Pechstein gegen den Cas Der ewige Sprint

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte entscheidet am Dienstag, ob Sportrichter des Cas über Sportler urteilen dürfen. Eisschnellläuferin Claudia Pechstein könnte mit ihrer Klage die Sportwelt verändern.

Claudia Pechstein
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Mit dem Thema Doping bekommt der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte es nicht alle Tage zu tun. Aber man bekommt es ja auch nicht alle Tage mit Claudia Pechstein zu tun. Und bei der nunmehr 46 Jahre alten Eisschnellläuferin geht es längst nicht mehr nur um eine Dopingsperre. Pechstein geht es seit jeher ums Prinzip.

So müssen sich die Straßburger Richter am Dienstag auch nicht mehr darüber den Kopf zerbrechen, ob Pechstein zu Recht oder zu Unrecht 2009 wegen Dopings für zwei Jahre gesperrt wurde. Die Frage ist für Pechstein ohnehin ad acta gelegt. Sie hält sich für rehabilitiert, eine Blutanomalie macht sie für die erhöhten Werte verantwortlich, die damals bei ihr beim Weltcup im norwegischen Hamar festgestellt worden waren. Für den Weltverband Isu ist sie dagegen bis heute eine Doperin, und bis heute kämpft Pechstein dagegen an.

Da sie bei ihrem Zug durch die Instanzen und juristischen Kammern auch vor dem Sportgerichtshof Cas gescheitert ist, gilt ihr Gang nach Straßburg nun dem Cas selbst. Sie will von den Menschenrechtsexperten be- und geurteilt bekommen, dass der Cas keine geeignete Institution sei, um solche Fälle zu entscheiden. Dass Sportler auch das Recht haben dürfen, vor ordentliche Gerichte zu ziehen und sich nicht dem Urteil von Sportrichtern zu unterwerfen haben. Dass der Cas ohnehin keine unabhängige Instanz sei, da seine Richter von den Verbänden berufen würden.

Es geht um die Zukunft der Sportgerichtsbarkeit

Es steht also viel auf dem Spiel, nicht nur der Fall Pechstein, auch die Zukunft der Sportgerichtsbarkeit. Darf der Cas sich überhaupt anmaßen, darüber zu befinden, ob Sportler an den Start gehen dürfen oder nicht? Wenn Pechstein recht gegeben wird, würde das eine Lawine auslösen. Bisher ist das Cas-Urteil bindend - zum Beispiel bei den russischen Sportlern, die gegen ihre Dopingsperren vorgegangen sind. Auch sie blicken am Dienstagvormittag nach Straßburg.

Der Fall Pechstein feiert bald zehnjähriges Jubiläum. Und so wenig die fünffache Olympiasiegerin daran denkt, ihre Karriere auf dem Eis zu beenden, obwohl ihre Konkurrentinnen längst ihre Töchter sein könnten, so wenig steht auch die juristische Auseinandersetzung vor einem Endpunkt. Beim Bundesverfassungsgericht ist noch eine Klage der Sportlerin anhängig, sie liegt dort bereits seit zwei Jahren, man könnte sagen: auf Eis gelegt. Auch in Karlsruhe will man erst einmal schauen, was sich aus dem Straßburger Fall ergibt.

Claudia Pechstein bei den Winterspielen in Südkorea
DPA

Claudia Pechstein bei den Winterspielen in Südkorea

Es geht um Gerechtigkeit, das betonen Pechstein und ihr Lebensgefährte Matthias Große allerorten. Natürlich geht es aber auch um Geld. Pechstein hat Sponsoren nach dem Weltcup in Hamar verloren, sie hat viel Geld in die Prozesse gesteckt, sie würde gerne mehr als vier Millionen Euro Schadenersatz vom Weltverband erstreiten. Sie sagt, die Sperre habe sie finanziell ruiniert, es wäre eine besondere Form der Rache, wenn sie jetzt dem Verband stark schaden würde.

"Siegen oder Sterben"

Pechstein geht aufs Ganze. "Für mich gibt es nur Siegen oder Sterben", das ist einer der Sätze, den sie gerne und oft benutzt. Ob sie noch laufen würde, wenn sie damals nicht gesperrt worden und um die Olympiateilnahme in Vancouver 2010 gebracht worden sei - das ist sie oft gefragt worden. Sie hat die Antwort stets offengelassen. Aber klar ist: Wenn Claudia Pechstein weitermachen will bis zu den Winterspielen 2022 in Peking, wenn sie auch 2018, 2019, 2020, 2021 ihre Schlittschuhe aufs Eis setzt, dann sprühen, symbolisch gesprochen, die Funken. Was sie antreibt, das ist klar.

"Ich muss meinen Kampf weiterführen, koste es, was es wolle", hat sie in einem Interview mit der "Welt am Sonntag" vor den Spielen von Pyeongchang gesagt: "Niemand kriegt mich klein." Als sie in Südkorea als Medaillenanwärterin über 3000 Meter an den Start ging und am Ende nur Achte wurde, war sie unzweifelhaft sportlich enttäuscht. Aber stärker überwog der Zorn, dass sie danach noch zur Dopingkontrolle gebeten wurde. Wie sie das entsprechende Formular des Dopingkontrolleurs in Stücke zerriss, war die Szene des Abends.

