität im Weltverband längst mafia-ähnliche Strukturen nachgewiesen. Und der Sohn des wütenden Scheich Fahd, der seinen Vater in zahlreichen wichtigen Sportfunktionen beerbte, ist inzwischen eine zentrale Figur: Scheich Ahmad Al-Fahad Al-Sabah, einer der mächtigsten Sportfunktionäre der Welt, muss sich gegen den Vorwurf der Schmiergeldzahlung verantworten, nicht zum ersten Mal, doch nie waren die Vorwürfe so gut dokumentiert.

In der Fifa und zahlreichen Mitgliedsverbänden sowie Kontinentalverbänden sind schwerkriminelle Strukturen ausgeprägt, weshalb Staatsanwaltschaften in zahlreichen Ländern - nicht nur in den USA, in der Schweiz und Frankreich - seit einigen Jahren das mafiöse Treiben sezieren. Nun veröffentlichte das amerikanische Justizministerium (DOJ) die Anklage gegen den US-Bürger Richard Lai aus Guam im Pazifik, einer der Chefaufseher der Fifa - und ein vermeintlicher Reformer.

Scheich Ahmad pocht auf seine Unschuld - und trat dennoch zurück

Lai bekannte sich am vergangenen Donnerstag vor dem US-Distriktgericht in Brooklyn in allen Anklagepunkten schuldig. Er hat insgesamt eine knappe Million Dollar Schmiergeld kassiert: 100.000 vom inzwischen lebenslang suspendierten Mohamed Bin Hammam aus Katar - und zwischen 2009 und 2014 auch 850.000 Dollar aus diversen Schatullen eines "Mitverschwörers #2" aus Kuwait. Vieles deutet darauf hin, dass es sich dabei um Scheich Ahmad handelt.

Der wichtigste Wahlhelfer des deutschen IOC-Präsidenten Thomas Bach pocht zwar auf seine Unschuld, trat dennoch umgehend von seinen Ämtern im Fußball-Business zurück. Er wird auf dem Fifa-Kongress kommende Woche in Bahrain nicht erneut für einen Sitz im Council des Weltverbands kandidieren.

Doch mit diesem taktischen Rückzug, der seine Stellung im IOC schützen soll, wo die sogenannte Ethikkommission traditionell intransparent operiert, ist das Problem längst nicht gelöst. Denn das DOJ kündigte an, die Spuren des Geldes mit allen Mitteln weiter zu verfolgen - also auch in Asien, besonders im Nahen Osten und in anderen Regionen.

Bisher hatten sich die Ermittlungen auf die kriminellen Fußballverbände Nord- und Südamerikas konzentriert. Das DOJ hat aber bereits Ermittlungsergebnisse der Schweizer Bundesanwaltschaft erhalten und Unterlagen zum sogenannten Sommermärchen-Skandal angefordert, zu dubiosen Geldflüssen rund um die WM 2006 in Deutschland. Mittlerweile haben die Franzosen, die seit Jahren das kriminelle System im Leichtathletik-Weltverband IAAF aufarbeiten, ebenfalls ein Ermittlungsverfahren zur Vergabe der Fußballweltmeisterschaften 2022 nach Katar und 2018 nach Russland eingeleitet. Die Schlinge zieht sich zu.

Der Fall Sabah löst nun ein Beben aus in der olympischen Welt, die Aufregung ist gewaltig. Denn der 53 Jahre alte Scheich fungiert zugleich als Präsident der Weltvereinigung aller nationalen Olympiakomitees (ANOC), verwaltet das mit mehr als einer halben Milliarde Dollar gefüllte Entwicklungshilfe-Budget des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und gebietet seit beinahe drei Jahrzehnten mit eiserner Hand über das Olympic Council of Asia (OCA).

In seiner Heimat Kuwait musste sich der Scheich öffentlich entschuldigen

Der Scheich beherrscht mehrere olympischen Weltverbände, etwa den Schwimm-Weltverband FINA, wo sein Adlatus Husain Al-Musallam demnächst die Präsidentschaft übernehmen sollte. Der ist ein Drahtzieher des Scheichs - und einiges deutet darauf hin, dass mit dem Pseudonym "Mitverschwörer #3" in der US-Anklageschrift er gemeint ist. Auch Musallam bestreitet die mit E-Mails, Zeugenaussagen, Geständnissen und Kontobelegen bestens dokumentierten Vorwürfe.

