Stabhochsprung Erneuter Weltrekord der Zentimeterkünstlerin

Beim Golden-League-Meeting in Brüssel hat Stabhochspringerin Jelena Isinbajewa einen neuen Weltrekord aufgestellt. Nicht zum ersten Mal in diesem Jahr. Die russische Olympiasiegerin geht bei der Rekordjagd so behutsam wie einst das Stabhochspringer-Idol Sergej Bubka vor.


Jelena Isinbajewa: "Die Leute sollen mich in Erinnerung behalten"
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Jelena Isinbajewa: "Die Leute sollen mich in Erinnerung behalten"

Brüssel - Die 4,92 Meter vom Freitagabend waren Isinbajewas achter Weltrekord binnen 15 Monaten - Jelena Isinbajewa avanciert zum Gegenstück des legendären Sergej Bubka. Ebenso spektakulär holte sich der für den Wüstenstaat Katar startende gebürtige Kenianer Saif Saaeed Shaheen in 7:53,63 Minuten die Bestmarke über 3000 Meter Hindernis - und stand doch beim fünften Golden-League-Meeting der Leichtathletik-Saison im Schatten der dunkelhaarigen Russin. "Ich habe mich gefreut wie nie, weil ich so müde war nach Olympia und nicht damit rechnete", erklärte die Serien-Weltrekordlerin.

Erst ein Salto rückwärts auf der Landematte, dann rannte sie mit erhobenen Armen in die Kurve, umarmte ihren Trainer Jewgeni Trofimow und ließ sich minutenlang feiern. "Erst die Zuschauer gaben mir die Energie", schwärmte Isinbajewa, "die Atmosphäre war so fantastisch." Brüssel hat in puncto Begeisterungsfähigkeit des Publikums dem einstigen Meeting-Mekka Zürich den Rang abgelaufen.

"Wer ist Bubka?"

Im Training hat Jelena Isinbajewa längst die Traummarke von 5 Metern gemeistert. Angesichts der 50.000 Dollar, die sie für jeden Weltrekord kassiert, verschiebt sie natürlich wie Bubka die Dimensionen nur scheibchenweise. "Das Geld steht für mich an zweiter Stelle", behauptet die 22-Jährige, "ich mag es, wenn die Leute über mich sprechen. Wenn ich jetzt gleich 5 Meter springe, weiß ich nicht, was kommt. Ich will es Schritt für Schritt tun, die Leute sollen mich in Erinnerung behalten."

Wie einst Sergej Bubka. Dabei kannte Isinbajewa den Weltrekordler (6,15) und sechsmaligen Weltmeister aus der Ukraine gar nicht, als sie mit 15 Jahren das Stab-Training aufnahm. "Mein Coach fragte mich: Kennst Du Bubka? Und ich fragte zurück: Wer ist sie?", erzählt die frühere Turnerin, die daraufhin nur Kopfschütteln erntete. "Du springst wie Bubka", ließ der Trainer sie wissen - das größte Kompliment für Stabhochspringer.

Genugtuung für Saif Saaeed Shaheen

Saif Saaeed Shaheen, vor dem Wechsel der Staatsangehörigkeit als Stephen Cherono bereits Junioren-Weltmeister für Kenia, dann 2003 Weltmeister für den Katar, empfand nach seinem Rekordrennen besondere Genugtuung. "Das war mein olympisches Finale", sagte der wie Isinbajewa mit 50.000 Dollar Rekordprämie belohnte 21-Jährige, der seit seiner Einbürgerung vom Emir von Katar eine lebenslange Rente von 1000 Dollar pro Monat, sowie das eine oder andere Extra erhält. Im Gegensatz zu anderen Kenianern, die ebenfalls dem Lockruf des Geldes nach Katar oder Bahrain folgten, war Shaheen Olympia von den Funktionären verweigert worden. "Dieselben Leute, die dem Wechsel zum Katar zustimmten, hielten mich vom Start in Athen ab", ärgert sich Shaheen, der den Marokkaner Brahim Boulami (3. in 8:02,66) bei dessen Rückkehr nach zweijähriger Epo-Dopingsperre als Weltrekordler entthronte.

Weitere Glanzlichter setzten der Jamaikaner Asafa Powell über 100 Meter in 9,87 Sekunden sowie der 5000-Meter-Olympiadritte Eliud Kipchoge aus Kenia mit der Jahresweltbestzeit von 7:27,72 Minuten über 3000 Meter. Wie andere Olympiasieger verzichtete Marokkos Star Hicham El Guerrouj kurzfristig, weil er nach dem Gold-Double von Athen (1500/5000 m) körperlich und mental ausgebrannt sei: "Ich fühle mich wie ein Luftballon, aus dem die Luft raus ist."

Weltrekordler Saif Saaeed Shaheen: "Mein olympisches Finale"
REUTERS

Weltrekordler Saif Saaeed Shaheen: "Mein olympisches Finale"

Beim Golden-League-Finale in Berlin (12. September) sind noch zwei im Rennen um den mit einer Million Dollar dotierten Gesamtsieg. Schwedens Dreispringer Christian Olsson (17,44 m) und 400-Meter-Läuferin Tonique Williams-Darling von den Bahamas, die in 49,59 Sekunden Mexikos Weltmeisterin Ana Guevara schlug. Aus dem Jackpot fielen dagegen 400-Meter-Hürden-Olympiasieger Felix Sanchez (Dominikanische Republik) wegen einer Oberschenkelverletzung nach 42 Rennen ohne Niederlage und Südafrikas Hochsprung-Weltmeisterin Hestrie Cloete (1,96 Meter), die wie bei Olympia Jelena Slesarenko (Russland/2,00) unterlag.

Deutsche im Mittelfeld

Kleinere Brötchen mussten wie bei Olympia die vier deutschen Athleten in Brüssel backen. Der frühere Vizeweltmeister Ingo Schultz aus Hamburg wurde in enttäuschenden 45,93 Sekunden nur Neunter und Letzter, legte sich aber definitiv nicht fest, ob er seine Karriere fortsetzen will: "Ich gebe nicht auf, was mir Spaß macht. Und ich laufe gern." Viel Freude am Sprint haben weiter Olympia-Finalist Tobias Unger (Kornwestheim/Ludwigsburg) und Sebastian Ernst (Gelsenkirchen), die über 200 Meter Sechster beziehungsweise Siebter wurden. "Dass ich hier mitlaufen durfte, ist eine Anerkennung für meine Leistung", freute sich Unger, der immerhin nach 20,50 Sek. 1250 Dollar mitnehmen durfte. Für das beste deutsche Ergebnis sorgte im Kugelstoßen der Neubrandenburger Ralf Bartels mit Platz fünf.



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