Stasi-Affäre Steuer "Das ist eine unglaubliche Dreistigkeit"

Der Eiskunstlauftrainer und ehemalige Stasi-Spitzel Ingo Steuer will seine Teilnahme an den Olympischen Spielen gerichtlich erzwingen. SPIEGEL ONLINE sprach mit dem ehemaligen Skilanglauftrainer Henner Misersky über Spitzelopfer und die Rückkehr der Täter in die Schaltstellen des Sports.


SPIEGEL ONLINE:

Können Sie es nachvollziehen, dass Ingo Steuer sich per einstweiliger Verfügung in den Olympia-Kader einklagen will?

Stasi-Geschädigter Henner Misersky: Keine Bereitschaft zur Selbstreinigung im Sport

Stasi-Geschädigter Henner Misersky: Keine Bereitschaft zur Selbstreinigung im Sport

Misersky: Das ist eine unglaubliche Dreistigkeit, wenn man die Aktenlage betrachtet. Leute, die charakterlich so gestrickt waren, dass sie sich mit der Stasi in konspirativen Wohnungen getroffen und dort Namen genannt haben, wussten doch ganz genau, dass sie es billigend in Kauf nehmen, wenn anderen damit geschadet wird. Viele ziehen sich hinter die Position zurück, die Manfred Stolpe kreiert hat: wissentlich niemandem geschadet zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie beurteilen Sie die Reaktionen des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) und der Deutschen Eislauf-Union (DEU) im Fall Steuer?

Misersky: Das war doch alles halbherzig. Als das NOK gemerkt hat, dass das Medieninteresse groß wird, haben sie reagiert. Und die Deutsche Eislauf-Union (DEU) hat nur rumgeeiert. Der DEU-Präsident Reinhard Mirmseker war als Mitarbeiter des DDR-Rundfunks ja auch ein linientreuer DDR-Bürger.

SPIEGEL ONLINE: Aber grundsätzlich muss man doch schon differenzieren zwischen eilfertigen Spitzeln und denen, die unter Druck gesetzt wurden und ein bisschen mitgemacht haben - vielleicht damit ihre Kinder studieren konnten.

Misersky: Allein das Nennen von Namen konnte sehr schädlich sein. Ein Freund von mir taucht in meiner Stasi-Akte auf. Seine Post wurde kontrolliert, die Wohnung wurde verwanzt. Durch das vermeintlich harmlose Nennen von Namen sind doch viele erst in dieses Getriebe hineingeraten und letztendlich in Bautzen im Gefängnis gelandet.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind Sie im Herbst aus der thüringischen Stasi-Kommission ausgetreten?

Misersky: Weil das aus meiner Sicht eine Alibi-Kommission ist. Sie ist vom Landessportbund nach langen Anlaufschwierigkeiten im November 2004 gegründet worden. Das war natürlich sehr medienwirksam. Dieses Gremium ist aber nicht unabhängig, weil die meisten Mitglieder eine große Nähe zum Landessportbund haben. Ich bin gegangen, weil sich ein Jahr lang überhaupt nichts bewegt hat.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst sind ja auch bespitzelt worden. Fühlen Sie sich als Vorzeige-Aufklärer missbraucht?

Misersky: Missbraucht nicht, aber enttäuscht war ich schon. Nachdem ich die Arbeit der Kommission öffentlich als Alibi-Veranstaltung kritisiert hatte, ist bei einer Sitzung der Präsident des Thüringer Landessportbundes, Peter Gösel, reingeschneit und hat mich verbal attackiert. Wie ich so etwas behaupten könnte? Da habe ich zu ihm gesagt: Wissen Sie, Manfred Thieß, der mich während meiner Studienzeit massiv bespitzelt hat, ist heute Leiter der Thüringer Sportakademie. Und das, obwohl er wegen seiner Spitzeltätigkeit als Landessportpräsident von Thüringen 1994 zurücktreten musste und die Uni Jena ihn auch entlassen hatte.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat Gösel reagiert?

