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22. Dezember 2014, 17:33 Uhr

Sportler-des-Jahres-Kontroverse

Charisma schlägt Gold

Von Florian Kinast

Richtige Entscheidung oder "Armutszeugnis"? Robert Hartings Wahl zum Sportler des Jahres sorgt für Unmut, weil zwei erfolgreiche Wintersportler leer ausgingen. Der Fall zeigt: Gold braucht immer auch ein wenig Glamour.

Maria Höfl-Riesch hätte auch schweigen können. Denn wenn sie etwas kundtut, kommt das nicht immer gut an. Man erinnere sich an ihr beleidigtes Internet-Gezwitscher, weil sie trotz einer Business-Buchung bei Lufthansa nur Economy fliegen durfte. Auch am Sonntag in Baden-Baden hätte Höfl-Riesch die Trophäe einfach nehmen und sich artig dafür bedanken können, nach 2010 zum zweiten Mal zur Sportlerin des Jahres gekürt worden zu sein.

Aber dann sagte sie doch noch etwas - zur Entscheidung bei den Männern nämlich, und das klang in diesem ach so harmonischen Rahmen drei Tage vor Heiligabend gar nicht versöhnlich. Sie nannte die Wahl von Robert Harting als Sportler des Jahres "ein Armutszeugnis". "Ich finde es bedenklich, dass ein Europameister aus dem Sommer anscheinend mehr Wert ist als ein Olympiasieger aus dem Winter", sagte Höfl-Riesch. Sie respektiere Hartings Leistung, erinnerte aber auch an die Olympiasiege von Eric Frenzel und Felix Loch. Der Kombinierer und der Rodler mussten sich dem Leichtathleten bei der Wahl geschlagen geben.

Eine Aussage, die nun in vielen Onlineforen leidenschaftlich diskutiert wird und Sportfans im ganzen Land polarisiert. Eine Aussage, die tatsächlich Fragen aufwirft: Genießt ein Europameister im Sommer mehr Ansehen als ein Olympiasieger im Winter? Wenn ja, warum? Und wie viel olympisches Edelmetall braucht es dann, um ein EM-Gold aufzuwiegen?

Lange Zeit war es ein ungeschriebenes Gesetz, dass in einem Jahr mit Olympischen Spielen bei der Sportlerwahl irgendein Goldmedaillengewinner triumphiert, auch bei den Winterspielen war das lange so. 2010 plötzlich riss die Serie, als Sebastian Vettel gewann und die Olympiasieger von Vancouver, Bobpilot André Lange und Rodler Felix Loch, abhängte. Bei einem WM-Titel in der Formel 1 mochte die Wahl auch noch vertretbar sein. Aber bei einem EM-Sieg im Diskus?

Was die Entscheidung für Robert Harting zeigt: Um Sportler des Jahres zu werden, muss man nicht nur sportlichen Erfolg haben, sondern auch Charisma. So wie Harting eben, der sich früher immer das Trikot zerriss und sich dafür bei der Oma entschuldigte, weil die das nicht mochte. Und der dieses Mal nach dem EM-Titel sein Hemdchen ganz ließ. Eben der Oma zuliebe. Robert Harting machte das nicht unbedingt aus Kalkül, er ist wohl einfach so. In jedem Fall kam es gut an.

Harting ist ein Typ. Aber nicht nur das: Er spricht immer wieder an, was im deutschen Sport falsch läuft, setzt sich für die Rechte der Athleten ein und scheut sich nicht, die Verbandsbosse zu kritisieren. Da die Sportler des Jahres von Journalisten gewählt werden, verwundert Hartings Erfolg nicht unbedingt - seine Rolle als kritischer Geist kommt bei vielen Berichterstattern gut an.

Urige Typen wie "Wasi" und der "Hackl-Schorsch"

Typen wie Harting fehlen im Wintersport momentan. Früher gab es Markus "Wasi" Wasmeier (Sportler des Jahres 1994) oder Georg "Schorsch" Hackl (1998), kernige Sympathie-Träger, urige Sprache, verständlich teilweise nur mit deutschen Untertiteln. Dazu bodenständiges Auftreten - sie waren die Prototypen des Bilderbuch-Bayern. 2002 dann Sven Hannawald, der Mannschaftsolympiasieger und Dominator der Schanzentournee mit vier Siegen in vier Springen. Oder 2006 der Dreifach-Gold-Biathlet von Turin, Michael Greis. An diesen Wintersportlern kam man bei der Sportlerwahl einfach nicht vorbei. An den jetzigen schon. Es fehlt ihnen an Seriensiegen. Und an Aura.

Kantige Charakterköpfe, gut vermarktbare Protagonisten, Publikumslieblinge, die in ihrer Sportart am Ende auch noch für einen gewaltigen Boom sorgen, sucht man im Winter derzeit vergeblich. Felix Loch ist zwar ein netter Bursche, taugt zum landesweiten Sporthelden aber genauso wenig wie der brave Eric Frenzel. Ihre Sportarten, das Rodeln und die Nordische Kombination sind keine Publikumsmagneten. Felix Neureuther hätte noch halbwegs das Zeug zum legitimen Nachfolger von Wasmeier und Hackl, aber ihm fehlen die großen Titel.

Auch bei den Frauen gibt es kaum strahlende Vorzeigefiguren. Keine Magdalena Neuner, keine Maria Höfl-Riesch, die trotz ihrer Provokationen zumindest ein wenig Glamour in die Alpinwelt brachte.

Mit ihrer Kritik hat Höfl-Riesch damit ein Dilemma aufgezeigt. Das Charisma von Sportlern bekommt in der Berichterstattung zusehends mehr Gewicht, für unscheinbare, schüchterne Athleten kann das zum Nachteil werden. Der Fall zeigt: Gold braucht heute immer auch ein wenig Glamour, um richtig zu glänzen.

Mit Material vom sid

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