Sportlerausbildung in China Das Projekt Tenniskönigin

Modernste westliche Trainingsmethoden statt sozialistischem Schliff: Mit einem neuen Konzept werden zwei chinesische Mädchen für ihre internationale Tenniskarriere vorbereitet. Englisch- und Klavierstunden sollen die Talente zudem zu würdigen Vertretern der privaten Schule machen.

Aus Shanghai berichtet Jürgen Kremb


Wenn sie die schwerste Entscheidung ihres Lebens benennen soll, dann war dies für Wang Yujia, 15, oder "Jessy", wie sie ihre australischen Trainer jetzt nennen, als sie beschloss, ihre "geliebte Geige" wegzulegen. Das geschah als sie gerade neun Jahre alt war und noch in einer Kleinstadt der ostchinesischen Provinz Anhui lebte. Wang Yujia hatte die Provinzmeisterschaften in Softball-Tennis gewonnen. Ihre Eltern stellten sie daraufhin vor die Entscheidung, ob sie Musikerin werden wolle, denn auch an der Violine hatte sie große Begabung gezeigt, oder dem staatlichen Tennisinternat in der Hauptstadt Hefei beitreten und eine Laufbahn als Tennisprofi anstreben wolle. Drei Tage hatte das Mädchen mit dem Pferdeschwanz und der zierlichen Figur zum Nachdenken. Dass sie Tennis wählte, bereut sie nur in Stunden wie dieser.

Es ist gerade 7.30 Uhr morgens in Shanghai, Jessy ist schon eine Stunde auf den Beinen und hat gerade schwitzend und keuchend einen Vier-Kilometer-Lauf hinter sich gebracht. In der Hitze der Millionenstadt ist das eine Qual für die Lungen und jetzt soll die Kleine in der Tennishalle des Shanghai Racquet Clubs auch noch 200 Aufschläge machen. "Wenn ich eines hasse", sagt die etwa 1,65 große Tennisgöre, "dann sind es Langläufe".

Zum Glück ist sie nicht alleine hier. Neben Jessy drischt Erika (Ziqi) Ho, 14, genauso entschlossen auf Tennisbälle wie ihre Partnerin. Die beiden Mädchen sind wohl eines der unkonventionellsten Sporttrainingsprojekte, die es in China derzeit zu bewundern gibt. Denn Ho und Wang sollen zu Tennisköniginnen "Made in China" aufgebaut werden - erstmals außerhalb des Systems der gestrengen, staatlichen Sportförderung und ohne Einmischung des allmächtigen Tennisverbandes. Dieser hatte in der Vergangenheit stets mit Argusaugen über seine erfolgversprechenden Sprösslinge gewacht und später 50 Prozent der Preisgelder kassiert, wenn diese erfolgreich waren und Turniere gewonnen hatten.

Begonnen hatte das Unternehmen "Tennisgören Jessy-Ka" im vergangenen September. Damals hatten die beiden Jungtalente einen Vertrag mit dem taiwanesischen Ableger des Sportartikelherstellers K-Swiss unterzeichnet, der den mehrmaligen Provinzmeisterinnen aus Anhui eine "Ausbildung zum Tennisprofi" (so das Vertragsziel) ermöglichen soll. Neben ausländischen Trainern, Ausrüstung, Unterkunft, zahlt Chen Yonglong, 39, Direktor der Firma, auch die Teilnahme an internationalen Turnieren, Klavier- und Englischstunden für die beiden Mädchen. "Wir wollen internationale Stars aus ihnen machen", sagt Chen "die uns auf dem internationalen Parkett in allen Belangen vertreten können."

Das kostet den Manager gegenwärtig knapp 800.000 Renminbi, umgerechnet 75.000 Euro, eine Menge Geld für China. Doch ist das nicht ohne Eigennutz angelegt, denn Nike, der übermächtige Konkurrent, hat die ganze chinesische Nationalmannschaft finanziert. Doch denen will man jetzt in Shanghai mit modernsten Methoden Konkurrenz machen.

"Es wird immer viel über die Allmacht der chinesischen Sportmaschinerie geredet", sagt Conrad Singh, 32, Cheftrainer des Racquet Clubs, "aber zumindest im Tennis fehlen den Spielern noch Jahrzehnte, um an die Spitze im Westen Anschluss zu finden." Das will der bullige Australier von indischer Abstammung jetzt ändern.

Vor wenigen Jahren war der private Racquet Club nicht mehr als eine Freizeitanlage in einer luxuriösen Apartmentsiedlung für Ausländer, die in der Wirtschaftsmetropole arbeiten und leben. Doch mittlerweile ist daraus Chinas erstes vollkommen frei finanziertes Tennisleistungszentrum für Nachwuchsspieler geworden. Neben den beiden chinesischen Talenten kommen auch japanische und Singapurer Talente zum Training hierher.

Singhs Ziel ist es, junge Spieler für Turniere des Weltverbandes ITF fit zu machen, die Jugendliga des professionellen ATP-Tenniszirkus und des Frauenverbandes WTA. Knapp zehn Jahre hat er das schon in Australien getan - mit Methoden, die es in China noch gar nicht gibt.

Technikschulung am Laptop

Es ist Sonntagmittag gegen halb zwei, nach einem Mittagessen und kurzer Ruhephase, steht jetzt eine Stunde "technische Korrektur" auf dem Wochenplan der Mädchen. Singh hat dazu seinen Laptop am Spielfeldrand aufgeschlagen. Unter der Woche haben seine Co-Trainer immer wieder Aufnahmen von den beiden Mädchen gemacht. Die sind jetzt auf der Festplatte gespeichert, genauso wie Aufnahme von berühmten Tennisstars, die Singh während deren Wettkämpfen in Australien gemacht hat. Daraus hat er ein voluminöses digitales Lehrwerk geschaffen.

"Wo ist dein Ellenbogen beim Grundschlag", fragt er jetzt Erika, die das Gesicht verzieht, als sie ihre unnatürliche Körperhaltung in Zeitlupe sieht. Dann legt Singh auf dem Monitor noch ein Bild von Maria Sharapova über das Standbild von Erika, zeichnet rote Linie über Erikas Arm: "So wäre richtig", tippt er jetzt auf das Strichmännchen, das am Computer entstanden ist. Auf dem Platz muss die Nachwuchsspielerin jetzt gleich zeigen, wie das besser funktioniert. Dann nimmt Singh sich am Computer den Schlag von Jessy, der Linkshänderin vor.



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