Seit 1984 urteilt der Sportgerichtshof bei Streitfällen im Sport. Den Cas gibt es also schon seit 34 Jahren. Das ist im Sport eine richtig lange Zeit, länger normalerweise als alle Sportkarrieren. 1984 bereitete sich Claudia Pechstein auf ihre erste Jugendspartakiade im Eisschnelllauf vor.



insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
A. Merkel 01.10.2018
1. sehr peinlich für den deutschen staatlichen Leistungssport
Frau Pechstein ist schon eine äußerst peinliche Figur. Sie ist des Dopings überführt und bestreitet dies mit fadenscheinigen Behauptungen, so wie Jan Ullrich oder Dieter Baumann, um mal zwei weitere Lichtgestalten des dopingfreien deutschen Leistungssports zu erwähnen. Ansonsten ist Frau Pechstein pro forma bei der Bundespolizei beschäftigt, das heißt, sie bezieht ein volles Gehalt aus Steuergeldern, darf aber trotzdem den ganzen Tag Schlittschuhlaufen. Wie die gute Frau auf 4 Millionen Euro Verdienstausfall kommt, bleibt rätselhaft.
nahatschalah 01.10.2018
2. Absolut ein Vorbild diese Frau
Sollte sie nicht recht bekommen, hat sie zumindest alles gegeben. Sollte sie recht bekommen, ist es nicht ihre Schuld, wenn das CAS scheitert sondern dann nur gerecht. Schuld hätten dann die, die sie nie um eine juristisch korrekte Aufarbeitung gekümmert haben.
jujo 01.10.2018
3. ....
Wiso sollte sie dem CAS schaden? Sollte sie recht bekommen, ist ihr der finanzielle Ausfall zu ersetzen, geschädigt wurde dann Frau Pechstein.
hafnafjoerdur 01.10.2018
4. Schlichtweg Falsch
Zitat von A. MerkelFrau Pechstein ist schon eine äußerst peinliche Figur. Sie ist des Dopings überführt und bestreitet dies mit fadenscheinigen Behauptungen, so wie Jan Ullrich oder Dieter Baumann, um mal zwei weitere Lichtgestalten des dopingfreien deutschen Leistungssports zu erwähnen. Ansonsten ist Frau Pechstein pro forma bei der Bundespolizei beschäftigt, das heißt, sie bezieht ein volles Gehalt aus Steuergeldern, darf aber trotzdem den ganzen Tag Schlittschuhlaufen. Wie die gute Frau auf 4 Millionen Euro Verdienstausfall kommt, bleibt rätselhaft.
Claudia Pechstein wurde eben nicht des Dopings überführt, sondern sie wurde auf Basis einer sehr fadenscheinigen Indizienkette gesperrt. Das Uretil stütze sich damals auf die hohen Blutwerte - und eben nicht auf nachgewiesenes Doping. Die von ihr vorgelegten medizinischen Atteste, die in Bezug auf die Blutwerte natürliche Gründe nahelegen, stellen die These der Manipulation zumindest soweit in Frage, dass ein ordentliches Gericht sie aufgrund mangels an Beweisen freigesprochen hätte. Darum geht es auch in der Klage - ob die Sportgerichtsbarkeit gängige rechtliche Standards beachten muss oder nicht. Eigentlich kann es nur eine Antwort geben. Davon unbeachtet sollten Sperren für Verbände und einzelne Sportler weiterhin möglich sein, dann müssen entsprechende Regelwerke allgemeine Mindestvoraussetzungen erlassen, die zur Teilnahme berechtigen.
gammoncrack 01.10.2018
5. Unfassbar, dieser Kommentar.
Zitat von A. MerkelFrau Pechstein ist schon eine äußerst peinliche Figur. Sie ist des Dopings überführt und bestreitet dies mit fadenscheinigen Behauptungen, so wie Jan Ullrich oder Dieter Baumann, um mal zwei weitere Lichtgestalten des dopingfreien deutschen Leistungssports zu erwähnen. Ansonsten ist Frau Pechstein pro forma bei der Bundespolizei beschäftigt, das heißt, sie bezieht ein volles Gehalt aus Steuergeldern, darf aber trotzdem den ganzen Tag Schlittschuhlaufen. Wie die gute Frau auf 4 Millionen Euro Verdienstausfall kommt, bleibt rätselhaft.
Frau Pechstein hat doch auch heute noch erhöhte Werte und darf trotzdem starten. Weil es sich eben um eine Anomalie handelt, nicht um Doping. Warum soll das denn damals anders gewesen sein? Können Sie erklären, wieso das eine Überführung als Doping-Sünderin sein soll? Das man weiterhin auf einem damaligen Doping beharrt, ist doch ausschließlich in den finanziellen Auswirkungen aufgrund der dann entstehenden Schadenersatzansprüche geschuldet. Sonst garnichts!
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