Es geht um mehr als die IOC-Mitgliedschaft des dubiosen Scheichs. In seiner Heimat Kuwait lässt er, der einst mehrere Ministerposten innehatte, sich nicht mehr sehen, nachdem er als Lügner enttarnt wurde. Er musste sich öffentlich dafür entschuldigen, dass er einen Staatsstreich herbeifabuliert hatte, um die Gunst seines Onkels, des Emirs, zu erlangen und seinen Widersachern aus der weitverzweigten Al-Sabah Dynastie zu schaden.

Zeitweise hielt sich der Scheich vorzugsweise in London und in der Schweiz auf, die Rede ist von anderen mondänen Anwesen in asiatischen Ländern. Die Schweiz, Hauptsitz von IOC, Fifa, ANOC und FINA, meidet Scheich Sabah nun zunehmend, weil er eine Verhaftung fürchten muss. Sollte Sabah im IOC-System stürzen, könnte ein über viele Jahrzehnte ausgeprägtes System des Gebens und Nehmens freigelegt werden - die Postenvergabe in Dutzenden Weltverbänden, die Entscheidungen über Olympische Spiele, Asienspiele und andere Mega-Events, bis hin zur Frage, mit welchen Mitteln Scheich Ahmad 2013 die erfolgreiche Kandidatur von Thomas Bach zum IOC-Präsidenten unterstützte und Stimmen beschaffte.

Das Sabah-System wurzelt tief:

  • Sein ehemaliger Adlatus Abdul Ahmad Al-Muttaleb, Vorgänger von Husain Al-Musallam als OCA-Generaldirektor, wurde 2004 wegen Bestechlichkeit von den Olympischen Spielen in Athen ausgeschlossen. Muttaleb steht auch auf der Liste der Schmiergeldempfänger im spektakulären ISL-System.
  • Lamine Diack aus dem Senegal, einst IOC-Mitglied und Boss des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF, steht wie sein Sohn Papa Massata im Mittelpunkt strafrechtlicher Ermittlungen in Frankreich - ihm droht eine langjährige Haftstrafe.
  • Der Ire Patrick Hickey, enger Verbündeter von Bach und Sabah, soll eine kriminelle Vereinigung für den Tickethandel bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro gegründet haben - auch ihm droht Gefängnis.

Hickey wurde während der Rio-Spiele im IOC-Hotel verhaftet. Kurz vor Weihnachten durfte er nach Dublin zurückkehren, nachdem eine Kaution von 410.000 Dollar gezahlt wurde - von Scheich Sabah aus Mitteln der Olympiavereinigung ANOC. Die halbe Million sei aus "humanitären Gründen" hinterlegt worden, hieß es damals. Hickey habe das Geld, das eigentlich in die Sportförderung fließen muss, lediglich als Darlehen erhalten. Über die Konditionen der angeblichen Rückzahlung wurde, wie immer in der Sportfamilie, Stillschweigen vereinbart.

Nur wenn Jahrzehnte in Hochsicherheitsgefängnissen drohen, wie im Fall Richard Lai und vierzig anderen, die in den USA verhandelt werden, gestehen die Sportfunktionäre ihre Sünden und kooperieren notgedrungen. Der Fall Sabah dürfte diesen ohnehin schon historischen Strafermittlungen weitere spektakuläre Wendungen geben. Nie war man der Wahrheit über die olympische Parallelgesellschaft so nahe wie heute.



insgesamt 2 Beiträge
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hegoat 02.05.2017
1. Nur Vetternwirtschaft und Filz
Da denkt man, auf der einen Seite ist die Fifa korrupt und auf der anderen Seite das IOC, aber weit gefehlt: Über Personenidentitäten sind die beiden Verbände eng miteinander und mit weiteren anderen Verbänden verwoben und haben so ein weltumspannendes Netzwerk der Korruption quer durch alle Sportarten geschaffen. Ganz vorne mit dabei sind die Araber. Unser lieber Kaiser Franz ist da geradezu ein Amateur.
wolla2 02.05.2017
2. Ich finde es fabelhaft..
...dass die Presse hier ihre Aufgabe konsequent wahrnimmt und die Ermittlungen in die Kenntnis der Öffentlichkeit trägt. Leider geht aber nach wie vor jedes Ticket, sei es für Fußball oder Olympische Spiele, immernoch zu horrenden Summen über den Tisch. Dem FAN ist das leider egal, wie korrupt seine "Götter" sind. Das macht ihn zum Handlanger. Der Fisch stinkt eben nicht nur vom Kopf her sondern auch vom Schwanz.
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