Sprint-Ass Cavendish Unbequem und unheimlich schnell

Vier Etappensiege: Mark Cavendish ist der beste Sprinter der diesjährigen Tour de France. Zu den beliebtesten Profis im Feld zählt er jedoch nicht. Der Brite vom Team Columbia gilt als arrogant und egoistisch, er selbst sagt: "Ich bin ein Arschloch."


Hamburg - Erfolgreiche Sportler sind zuweilen unbequeme Typen: Auch Mark Cavendish fällt in diese Kategorie. Er hält wenig von Kuscheleien mit seinen Kollegen: "Natürlich werde ich zu einigen Fahrern pampig, denn ich bin ein Arschloch", ließ der britische Radprofi zuletzt verlauten. Er sei "manchmal etwas hitzköpfig", sagt Cavendish.

Etappensieger Cavendish: "Manchmal etwas hitzköpfig"
Getty Images

Etappensieger Cavendish: "Manchmal etwas hitzköpfig"

Sympathie hat ihm diese Einstellung nicht eingebracht, dafür aber jede Menge Respekt im Fahrerfeld. Viermal hat der 24 Jahre alte Columbia-Profi bei der diesjährigen Tour schon die Ziellinie als Erster überquert - eine überragende Bilanz nach elf Etappen.

Bei den Ankünften in Brignoles, La Grande-Motte, Issoudun und Saint-Fergeau hatte die Konkurrenz das Nachsehen. Nicht allein aus diesem Grund zählt er unter den Sprintern zu den unbeliebtesten Profis: Auf den Bergetappen radelt Cavendish in der Gruppe mit, die gerade im Zeitlimit bleibt, verweigert dabei aber jegliche Führungsarbeit. Er spare lieber seine Kräfte "für bestimmte Momente im Rennen", sagt Cavendish.

Der Egoismus kommt nicht gut an. Und auch abseits der Straße sorgte er zuletzt mit unliebsamen Äußerungen für Wirbel. Vor dem Ruhetag der Tour soll er am Flughafen ausfällig geworden sein, weil es ihm in einer Warteschlange zu lange dauerte. "Was für ein beschissenes Land. Immer derselbe Mist", zitierte ihn die Sporttageszeitung "L'Equipe". Ein namentlich nicht genannter Fahrer bezeichnete ihn daraufhin als Rassist, was Cavendish wiederum auf die Palme brachte.

Auch wenn seine menschlichen Qualitäten diskussionswürdig sind - sportlich fährt der Mann, der von seinen Freunden "Cav" gerufen wird, in der höchsten Liga. Teamchef Rolf Aldag attestiert ihm ein "technisches und taktisches Verständnis, wie es Erik Zabel vor 15 Jahren auch auszeichnete".

Tatsächlich könnte Cavendish seinen "Lehrmeister" Zabel bald sogar übertreffen: Dessen Bilanz weist zwölf Etappensiege bei der Tour auf. Cavendish hat bislang acht auf dem Konto. "Er ist fünf Prozent besser als alle, sein Team bringt weitere fünf Prozent. Diese Komposition macht ihn zurzeit unschlagbar", sagte Sprint-Konkurrent Jimmy Casper.

Sollte der 1,75 Meter große und 69 Kilogramm schwere Ausnahme-Sprinter nicht wie in den beiden Jahren zuvor an den schweren Bergetappen scheitern, wird ihm das Grüne Trikot des Sprintbesten kaum noch zu nehmen sein.

Für den Radsport hat der in Douglas auf der Isle of Man geborene Cavendish schon früh alles auf eine Karte gesetzt. Im Alter von 16 Jahren beendete er seine schulische Ausbildung und arbeitete zunächst in einer Bankfiliale. Doch schon bald dämmerte ihm, dass die Tätigkeit im Geldinstitut nicht seiner Bestimmung entsprach. Nach zwei Jahren quittierte er seinen Job und heuerte für umgerechnet 75 Euro Taschengeld in der Radsport-Akademie Fallowfield an. Nur wenig später stellten sich die ersten Erfolge als Bahnradfahrer ein. Der Anfang war gemacht. Über die Zeit in der Bank sagte er später einmal: "Jede Stunde auf dem Rennrad ist besser als ein Tag im Büro."