Misersky: Er ist laut geworden und hat gefragt, ob Thieß etwa in den Knast gesteckt werden sollte? Ich habe gesagt, das natürlich nicht, aber warum muss so einer als Angestellter der Thüringer Kultusbehörde vom Steuerzahler alimentiert werden? Daraufhin wurde es noch mal sehr laut, danach bin ich aus der Kommission ausgetreten.

SPIEGEL ONLINE: Was für ein Gefühl ist es zu sehen, dass viele Stasi-belastete Verantwortliche von damals heute wieder an Schaltstellen sitzen?

Misersky: Natürlich ist das in gewisser Weise frustrierend. Das Problem liegt ja darin, dass es im Sport im Prinzip überhaupt keine Bereitschaft zur Selbstreinigung gab. Außerdem hätten aus meiner Sicht Regelungen wie im öffentlichen Dienst zur Anwendung kommen müssen. Denn der Sport verlangt ja immer eine Zuwendungsgarantie vom Steuerzahler. Der Spitzensport in Deutschland wird vom Innenministerium finanziert. Aber wenn es um die Aufarbeitung von Stasifällen geht, heißt es immer, dass der Sport ja autonom sei. Es kann aber nicht sein, dass Stasispitzel und Dopingtrainer alimentiert werden, und um die Geschädigten kümmert sich keiner.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt es, dass sich der Sport offenbar so schwer tut mit der Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit?

Misersky: Weil der bundesdeutsche Sport nach der Wiedervereinigung die Leistungsfähigkeit des ostdeutschen Sports integrieren wollte. Da wären zu viele Leistungsträger und Verantwortliche durch das Raster gefallen. Man wusste ja, dass die Leute in den Schaltstellen, den Leistungssportkommissionen häufig belastet waren, genau wie die Auswahltrainer. Einige Verbände haben doch sogar diejenigen Trainer verpflichtet, die auf der Hitliste der Doper ganz oben standen, der Schwimmverband zum Beispiel. Auch der Leichtathletikverband ist aus meiner Sicht von Dopern systematisch unterwandert worden, siehe Bernd Schubert, der zum Chef-Verbandstrainer avancieren konnte.

SPIEGEL ONLINE: Erleben die Kritiker der Stasi-Aufarbeitung im Sport auch heute noch Anfeindungen?

Misersky: Natürlich, wir werden als Nestbeschmutzer bezeichnet. Aber das Nest ist doch so verdreckt gewesen, das konnte gar keiner mehr beschmutzen. Es ist doch symptomatisch, wie der Präsident des Landessportbundes auf meine Kritik reagiert hat.

SPIEGEL ONLINE: Was sagen Sie denn den Leuten, die dafür plädieren, die Stasi-Diskussion 15 Jahre nach der Einheit endlich zu beenden?

Misersky: Ich bin der Meinung, dass Leute, die aufgrund von Aktenfunden relativ spät enttarnt werden, genauso behandelt werden müssen, wie diejenigen, die gleich nach der Wende aufgeflogen sind. Der ehemalige Bob-Olympiasieger Wolfgang Hoppe, 1992 noch Fahnenträger bei den Spielen in Albertville, ist ein Jahr später bei der Bundeswehr rausgeflogen, und zwar wegen Einstellungsbetrugs. Er hatte seine Kontakte zum MfS verschwiegen. Auch der Biathlet Sven Fischer, der im Herbst 1989 noch eine Verpflichtungserklärung beim MfS unterschrieben und dies der Bundeswehr verheimlicht hat, ist dafür rausgeknallt worden. Obwohl er vermutlich keinen einzigen Bericht abgegeben hat.

SPIEGEL ONLINE: Sie wirken sehr enttäuscht über die bisherige Stasi-Aufarbeitung im Sport.

Misersky: Natürlich, weil es nie eine richtige saubere Aufarbeitung gegeben hat. Es wäre nötig gewesen, dass Stasi-Spitzel, die vom Steuerzahler mitfinanziert werden, aus der öffentlichen Förderung gestrichen werden. Die sollen in die freie Marktwirtschaft gehen und meinetwegen ein Fitnessstudio aufmachen.

Die Fragen stellte Jens Todt



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