Cavendish fokussierte sich zunächst auf den in England sehr populären Bahnradsport. 2003 wurde er Weltmeister im Zweier-Mannschaftsfahren Madison, bei der U23-Europameisterschaft gewann er im Punktefahren die Goldmedaille. Zwei Jahre später holte der deutsche Trainer Heiko Salzwedel das junge Talent nach Deutschland. 2006 erhielt Cavendish beim T-Mobile-Team eine Lizenz als sogenannter Stagiaire, ein Amateur, der bei den Profis als "Praktikant" startet.

Nur ein Jahr später empfahl sich der Sprinter mit zahlreichen Siegen für einen Start bei der Tour. Bei seinem Frankreich-Debüt kollidierte er allerdings schon auf der ersten Etappe mit einer Zuschauerin und musste das Rennen nach dem achten Teilstück aufgeben.

Für Aufsehen sorgte er dennoch: Vor dem Start unterschrieb er als einer der ersten Radprofis die "Ehrenerklärung" des Weltradsport-Verbandes UCI. Damit verpflichtet sich der Fahrer bei Dopingverstößen zur Zahlung eines kompletten Jahresgehaltes. "Ich möchte mich für das, was ich tue, später nicht schämen müssen", begründete Cavendish seinen Schritt. Aus sportlicher Sicht hat er dazu momentan wahrlich keine Gründe.

ged/hut/sid/dpa



insgesamt 492 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Brieli 02.07.2009
1.
Zitat von sysopJubelnde Massen an der Strecke, packende Duelle in den Bergen und Millimeter-Entscheidungen im Sprintfinale - so könnte die Tour '09 aussehen. Oder versinkt die Frankreich-Rundfahrt einmal mehr im Doping-Chaos? Wie ist das Comeback von Lance Armstrong zu bewerten?
Wie üblich. Beides. Ist doch egal, ob ein Doper mehr oder weniger mitfährt.
Parisienne, 02.07.2009
2.
Zitat von sysopJubelnde Massen an der Strecke, packende Duelle in den Bergen und Millimeter-Entscheidungen im Sprintfinale - so könnte die Tour '09 aussehen. Oder versinkt die Frankreich-Rundfahrt einmal mehr im Doping-Chaos? Wie ist das Comeback von Lance Armstrong zu bewerten?
Ach ja, es ist wieder so weit, die Tour de Farce! Allein die Schlamperei der WADA mit dem Sinkewitz-Protokoll zeigt doch, in welch katastrophalem Zustand sich der Radsport noch immer befindet. Dann wurde auch gleich noch Thomas Dekker positiv auf EPO getestet, wunderbar. Wer noch immer daran glaubt, der Radsport könnte in absehbarer Zeit wieder sauber sein, tut mir einfach nur leid. Und Lance Armstrong? Was hat eigentlich Jan Ulrich die nächsten Wochen so vor?
DickBush, 02.07.2009
3. Lance setzt ein gutes Signal an
Auch andere Sportarten sind von der Drogenplagge nicht frei gewesen, im Radsport hat man aber ganz hart und konsequent gehandelt. Die Tour war und ist eine in jedem Bezug tolle Veranstaltung, es ist ein Glücksfall daß sich der große Lance wieder zum Wort gemeldet hat!
a.narchist, 02.07.2009
4. Als Kind die Friedensfahrt, später die Tour der Leiden ...
heute totale Radsport-Abstinenz. Allerdings gucke ich mir auch keine Leichtathletik-Wettbewerbe mehr an und keine ... Der ganze versiffte Kommerz-Sport kann mir gestohlen bleiben. Kälbermast-Mittel für Menschen und für Menschen gedachte Arzeneien den Pferden verabreicht. Olympiasieger - zwei Jahre Sperre - Weltmeister und wieder gedopt, die Karriere von Kugelstoßern. Hammerwerferinnen, die echt "der Hammer" sind und nun der König des Doping wieder auf dem Rad. Wer da noch mitfiebert, sollte einen Arzt aufsuchen oder die eigenen Medikamente absetzen.
Shiraz, 02.07.2009
5.
Zitat von sysopJubelnde Massen an der Strecke, packende Duelle in den Bergen und Millimeter-Entscheidungen im Sprintfinale - so könnte die Tour '09 aussehen. Oder versinkt die Frankreich-Rundfahrt einmal mehr im Doping-Chaos? Wie ist das Comeback von Lance Armstrong zu bewerten?
Hihi, alle Jahre wieder:-) Verseucht, verlogen, versaut. Schau ich mir nicht mehr an.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.